Kritik

Tryggð

„Tryggð“ // Deutschland-Start: 6. August 2020 (Kino)

Gísella (Elma Lísa Gunnarsdóttir) weiß genau, was sie will: als Journalistin über die wirklich wichtigen Dinge im Leben schreiben und die Menschen informieren! Der Alltag sieht bei ihr aber anders aus, die Zeitung, bei der sie angestellt ist, ist mehr an Verkaufszahlen und Profit interessiert als an dem Inhalt. Und so kündigt sie ihre Stelle, um woanders etwas Besseres und Sinnvolleres zu finden. Tatsächlich erhält sie bald das Angebot, einen Artikel über die Situation von Immigranten in Island zu schreiben. Feuer und Flamme, endlich eine relevante Aufgabe erhalten zu haben, macht sie sich an die Arbeit und nimmt dabei bald Marisol (Raffaella Brizuela Sigurðardóttir), Abeba (Enid Mbabazi) und ihre Tochter Luna (Claire Harpa Kristinsdóttir) bei sich auf. In dem Haus, das sie von ihrer Großmutter geerbt hat, ist schließlich genug Platz. Ganz so einfach wie gedacht ist das Zusammenleben mit wildfremden Frauen dann aber doch nicht, wie sie schnell feststellen muss …

Die letzten Jahre hat das Thema die Menschen beschäftigt wie kaum ein anderes: Flüchtlinge bzw. Immigration im allgemeinen. Viel wurde darüber geredet, oft auch von Leuten, die eigentlich keine Berührungspunkte damit hatten, sich aber auch so betroffen fühlten. Doch wie wäre das, sich tatsächlich mit diesen Leuten auseinanderzusetzen, ihnen zuzuhören, ihre Geschichten zu erfahren? Basierend auf einem Roman von Auður Jónsdóttir tut Tryggð das, indem drei Frauen auf einmal ihr Leben miteinander teilen. Was vorher abstrakt war, wird nun konkret, bekommt ein Gesicht und einen Namen und eine Vorgeschichte. Aus dem Universellen wird das Individuelle, wenn nicht mehr anhand von Prinzipien diskutiert wird, sondern aufgrund direkt gesammelter Erfahrungen.

Hilfe, die keine ist
Tryggð, alternativ auch unter dem Titel The Deposit bekannt, ist damit kein umfassender Kommentar über die Situation von Immigranten, auch wenn immer wieder der Anspruch durchschimmert. Der Rückgriff auf Klischees zeigt, dass es hier dann doch auch ein wenig um Stereotype geht und die Frage, wo diese herkommen. Eines davon: das White Saviour Syndrom. Wenn Gísella, eine blonde, weiße Frau, sich um die beiden dunkelhäutigen Frauen kümmert, dann geschieht das einerseits durchaus aus einem echten Wunsch zu helfen. Aber er hat auch mit einem mangelnden Einfühlungsvermögen zu tun und der unbewussten Annahme, dass man das alles schon besser weiß als sie. Da darf man dann schon mal über die Köpfe der anderen hinwegentscheiden, ist ja für einen guten Zweck.

Wobei Regisseurin und Drehbuchautorin Ásthildur Kjartansdóttir darauf verzichtet, Tryggð nur zu einem Urteil über übergriffige Weltverbesserinnen zu machen. Wenn in dem Haushalt der drei Frauen bald alles drunter und drüber geht, dann hängt das mit einer allgegenwärtigen mangelnden Kooperationsbereitschaft zusammen, vor allem mit einer eingeschränkten Kommunikationsfähigkeit. Vieles von dem, was hier so schief geht, ließe sich relativ leicht vermeiden, wenn die Leute einfach mal offen miteinander reden würden anstatt übereinander. Es ist sogar recht frustrierend mitanzusehen, wie hier Chance um Chance vertan wird, indem sich die drei im Zweifel dann doch auf sich selbst zurückziehen und alles abblocken, was von außen kommt.

Wir müssen uns streiten!
An der einen oder anderen Stelle wirkt das etwas konstruiert, so als wollte man die Konflikte um jeden Preis haben, ohne sich groß darüber Gedanken machen zu müssen. Da wird dann schon mal willkürlich die nächste Eskalationsstufe eingeleitet. Andererseits zeigt Tryggð dabei auf, wie sich solche Tendenzen schon mal verselbständigen können und der Kampf um Kontrolle gerade zum Verlust derselben führt. Je mehr die Frauen ihre eigenen Regeln durchsetzen wollen, umso größer kracht es, umso mehr Regeln werden hinterhergeworfen, um etwas einzufangen, was längst nicht mehr zu bändigen ist. Es braucht zwar eine Weile, bis der Film in der Hinsicht mal Fahrt aufnimmt, dafür kracht es später umso stärker.

Mit dem Thema Immigration hat das dann nur noch am Rande etwas zu tun. Erfahrungen mit dem Krieg werden zwischendurch mal eingebaut, welche Abeba sehr geprägt haben. Tryggð bohrt an diesen Stellen oder auch der Frage nach kulturellen Unterschieden aber wenig nach. Ob das Zusammenleben mit fremden Menschen möglich ist oder nicht, wird nicht beantwortet. Stattdessen wird das isländische Drama zu einem Film über Frauen, die auf ihre Weise Angst vor einem Kontrollverlust haben, die Machtkämpfe austragen, teils unerfüllte Wünsche mit sich herumtragen, darüber wer sie sind, wer sie sein wollen, was sie haben wollen. Und das kann jedem passieren, unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe. Kjartansdóttir erzählt die Geschichte eines zwischenmenschlichen Scheiterns, das viel allgemeiner ist, als wir vermutlich wahrhaben wollen.

Credits

OT: „Tryggð“
IT: „The Deposit“
Land: Island
Jahr: 2019
Regie: Ásthildur Kjartansdóttir
Drehbuch: Ásthildur Kjartansdóttir
Vorlage: Auður Jónsdóttir
Musik: Kira Kira
Kamera: Ásgrímur Guðbjartsson
Besetzung: Elma Lísa Gunnarsdóttir, Enid Mbabazi, Raffaella Brizuela Sigurðardóttir, Claire Harpa Kristinsdóttir

Bilder

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Tryggð
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Tryggð
„Tryggð“ beginnt mit einer Journalistin, die über Thema Immigration berichten will, und wird zu einem Drama über Menschen, die sich auch aufgrund mangelnder Selbstreflektion gegenseitig das Leben schwer machen. An manchen Stellen sind diese eskalierenden Konflikte etwas erzwungen, der Film ist aber als Darstellung von Machtkämpfen und der Angst vor Kontrollverlust interessant.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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