Kritik

So richtig aufregend ist das Leben von Joseph (Ben Whishaw) eigentlich nicht. Er geht seiner Arbeit beim Londoner Flughafen nach, Tag für Tag, tastet Leute ab, überprüft ihr Gepäck. Dann und wann reagiert einer der Gäste vielleicht etwas emotionaler, im Großen und Ganzen ist die Aufgabe aber von Routine geprägt. Doch etwas rumort in ihm, zuerst leise, dann immer lauter. Mit seinen Eltern gerät er beim obligatorischen Besuch zu seinem Geburtstag aneinander, der Versuch, ein ganz normales Kabel zu besorgen, entwickelt sich zu einer furchtbaren Odyssee, die zunehmend an seinen Nerven zerrt – bis er eine verhängnisvolle Grenze überschreitet …

Wir hören immer wieder von ihnen, lesen in Zeitungen oder sehen es in den Fernsehnachrichten: Menschen, meistens Männer, die eines Tages irgendwie austicken, Verbrechen begehen, im schlimmsten Fall vielen anderen während ihres Amoklaufs das Leben nehmen. Die Trauer und Wut ist danach groß, die Frage der Waffengesetze spielt eine Rolle, aber auch andere Wege der Prävention. Eine der wichtigsten betrifft dabei jedoch nicht allein die Möglichkeit eines solches Gewaltakts, sondern die Suche nach der Motivation. Was veranlasst einen Menschen, auf einmal alles niederreißen zu wollen, sich nicht mehr an Regeln und Normen zu halten, sondern einfach niederen Instinkten zu folgen?

Die intime Suche nach dem Grund
Während die Frage nach den Gründen bei einem realen Fall meist sehr schnell zu den Akten gelegt wird, versuchen Filmemacher immer mal wieder, doch etwas ausführlicher hinter die Kulissen eines solchen Menschen zu blicken. Joker machte aus dieser Beobachtung eine Origin Story zu einem der berühmtesten Comic-Schurken überhaupt, gewann trotz sehr geteilter Reaktionen den Goldenen Löwen in Venedig und wurde im Kino zu einem echten Blockbuster. Davon kann Surge nur träumen, welches thematisch eine ähnliche Richtung einschlägt, das jedoch auf eine deutlich intimere und rauere Weise versucht.

So spielt beispielsweise die Gesellschaft in dem Film praktisch keine Rolle. Zwar hat Joseph immer mal wieder mit eher nervigen Menschen zu tun, egal ob daheim oder bei der Arbeit. Es findet jedoch keine vergleichbare Misshandlung statt, wie es sie beim Hollywood-Kollegen gibt. Auch die sonstigen Begegnungen des jungen Mannes sind für sich genommen wenig erwähnenswert, liefern keinen Anlass, um deshalb die ganze Welt hassen zu müssen. Doch das tut Joseph auch gar nicht. Wenn er zunehmend die Kontrolle verliert und destruktiven Trieben folgt, dann nicht, weil er damit ein Ziel verfolgen würde. Die Aktionen sind vielmehr das Ergebnis einer Ziellosigkeit, einer Sinnlosigkeit, der er zu entkommen versucht.

Die Intensität des Nichts
Surge wird dabei oft als Thriller verkauft, was dem Film aber nur zum Teil gerecht wird. Tatsächlich ist er eher eine Mischung aus Drama und Thriller. Die Atmosphäre ist durchaus durchgängig angespannt, man ahnt früh, dass das nicht gut ausgehen wird. Doch im Gegensatz zum besagten Joker oder anderen Amokfilmen wird es hier nie zu explizit. Es gibt keine großen Schießereien oder brutale Morde, ebenso wenig wie es Dialoge gibt, welche als Fundament dienen sollen. Stattdessen sehen wir hier zu, wie Ben Whishaw (David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück, James Bond 007: Skyfall) anderthalb Stunden durch die Gegend läuft, dabei auf beeindruckende Weise manischer und rastloser wird, verfolgt von einer Handkamera, ohne aber dass dies wirkliche Folgen hat.

Das ist nicht viel, wird den meisten vielleicht auch nicht genug sein. Surge, welches auf dem Sundance Film Festival 2020 Weltpremiere hatte, verweigert dem Publikum sowohl erklärende Worte wie auch kathartische Eskalationen, die als Protest gegen die Welt gedeutet werden könnten. Doch das ist gleichzeitig eben auch das Faszinierende an dem nur gemischt aufgenommenen Film: Er verweigert uns den Ausweg, lässt uns mit einem Mann allein, der auseinanderbricht und sich selbst neu zusammensetzen will, ohne uns diesem tatsächlich vorzustellen. Am Ende bleiben dieselben Fragen nach dem „warum“, die uns so oft plagen, bleibt das Gefühl der Hilflosigkeit, weil wir genau wissen, dass da etwas schief läuft – wir können es aber nicht begreifen und damit eben auch nicht verhindern. Manchmal passieren Dinge einfach.

Credits

OT: „Surge“
Land: UK
Jahr: 2020
Regie: Aneil Karia
Drehbuch: Rita Kalnejais, Rupert Jones
Musik: Tsujiko Noriko
Kamera: Stuart Bentley
Besetzung: Ben Whishaw, Ellie Haddington, Jasmine Jobson, Ian Gelder

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Surge
In „Surge“ verliert ein Mann zunehmend die Kontroller über sich, wird rastloser und destruktiv. Der Film wandelt dabei zwischen Drama und Thriller, verweigert dem Publikum sowohl Erklärungen wie auch befreiende Gewalt, sondern beschränkt sich auf eine angespannte Situation und einen beeindruckend manisch auftretenden Ben Whishaw.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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