Dass uns Filme überraschen, verblüffen und herausfordern, das kommt zwar immer mal wieder vor. Doch keinem dürfte das dieses Jahr derart kunstvoll gelingen wie Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden (Kinostart: 20. August 2020). In der Romanverfilmung erzählt der spanische Regisseur Aritz Moreno von einer Frau, die im Zug einem Herren begegnet und dessen Geschichten hört, was zu einer surrealen Erfahrung für alle Beteiligten wird, die sich an keine Erwartungen, Logik oder wenigstens Genregrenzen hält. Wir haben den Filmemacher zu seinem verschachtelten Wunderwerk befragt.

Warum hast du dich entschlossen, den Roman von Antonio Orejudo als Film zu adaptieren?
Weil es eine einmalige Gelegenheit war. Es ist eines meiner Lieblingsbücher und enthält alles, was ich mag: tolle Dialoge, das Potenzial, ein sehr eigenartiges visuelles Universum zu erschaffen … Das ist etwas, das nicht oft vorkommt. Es war eine Gelegenheit, an verschiedenen Genres im selben Film zu arbeiten, was sehr interessant ist, falls ich danach nie wieder die Gelegenheit bekommen sollte, einen anderen Film zu drehen 🙂

Was waren die größten Herausforderungen bei der Umsetzung?
Die Vielzahl der Stimmungen und unterschiedlichen Atmosphären, die die Geschichte enthält. Jedes Genre musste seine eigene spezielle Stimmung haben. Gleichzeitig musste das aber alles zusammenpassen, damit der Film selbst in sich stimmig ist. So wie der Film inhaltlich als Matroska-Puppe beschrieben wird, handelt es sich auch in Hinblick auf die Stimmung um eine Matroska-Puppe. Das war der komplizierteste Teil, da alle technischen, intellektuellen und emotionalen Abschnitte zusammenkommen müssen, um dies zu erreichen.

In dem Film wird das Konzept der Wahrheit ständig in Frage gestellt, da die Figuren Teil der Geschichten anderer Menschen werden. Gibt es eine Wahrheit, die außerhalb von Geschichten existiert? Wenn ja, können wir darauf zugreifen?
Die Wahrheit wird überbewertet.

Wie siehst du deine eigene Rolle als Geschichtenerzähler?
Ich fordere den Betrachter gerne heraus, entweder durch die Geschichte oder durch die Bilder. Oder bestenfalls beides. Ich mag es, den Betrachter als ein intelligentes Wesen zu behandeln. Ich lerne hier noch dazu, sofern man jemals ganz ausgelernt hat. Da kann sich also noch einiges ändern. Am Ende geht es darum, etwas zu erschaffen, das man als Zuschauer selbst sehen wollte.

Die erste Geschichte ist eine spielerische Variation der tatsächlich existierenden Verschwörungstheorien. Warum sind diese so ansprechend, dass die Leute an sie glauben wollen?
Ich denke, das liegt daran, dass wir uns dadurch schlauer fühlen als der Rest der Menschen. Wir leben in alarmierenden Zeiten in Bezug auf Ideokratie, was die Idee nährt, dass meine Unwissenheit genauso viel Wert hat wie das Wissen anderer. Die Pandemie hat dies noch einmal deutlich gemacht.

Ein wiederkehrendes Thema des Films sind Dinge, die wir sowohl im übertragenen Sinn wie auch physisch voreinander verstecken. An einem Punkt im Film hieß es, dass der Müll einer Person viel über diese Person erzählt. Was würde uns dein Müll über dich erzählen?
Dass ich gerne esse. Und dass ich in den letzten Monaten kaffeesüchtig geworden bin, was mich zu einem sehr mutigen Menschen macht.

Der Ausgangspunkt der Geschichten und Enthüllungen im Film ist eine zufällige Begegnung in einem Zug. Was war deine lustigste oder bemerkenswerteste Begegnung bzw. Erfahrung, die du beim Zugfahren gemacht hast?
Die häufigste Erfahrung in Spanien beim Zugfahren ist das Gefühl, dass man zu Fuß schneller ankommen würde. Es gab aber auch eine ziemlich unangenehme Erfahrung, die ich vor vielen Jahren in einem gemeinsamen Schlafwagen hatte. Zu unangenehm, um sie hier zu verraten.

Dann lassen wir die Vergangenheit hinter uns und kommen zur Zukunft. Was sind deine nächsten Projekte?
Ich bin geschmeichelt, dass du tatsächlich von Projekten sprichst, also gleich den Plural gebrauchst. Ich entwickle vier Geschichten, drei davon für Filme und eine für das Fernsehen. Einige sind auch Adaptionen eines Buches, andere sind eigene Ideen. Alle sehr unterschiedlich voneinander, aber sehr lustig, wie ich finde. Ich hoffe, eine von ihnen wird am Ende auch umgesetzt.

Zur Person
Aritz Moreno wurde 1980 in San Sebastián geboren und begann seine berufliche Karriere beim Fernsehen. Sein erster Kurzfilm Portal Mortal lief auf 90 nationalen und internationalen Filmfestivals und gewann 23 Auszeichnungen. Seitdem realisierte er weitere Kurzfilme und Musikvideos. Parallel arbeitete er für die Kulturplattform Donostia Kultura, das Internationale Filmfestival von San Sebastián, das baskische Filmarchiv Filmoteca Vasca und die Verkehrsbetriebe von San Sebastián Dbus. Sein Debütfilm Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden wurde 2019 veröffentlicht und erhielt vier Nominierungen bei den Goya Awards, dem wichtigsten Filmpreis Spaniens.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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