Kritik

Die Heimreise

„Die Heimreise“ // Deutschland-Start: 24. September 2020 (Kino)

Es gibt wohl kaum etwas, das uns derart stark prägt wie unsere Familie, die Menschen, mit denen wir aufgewachsen sind. Was aber, wenn genau das fehlt? Wenn da niemand war, es niemals jemanden gab? Die Heimreise erzählt von einem solchen Fall: Bernd Thiele wurde schon früh aus seiner Familie genommen, wuchs anschließend mal in dem einen, mal dem anderen Heim auf. Ein festes Umfeld hatte er nie. Keine Eltern, die ihm den Weg weisen konnten. Keine Geschwister, die mit ihm die Welt entdeckten. Er weiß auch so gut wie nichts über sie, nur ein paar weitergegebene Informationen, von denen er nicht sagen kann, ob sie stimmen. Und ein Brief, den seine Mutter geschrieben hat, das einzige, was ihm geblieben ist. Das und die irreparablen Schäden, die sie in seinem Gehirn verursachte, weil sie während der Schwangerschaft trank. Ende 30 ist Thiele inzwischen, bis heute lernte er nicht lesen oder schreiben.

Die Suche nach den Wurzeln
Die Heimreise ist jedoch nur bedingt ein Film über eine geistige Beeinträchtigung. Auch die Frage, ob ein davon betroffener Mensch gut genug in der Welt integriert ist und ob er Chancen bekommt, spielt keine wirkliche Rolle. Stattdessen handelt die Dokumentation, wie der Titel bereits andeutet, von dem Versuch Thieles, nach all den Jahren doch noch seine Familie zu finden oder zumindest zu erfahren, wer sie ist. Denn auch wenn er nicht unglücklich ist, so der Eindruck, den die Aufnahmen erwecken, es hat doch immer etwas gefehlt. Ein Fundament, auf dem er sich aufbauen konnte und das ihm Halt gab. Immer wieder spricht er davon, sich wie ein Klon zu fühlen, der aus dem Nichts kam.

Schon dieser Vergleich zeigt auf, dass Thiele nicht den Erwartungen eines „Zurückgebliebenen“ entspricht. Er ist reflektiert, kann sich so gut ausdrücken, dass seine Begegnungen sich immer wieder dazu hinreißen lassen, ihm Komplimente zu machen. Außerdem haben er und Joann, der mit ihm auf einem Bauernhof arbeitet und der ihn auf seiner Reise begleitet – einer muss ja U-Bahn-Stationen lesen können – eine ganz eigene Sicht auf die Welt. Sie sprechen Punkte direkt an, um die andere einen Bogen machen würden, begegnen den Menschen mit Neugierde und Humor. Wenn die beiden durch Hamburg laufen, später auch Berlin, dann wird das zu einer Entdeckungsreise, bei der die Suche nach der Familie teilweise schon zur Nebensache wird.

Eine lebendige Stammbaumforschung
Natürlich kommt der Film aber immer wieder auf das Thema zurück. Unterstützt von Privatdetektiven, aber auch Passanten, Nachbarn oder anderen Zufallsbekanntschaften machen sie sich auf die Suche nach überlebenden Familienmitgliedern. Tatsächlich werden sie welche finden, wenn auch anders als gedacht und erhofft. Während sie manche nicht sehen können oder dürfen, weil sie verstorben sind oder ein Treffen sie überfordert, tauchen wie aus dem Nichts andere Verwandte auf, von denen sie nichts wussten. Die Heimreise ist die Geschichte einer Stammbaumforschung. Nur dass diese hier eben nicht theoretisch ist, nicht am Tisch mit weit ausgebreiteten Zetteln stattfindet, sondern da draußen auf den Straßen, in realen Begegnungen.

Die sind dann auch was fürs Herz. Der Beitrag vom DOK.fest München 2020 zeigt rührende Zusammenführungen und spontane Familientreffen, bei denen Thiele endlich mehr erfahren darf und Einblicke in eine weit verstreute, teils dysfunktionale Familie erhält. Interessant wäre es gewesen zu erfahren, ob aus diesen Begegnungen etwas Dauerhaftes wird oder ob die Euphorie des Moments zu schnell vom Alltag eingeholt wird. Der Aspekt der Selbstfindung, der bei der Suche ja immer mitschwang, kommt dann doch etwas kurz. Dennoch ist Die Heimreise ein schöner Film, der an die Bedeutung von Familien erinnert und auch ein bisschen Mut macht, immer wieder rauszugehen und zu suchen, auf dieser Welt das Bekannte und das Unbekannte zu finden.

Credits

OT: „Die Heimreise“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Tim Boehme
Drehbuch: Tim Boehme
Musik: Achim Treu
Kamera: Tim Boehme

Bilder

Trailer



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Die Heimreise
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Die Heimreise
In „Die Heimreise“ macht sich ein Mann auf die Suche nach seiner Familie, die er nie kennengelernt hat und die er gerade deshalb vermisst. Der Dokumentarfilm ist dabei ein schöner Beitrag über die Bedeutung von Familien, ist aber auch aufgrund der beiden Protagonisten sehenswert, die einen ganz eigenen Blick auf die Welt haben.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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