Kritik

She Dies Tomorrow

„She Dies Tomorrow“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Sie wird sterben, davon ist Amy (Kate Lyn Sheil) felsenfest überzeugt. Und das nicht irgendwann, sondern schon morgen. Ihre Freundin Jane (Jane Adams), die zu Besuch ist, nimmt das nicht sonderlich ernst. Warum auch, Amy ist doch schließlich kerngesund! Vermutlich ist sie nur niedergeschlagen oder hat ein bisschen zu viel getrunken. Das hat sie schließlich früher häufiger mal getan. Und so fasst Jane den Entschluss, zu der Geburtstagsfeier ihrer Schwester zu gehen, so wie sie es vorher schon geplant hatte. Doch das Zusammentreffen mit Amy hat Spuren hinterlassen, denn nun ist es Amy, die davon überzeugt ist, dass ihr letzter Tag begonnen hat …

Die meisten von uns dürften irgendwann einmal in Situationen gewesen sein, in denen wir gewisse Vorahnungen hatten. Wenn wir felsenfest davon überzeugt sind, dass heute nichts schief gehen kann, oder umgekehrt das eigene Bauchgefühl davor warnt, auch nur aus dem Bett zu steigen. Auch irrationale Ängste, etwa beim nächtlichen Nachhauseweg, werden die meisten wohl kennen. She Dies Tomorrow geht da aber noch einen Schritt weiter, indem erst die Protagonistin, später auch andere zu wissen glauben, dass sie bald tot sein werden – ohne dass es die aktuelle Situation irgendwie nahelegen würde. Weder tummeln sich die Figuren an gefährlichen Orten, noch leiden sie an ersichtlichen Krankheiten, die den Schluss zumindest realistisch werden ließen.

Gefangen in ominösen Ängsten
Doch Amy Seimetz geht es gar nicht um Realismus. Stattdessen verarbeitet die eigentlich als Schauspielerin bekannte US-Amerikanerin (Friedhof der Kuscheltiere, Upstream Color) ihre eigenen Erfahrungen mit Panikattacken und den Reaktionen der anderen hierauf. Gerade der Einstieg, wenn Amy durch ihr neu gekauftes Haus läuft, das ihr noch so fremd ist, dabei Wein trinkt, lässt dabei den Rückschluss zu, She Dies Tomorrow sei ein Drama über psychische Erkrankungen, allen voran Depressionen. Seimetz braucht dafür keine Dialoge oder dramatische Szenen. Sie schafft es in ihrem Langfilmdebüt als Regisseurin und Drehbuchautorin, mit minimalen Mitteln das Gefühl dieser Fremdheit zu erzeugen.

Während dieser Einstieg, trotz der leicht surrealen Untertöne, noch relativ klar zu umfassen ist, baut Seimetz diese Verfremdung später zu einer sehr viel weitreichenderen aus. Wenn hier eine Person die nächste ansteckt, die bloße Begegnung mit jemandem dieselbe Todesahnung auslöst, dann erinnert das an Horrorfilme wie Ring, in denen Flüche weitergereicht werden. She Dies Tomorrow spielt zwar mit den Abgründen solcher Werke, ohne aber jemals dort hineinzusteigen. Die Filmemacherin verzichtet auf Jump Scares, verzichtet allgemein auf die Mechanismen des Genres, um etwas zu erschaffen, das nur schwer zu fassen ist. Die beklemmende Atmosphäre hält nahezu den kompletten Film, verbunden mit einer mysteriösen Stimmung und der Frage, was noch alles geschehen wird.

Die Suche nach dem Sinn
Antworten gibt Seimetz hingegen keine, die muss sich das Publikum schon selbst suchen. Das wird Zuschauer und Zuschauerinnen freuen, die gerne spekulieren und Rätsel als Grundlage für ausufernde Interpretationen nehmen. Ansätze hierfür gibt es mehr als genug, von der angesprochenen Depression über den gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema Tod bis zum Komplex der Identität und welche Rollen wir im Leben spielen. Da werden Beziehungen dekonstruiert, vielleicht auch als das offenbart, was sie sind: brüchige, zeitliche Konstrukte, die nur von Fassaden zusammengehalten werden. Eigentlich ist She Dies Tomorrow, das auf dem abgesagten South by Southwest Festival 2020 Premiere gehabt hätte, voll von tragischen Geschichten, die aber aufgrund der bizarren Situation und einer großen Distanz zu den Figuren kaum als solche wirken.

Das Ergebnis ist ein sehr eigenwilliger Film, der vermutlich weder einem reinen Drama-Publikum noch Thriller-Fans etwas geben wird. Für das erste geht er nicht tief genug, für das zweite ist das Gefühl der Bedrohung zu ominös. Auch wenn es später zu etwas expliziteren Szenen kommt, Seimetz bleibt bewusst vage. Doch das macht ihr Debüt auch so interessant. Umrahmt von ungewöhnlichen Bildern, die viel mit Farben arbeiten, ist She Dies Tomorrow ein sehr atmosphärischer Genremix, der in die Psyche der Menschen eintaucht und eine Welt aufzeigt, in der nichts mehr Sinn ergibt, nicht das Leben, keine Beziehungen. Alles, woran wir uns klammern, verschwindet in einer Bedeutungslosigkeit, deren einzige Gewissheit die ist, dass sie ein Ende hat, ein Ende haben muss. Und das vielleicht schon morgen.

Credits

OT: „She Dies Tomorrow“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Amy Seimetz
Drehbuch: Amy Seimetz
Musik: Mondo Boys
Kamera: Jay Keitel
Besetzung: Kate Lyn Sheil, Jane Adams, Kentucker Audley, Katie Aselton, Chris Messina, Tunde Adebimpe

Bilder

Trailer

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She Dies Tomorrow
Eine Frau ist fest davon überzeugt, dass sie am nächsten Tag sterben muss. Was als Darstellung einer möglichen Depression beginnt, wird zu einer Art Mystery-Thriller, der nur schwer zu greifen ist. Das atmosphärische „She Dies Tomorrow“ wird für viele zu wenig sein, sowohl als Drama wie auch als Genrebeitrag, ist dafür aber ein Fest für alle, die gerne interpretieren
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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