Kritik

Serpico

„Serpico“ // Deutschland-Start: 28. März 1974 (Kino) // 19. Mai 2006 (DVD)

Gegen Ende der 50er Jahre erfüllt sich für Francesco „Frank“ Serpico (Al Pacino) der große Traum: Er schließt die Ausbildung zum Polizisten ab und kann den Dienst im New York Police Department antreten. Mit großem Enthusiasmus wirft er sich in die Arbeit, möchte schnell innerhalb der Hierarchie aufsteigen und belegt Kurse, damit er seine Fähigkeiten erweitern kann. Jedoch gesellen sich alsbald die Schattenseiten des Alltags hinzu, denn Frank muss nicht nur mitansehen, wie seine Kollegen regelmäßig Verdächtige und Zeugen misshandeln sowie rassistische Einstellungen an den Tag legen. Vor allem macht Frank die Korruption zu schaffen, mit welcher Routine diese seitens der Polizisten durchgeführt wird und innerhalb der Hierarchie scheinbar geduldet wird. Als Frank sich weigert, Geld anzunehmen, macht er sich zum Außenseiter in der Polizei und wird von seinen Kollegen mit zunehmendem Argwohn behandelt. Immer wieder versucht Serpico, an seine Vorgesetzten heranzutreten, die ihm zwar Hilfe versprechen, aber ihre Versprechen selten halten. Seine zunehmende Frustration erschwert seine Beziehungen zu anderen Menschen, denen er letztlich auch nicht mehr vertraut und die regelmäßig vor den Kopf stößt. Als Frank meint, er müsse mit jemandem außerhalb der Polizei reden und sogar in Erwägung zieht, mit seinem Wissen an die Presse zu treten, bringt er sich in große Gefahr, denn seine Kollegen wollen keinesfalls ihr bisheriges System aufgeben oder gar ins Gefängnis gehen.

Einer gegen das System
Nach einer langen Karriere als Manager von Schauspielern war es Martin Bregman leid, nur dabei zuzusehen, wie Filme gemacht wurden und wollte als Produzent selbst mit Hand anlegen. Da kam ihm die von Autor Peter Maas geschriebene Biografie des ehemaligen Polizisten Frank Serpico gerade recht, für dessen Hauptrolle er den kommenden Star Al Pacino gewinnen konnte, der den Dreh noch vor Beginn der Arbeiten an Der Pate II einschieben konnte. Als Regisseur wurde der für seine realistischen Charakterstudien Sidney Lumet verpflichtet, mit dem Pacino später noch die Mediensatire Hundtage drehen sollte.

Serpico ist eine für die 70er Jahre typische Geschichte über den Kampf gegen ein System. In gewisser Weise ist auch Frank Serpico wie der von Gene Hackman gespielte Jimmy Doyle in French Connection – Brennpunkt Brooklyn eine Figur, die nicht nur gegen das organisierte Verbrechen kämpft, sondern zudem gegen die Hierarchie eines korrupten Systems. Während Jimmy Doyle allerdings in das Muster des Anti-Helden passte, ist der von Al Pacino gespielte Serpico weit entfernt davon, glaubt er doch an die Tugenden, für welche die Polizei steht. Auch wenn seine Frustration und Desillusionierung im Verlauf der Handlung zunehmen, ist man, wie auch Serpicos Freundin, erstaunt, als er davon spricht, welche Anziehung Gesetzeshüter auf ihn als Kind hatten, deren Werte von Ordnung und Ehrlichkeit Kontrastpunkte bildeten zu einem chaotischen Umfeld, in welchem Frank aufwuchs.

Dennoch ist Frank Serpico auch eine Figur, die aus der Masse der Polizisten heraussticht. Nicht nur sein Umzug nach Greenwich Village, jenes für seine Künstler und Kultur bekannte Viertel New Yorks, sondern auch sein sich veränderndes Aussehen sind ein vielleicht unterbewusstes Statement gegen die konservative, statische Ordnung der Polizei. Die Leinenhose, der Schlapphut, das beige, schlabbrige Shirt und nicht zu vergessen die wallende Haarpracht sind zum einen Mittel, um bei der verdeckten Ermittlung nicht aufzufallen, doch betonen sie zum anderen auch Serpicos Status als Außenseiter.

Good cop, bad cops
Jedoch belassen es Lumets Inszenierung wie auch Pacinos Darstellung nicht bei solchen Äußerlichkeiten. Innerhalb eines Systems, welches auf dem Selbsterhalt fußt und in welchem Korruption, Rassismus sowie Gewalt probate Mittel sind, dieses Ziel zu gewährleisten, muss jemand wie Serpico hervorstechen, als jemand, dem sein Schwur zu Dienstbeginn ernst ist und für den Integrität nicht bloß eine hohle Phrase ist. Durch die Hervorhebung Serpicos Herkunft aus einem Arbeiterhaushalt, die Immigrationsgeschichte seiner Eltern wird deutlich gezeigt, woher jener feste Glaube an Werte kommt, die für seine Umwelt, gerade vor dem Hintergrund einer verbrecherischen, maroden Ordnung, nicht mehr existent sind.

Auf ästhetischer Ebene setzen Lumet und Kameramann Arthur J. Ornitz auf eine Mischung aus Nah- und Weitwinkelaufnahmen. Immer mehr isoliert sich Serpico von seiner Umwelt, immer mehr erscheinen die Räume – selbst seine eigene Wohnung – wie ein Gefängnis, während die Kamera einen Mann zeigt, der einen scheinbar aussichtslosen Kampf ausficht.

Credits

OT: „Serpico“
Land: USA
Jahr: 1973
Regie: Sidney Lumet
Drehbuch: Waldo Salt, Norman Wexler
Musik: Mikis Theodorakis
Kamera: Arthur J. Ornitz
Besetzung: Al Pacino, John Randolph, Jack Kehoe, Biff McGuire, Barbara Eda-Young, Cornelia Sharpe

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 1974 Bester Hauptdarsteller Al Pacino Nominierung
Bestes adaptiertes Drehbuch Waldo Salt, Norman Wexler Nominierung
BAFTA Awards 1975 Beste Regie Sidney Lumet Nominierung
Bester Hauptdarsteller Al Pacino Nominierung
Golden Globe Awards 1974 Bester Film – Drama Nominierung
Bester Hauptdarsteller – Drama Al Pacino Sieg

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Serpico
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Serpico
Sidney Lumets „Serpico“ ist eine spannende, packende Studie über den Kampf eines Mannes gegen ein korruptes System. Ohne Pathos, dafür aber mit viel Realismus und einem geerdeten Charakterbild geht es nicht nur um das symbolische Gefecht von David gegen Goliath, sondern vielmehr auch um die Sehnsucht nach positiven Werten, nach Orientierung, auf welche eine ernüchternde Einsicht folgt.
9von 10

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