Kritik

Upgrade

„Upgrade“ // Deutschland-Start: 11. April 2019 (DVD/Blu-ray)

Eigentlich wollten der Mechaniker Grey Trace (Logan Marshall-Green) und seine Frau Asha (Melanie Vallejo) nur einen reparierten Wagen zu dem Tech-Guru Eron Keen (Harrison Gilbertson) bringen und danach wieder nach Hause fahren. Doch es kam anders. Erst verweigert ihr eigenes selbstfahrendes Auto bei der Rückfahrt die Befehle, fährt in eine falsche Richtung und baut am Ende einen gewaltigen Unfall. Und dann werden die zwei auch noch von Wildfremden überfallen, mit verheerenden Folgen: Asha wird vor den Augen von Grey ermordet, er selbst ist im Anschluss querschnittsgelähmt. Völlig seines Lebenswillens beraubt und desillusioniert von der Polizeiarbeit, lässt er sich auf einen Vorschlag von Keen ein, der ihm ein neuartiges Implantat einbaut. Unterstützt von der Technik kann Grey sich nun wieder bewegen und macht sich im Anschluss sofort auf die Suche nach den Mördern seiner Frau …

Eigentlich ist Leigh Whannell ein Name, den man vor allem mit dem Horror-Genre in Verbindung bringt. Bekannt wurde er durch seine diversen Kollaborationen mit James Wan: Gemeinsam schrieben sie die Drehbücher von Saw und Deadly Silence, Whannell verfasste auch das Skript von Insidious, bei dem Wan Regie führte. Irgendwann reichte es dem Australier aber nicht mehr, nur für andere Geschichten zu schreiben, er wollte sie auch selbst inszenieren. Und so gab er 2015 mit Insidious: Chapter 3 sein Debüt als Regisseur. Das war kompetent, aber auch irgendwie langweilig. Er schaffte es weder, der inzwischen bereits ausgebrannten Dämonenreihe, noch dem Genre an sich neue Impulse zu verleihen, ging zum Auftakt lieber auf Nummer sicher.

Der Horror des fremden eigenen Körpers
So richtig groß dürften deshalb die Erwartungen bei den wenigsten gewesen sein, als Film Nummer zwei anstand. Die Überraschung war umso größer. Ganz auf den Horroraspekt verzichtete er zwar nicht bei Upgrade, doch im Vergleich zur vorangegangenen Fließbandarbeit war dieser eher geringer ausgeprägt. Stattdessen wurde die Geschichte um einen querschnittsgelähmten Mann, der dank eines Implantats auf einen Rachefeldzug geht, ungewohnt actionreich. Auch der Humoranteil ist deutlich größer, wenn der Filmemacher die Absurdität seines Szenarios auskostet und einen bislang wenig technikaffinen Mechaniker zu einem technologischen Rächer ummodelliert.

Ein wenig spielt Upgrade an diesen Stellen mit unserer Angst vor einer technologisierten Welt, in der der Mensch immer weniger zu sagen hat. Das ist im Science-Fiction-Genre nicht gerade selten, viele dystopische Zukunftsszenarien warnen davor, dass wir die Kontrolle über unsere Maschine verlieren könnten – und am Ende auch über uns. Whannell findet aber noch mal einen ganz eigenen Kniff, indem nun zwei Bewusstseinsformen einen Körper teilen und dabei regelmäßig an die eigenen Grenzen stoßen. Das ist der Dynamik von Venom ganz ähnlich, setzt ebenfalls auf einen großen Kontrast. Nur dass hier der Kontrast eben zu einer künstlichen Intelligenz besteht, die ohne Skrupel schon mal ganze Verbrechergangs brutal massakriert und dabei weder Furcht noch Freude empfindet.

Komische Roboter-Action mit tödlichen Folgen
Gerade zu Beginn machen diese Actionszenen auch durchaus Spaß. Nicht nur, dass sie mit eben diesem inneren Konflikt verbunden sind und dem Schrecken, wenn der eigene Körper plötzlich einen fremden Willen hat. Sie sind auch audiovisuell ungewöhnlich inszeniert. Begleitet von technologischen Summgeräuschen wirbelt die Kamera umher, während Hauptdarsteller Logan Marshall-Green (The Invitation) Martial-Arts-Techniken nach Roboter-Art anwendet. Das ist natürlich völlig überzogen und so künstlich, dass die Schläge ohne jegliche Wucht sind. Mit der Zeit lässt die Faszination an diesem Mörderballett auch etwas nach, wenn sich Whannell und sein Kameramann Stefan Duscio zu sehr darauf ausruhen. Zumindest in kleineren Dosen bringt das aber durchaus frischen Wind.

Bei der Geschichte selbst heißt es dabei jedoch Abstriche machen. So originell die Mischung aus Racheplot, Cyberpunk-Sci-Fi und Humor ist, gefüllt ist das Ganze dann doch mit dem einen oder anderen Logikloch sowie jeder Menge Klischees. Hinzu kommt, dass relativ selten etwas tatsächlich Überraschendes passiert. Die technologischen Möglichkeiten werden beispielsweise relativ selten genutzt, manches wird etwas zu oft wiederholt, was den Film trotz der kurzen Laufzeit von etwas mehr als anderthalb Stunden länger wirken lässt. Insgesamt sind es aber doch unterhaltsame anderthalb Stunden, nach denen der Name Whannell stärker aufhorchen lässt, als es die reinen Horror-Anfangstage erwarten ließen. Bleibt nur zu hoffen, dass bei der geplanten Serie etwas mehr Arbeit in den Inhalt investiert wird und aus der Fortsetzung von Upgrade eine wird, die dem Namen auch recht wird.

Credits

OT: „Upgrade“
Land: Australien
Jahr: 2018
Regie: Leigh Whannell
Drehbuch: Leigh Whannell
Musik: Jed Palmer
Kamera: Stefan Duscio
Besetzung: Logan Marshall-Green, Betty Gabriel, Harrison Gilbertson, Benedict Hardie, Linda Cropper

Bilder

Trailer

Filmfeste

SXSW 2018
Sitges 2018

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Upgrade
3.95 (79%) 20 Artikel bewerten

Upgrade
In „Upgrade“ will ein querschnittsgelähmter Mann dank eines technologischen Implantats die Mörder seiner Frau ausfindig machen. Der Film kombiniert dabei herkömmlichen Racheplot mit typisch dystopischen Zukunftsmöglichkeiten, ungewöhnlichen Actionszenen und überraschend viel Humor zu einem sehr unterhaltsamen Mix, auch wenn sich mit der Zeit doch einiges wiederholt und die Geschichte selbst nicht viel bietet.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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