Kritik

Fried Barry

„Fried Barry“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Barry (Gary Green) ist nicht unbedingt, was man eine Stütze der Gesellschaft nennen würde. Er vernachlässigt seine Familie, ist ständig besoffen oder macht anderweitig den Leuten das Leben zur Hölle. Doch das alles soll sich ändern, als ihn eines Tages Aliens entführen und die Kontrolle über seinen Körper übernehmen. Denn nun stolpert Barry, der nicht Barry ist, durch die Gegend, mit großen, staunenden Augen und in dem festen Willen, die Menschheit zu verstehen und zu analysieren. Das bedeutet nicht nur für die außerirdische Spezies eine ganz neue Erfahrung. Auch die Leute, denen Gary begegnet, lernen ihn und das Leben noch einmal ganz neu kennen …

Ein faszinierend-abstoßender Trip
Ein verabscheuungswürdiger, brutaler Mann wird aufgrund einer Alienentführung zu einem an anderen Leuten interessierten Menschen – das klingt eigentlich nach einer süßlichen Komödie mit schönen Lebensweisheiten zum Schluss. Im Fall von Fried Barry könnte das aber nicht weiter entfernt von der Wahrheit sein. Auf Humor verzichtet Ryan Kruger, der hier nach endlos vielen Kurzfilmen sein Langfilmdebüt als Regisseur und Drehbuchautor gibt, dabei zwar nicht. Immer wieder gibt es hier Anlass zum Lachen. Doch süß ist daran so gar nichts. Im Gegenteil: Was er hier so auf die Leinwand gebracht ist, ist grotesk, teils abstoßend, aber auch faszinierend.

Dass Kruger aus dem Kurzfilmbereich kommt, der Film sogar die Erweiterung eines Kurzfilms ist, ist Fried Barry zu jeder Zeit anzumerken. Eine durchgängige Geschichte hat Kruger nicht zu erzählen. Zwar gibt es Spuren einer Entwicklung, wenn der seit der Übernahme sprachlos gewordene Titelheld nach und nach Wörter lernt sowie Anzeichen menschlichen Verhaltens. Dennoch besteht der Film größtenteils aus voneinander unabhängigen Vignetten, die zeigen, wie Barry irgendwelchen Leuten begegnet. Der Figur selbst kommt man auf diese Weise natürlich kaum näher, ist aber auch nicht wirklich so gedacht. Vielmehr spielt der Beitrag vom Fantasy Filmfest 2020  ja mit der Fremdheit, mit diesem Graben des Unverständnisses zwischen dem ziellos umherstreifenden Junkie und der Welt um ihn herum.

Die Erde als ein fremder Ort
Diese Verfremdung wird einerseits durch die audiovisuelle Umsetzung verdeutlicht. Begleitet von Haezers sphärischen Synthieklingen wirbelt die Kamera von Gareth Place umher, zeigt das südafrikanische Kapstadt als ein schmutziges, aber zugleich auch schillerndes Höllenloch voller Abgründe. Voller Menschen auch, die irgendwie darin verloren sind. Ein bisschen ist das so, als hätte man Tangerine L.A. mit Under the Skin gekreuzt: eine Mischung aus ungeschöntem Szenedreck des einen, bevölkert von kuriosen Gestalten, mit dem surrealen Trip des anderen. Die Mischung ist eigenartig, ohne jeden Zweifel, so als wollte Kruger gleichzeitig etwas über die Erde erzählen und ihr dabei entfliehen. Wirkliche Erkenntnisgewinne gehen damit dann nicht einher, eher Verwunderung und die eine oder andere Infragestellung.

Punktuell ist das durchaus sehenswert, gerade auch weil Gary Green eine beachtliche Körperlichkeit mitbringt und seinen leeren Gesichtsausdruck mit den weit aufgerissenen Augen im Laufe der Zeit erweitert. Aber es ist doch nicht genug, um damit einen kompletten Film zu füllen. Eben weil Fried Barry darauf verzichtet, eine tatsächliche Geschichte zu erzählen, sondern einfach Szene um Szene erweitert, stellen sich bald erhebliche Längen ein. Es fehlt schlicht die Abwechslung, die ein derart nicht-narratives, leicht experimentelles Werk bräuchte, um wirklich anderthalb Stunden fesseln zu können. Dennoch: Wer etwas andere Seherfahrungen sammeln möchte und dabei gern ein bisschen im Dreck wühlt – wortwörtlich und im übertragenen Sinn –, der kann sich hier einmal von den Aliens entführen lassen.

Credits

OT: „Fried Barry“
Land: Südafrika
Jahr: 2020
Regie: Ryan Kruger
Drehbuch: Ryan Kruger
Musik: Haezer
Kamera: Gareth Place
Besetzung: Gary Green, Chanelle De Jager, Bianka Hartenstein, Sean Cameron Michael, Jonathan Pienaar

Bilder

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Fried Barry
4.11 (82.11%) 19 Artikel bewerten

Fried Barry
In „Fried Barry“ wird ein widerwärtiger Mann von Aliens entführt und wird anschließend zum Wirtskörper einer etwas anderen Entdeckungstour durch die Straßen Kapstadts. Vereinzelt ist das faszinierend, vor allem durch die audiovisuelle Umsetzung und den irre auftretenden Hauptdarsteller. Auf Dauer ist das aber zu wenig, der Film kommt nicht ohne Längen aus.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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