(„Stoker“ directed by Chan-wook Park, 2013)

StokerAusgerechnet an ihrem 18 Geburtstag verliert India Stoker (Mia Wasikowska) ihren heißgeliebten Vater Richard (Dermot Mulroney) durch einen Autounfall. Die mit überaus stark entwickelten sinnlichen Wahrnehmungen ausgestattete junge Frau droht daraufhin in ihrem luxuriösen, aber tristen Zuhause zu veröden, denn ihre unterkühlte Mutter Evelyn (Nicole Kidman) hat sich schon lange emotional von ihr abgewendet. Doch dann taucht bei der Beerdigung plötzlich Charlie (Matthew Goode) auf, der lange verschollene Bruder des Verstorbenen. Während die ebenfalls angereiste Großtante Gwendolyn (Jacki Weaver) vor dem attraktiven Weltenbummler warnt, sind die beiden anderen schnell seinem Charme verfallen.

Kaum ein Film wurde 2013 wohl sehnsüchtiger von Anhängern des Genrekinos herbeigefiebert als Stoker, das englischsprachige Debüt von Chan-wook Park. Brutal waren die vorherigen Werke des südkoreanischen Regisseurs, voll von schwarzen Humor. Hier ist von beidem relativ wenig zu spüren, anders als etwa Oldboy oder Sympathy for Mr. Vengeance definiert sich der Thriller kaum durch das, was passiert, sondern seine Präsentation. Und die ist schlichtweg atemberaubend geworden.

Die außergewöhnlich hoch entwickelte Wahrnehmung seiner Hauptfigur nahm Park zum Anlass, den Zuschauer mit in die Welt der Stokers zu ziehen, die nach ganz eigenen Regeln zu funktionieren scheint. Wann wir sind, wo wir sind – in Stoker bleibt das völlig offen. Nicht einmal „dass“ wir sind, ist hier wirklich klar, so sehr scheinen Bild und Ton hier Träumen entnommen. Immer wieder sehen wir Detailaufnahmen, kleine Elemente am Rande des Geschehens, makellos durchkomponiert, die sich zusammen mit der unheimlichen Musik und ausdrucksstarken Farbarrangements zu einem Kunstwerk zusammensetzen, betörend und bedrohlich zugleich.

Nur dass der Film relativ wenig Inhalt bietet, um das hochästhetische, sinnliche Äußere zu ergänzen. Warum die Stokers diese Fähigkeit haben, wird beispielsweise nirgends erklärt, interessiert auch keinen so wirklich. Gleiches gilt für deren Verhältnisse untereinander und die Handlungsweisen, alles ist irgendwie einfach da und dann doch wieder nicht, jegliche Form von Nachvollziehbarkeit verschwindet hinter einem Schleier von Andeutungen – auf sich selbst und andere bezogen: Park nutzt in Stoker die Gelegenheit, allerlei Filmzitate einzubauen, vor allem Vergleiche zu Suspense-Meister Alfred Hitchcock drängen sich immer wieder auf. Wer sich darauf versteht, solche dem Original zuzuordnen, wird hier einiges zu tun bekommen, für manche wird sich der Thriller allein deshalb schon lohnen.

Und das gilt ebenfalls für die insgesamt recht prominente Besetzung: Mia Wasikowska als erwachende Femme Fatale, Nicole Kidman als unnahbare Frau von Welt, Matthew Goode als hinreißendes Monster – sie alle lassen einen fast vergessen, wie wenig der Film beim genaueren Hinschauen letztendlich zu erzählen hat. Wie unbefriedigend es gerade zum Schluss hin wird. Aber eben auch nur fast. Erwartungen an die Handlung sollte man bei dem Beitrag der Fantasy Filmfest Nights 2013 daher weit nach unten schrauben, sich stattdessen zurücklehnen und die alptraumhafte Schönheit des Films genießen.

Stoker – Die Unschuld endet
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Stoker – Die Unschuld endet
Ein Film wie aus einem Bilderbuch: Chan-wook Parks englischsprachiges Debüt „Stoker – Die Unschuld endet“ ist ein makellos durchkomponiertes, alptraumhaft schönes Kunstwerk, das zwar atmosphärisch und schauspielerisch überzeugt, letzten Endes aber einen nur dürftigen Inhalt bietet.
7von 10

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