Die eigene Lieblingskneipe zu verlieren, das kann schon echt hart sein. Aber nicht mit  Vandam! Nach der Romanvorlage von Jaroslav Rudiš erzählt Nationalstraße (Kinostart: 11. Juni 2020) von einem einfachen Mann mittleren Alters, der sich mit aller Gewalt gegen die Veränderungen in seiner Neubau-Siedlung stemmt und zu dem Zweck vor nichts zurückschreckt. Wir haben mit Regisseur Štěpán Altrichter über seinen neuen Film gesprochen, die Herausforderungen bei der Umsetzung, aber auch was wir daraus für unsere globalisierte Gesellschaft ableiten können.

Dein erster Film Schmitke kam bereits 2015 heraus, jetzt folgt dein zweiter Film Nationalstraße. Warum hat es so lange gedauert, bis du etwas Neues am Start hast? Was hast du in der Zwischenzeit gemacht?
Natürlich dauert es erstmal lange, einen Film zu machen, gerade wenn du selber das Drehbuch schreibst. Das wird oft unterschätzt. Es heißt aber auch immer, dass der zweite Film der schwerste ist. Und da ist schon etwas dran. Es ist in Deutschland schwierig Förderung zu bekommen, wenn man keinen großen Namen hat. Ich habe ja in Babelsberg studiert, ich würde sagen einer der renommiertesten Filmhochschulen in Deutschland, und habe dort viele wunderbare, unglaublich talentierte Leute getroffen, und sie alle haben ihre Schwierigkeiten, die nötige Finanzierung für einen zweiten Spielfilm zu finden. Da hatte ich noch unglaublich viel Glück und bin mit dieser Finanzierungszeit noch privilegiert, wofür ich sehr dankbar bin. Bei Debütfilmen bekommst du gute Unterstützung, gerade auch, wenn es Abschlussfilme an Hochschulen sind. Doch danach geht es vor allem um Wirtschaftlichkeit.Viele spannende Kollegen oder Kolleginnen von mir sind beim Fernsehen gelandet oder machen jetzt etwas komplett anderes. Da ist also schon irgendwo grundsätzlich der Wurm drin.

Dann kommen wir doch ein bisschen zu Nationalstraße. Wie bist du zu dem Projekt gekommen? Was ist die Geschichte hinter dem Film?
Ich wurde von dem tschechischen Produzenten Pavel Strnad angesprochen und gefragt, ob ich nicht Lust hätte, das Buch zu verfilmen. Als gebürtiger Tscheche kannte ich natürlich Jaroslav Rudiš, den Autor des Romans, auch wenn ich das Buch selbst zu dem Zeitpunkt nicht gelesen hatte. Das Buch an sich fand ich unglaublich interessant, mit einer guten Atmosphäre und tollen Figuren. Ich hatte aber meine Bedenken, ob man das so umsetzen kann, da es eigentlich ein Kneipenmonolog ist. Also setzten Jaroslav und ich uns zusammen und überlegten, wie man das als Film machen könnte. Das war ein unglaublich schöner Prozess, da wir das Wort für Wort an einem PC geschrieben haben. Was ich vorher nicht wusste, war dass er ungefähr 500 Meter von mir entfernt in Berlin wohnt. Wobei wir an den unterschiedlichsten Orten schrieben, quer durch Europa, in allen möglichen Zügen usw.

Und wie lange hat das gedauert?
Das ging eigentlich sehr schnell, weil wir sehr intensiv daran gearbeitet haben. Ein Jahr. Wobei wir natürlich auch nicht ununterbrochen daran arbeiten konnten.

Was war dabei die größte Herausforderung?
Die Ambivalenz von Vandam zu halten. Ihn nicht zu verurteilen, obwohl er zum Teil ein sexistisches, homophobes und xenophobes Arschloch ist. Gleichzeitig wollten wir nicht zu sehr Fan von ihm werden, weil er ja auch ein charmanter Mensch mit einem guten Herz ist und Gefahr laufen das zu verherrlichen, was er tut. Wir mussten deshalb nach einer Balance suchen. Einfach war das nicht, es gibt dafür ja kein neutrales, objektives Kriterium. Aber ich kann sagen, dass der Film in Tschechien, wo er sehr populär wurde, doch am Ende die Reaktion auslöste, die wir wollten. Wobei es ganz am Ende, als er wirklich zum Kinohit wurde, in der intellektuellen Presse dann doch noch die Diskussion gab, ob man einem Menschen wie Vandam überhaupt eine Bühne bieten sollte. Aber das fand ich gut, weil wir diese Diskussion am Ende ja auch irgendwie wollten.

Der Titel des Films bezieht sich auf die Nationalstraße in Tschechien. Gibt es heute in einer internationalen Welt überhaupt noch Platz für eine Nationalstraße? Sollte es Platz dafür geben?
Die Nationalstraße wird in Tschechien vor allem mit dem Mythos von 1989 verknüpft, wobei das Nationale natürlich schon da drin steckt. Jaroslav, der selbst Geschichte studiert hat, würde dir vermutlich antworten, dass es generell überhaupt so etwas wie eine nur nationale Geschichte nicht gibt. Keine Geschichte, die nur tschechisch oder deutsch oder polnisch war. Es war immer eine europäische Geschichte, bei der alles miteinander verbunden war. Erst in den letzten hundert Jahren ist überhaupt nach und nach ein Einzelstaat entstanden, nachdem man sich immer mehr von anderen getrennt hat, zuletzt von der Slowakei. Es war immer so, dass man verschiedene Sprachen in Prag gesprochen hat. Die älteste deutsche Universität steht ja auch in Prag.

Wenn es aufgrund dieser starken Verknüpfungen in Europa keine nationalen Geschichten in dem Sinne gab, warum wird dann die Globalisierung heute als Problem wahrgenommen?
Ich glaube, es gab damals eher so etwas eine regionale Verbundenheit. Was die Leute meiner Meinung nach an der Globalisierung heute stört, dürfte auch weniger die Möglichkeit sein, etwa die chinesische oder thailändische Kultur kennenzulernen. Problematisch ist eher, dass diese Globalisierung mit einer Gewinnmaximierung verbunden ist und dabei Menschen, aber auch die Natur, auf der Strecke bleiben. Sie hilft nur einigen wenigen und vielleicht noch ein paar Viren, die sich dadurch besser verbreiten können. Und diese Kritik, diese Wut über diese Entwicklung ist etwas, was im Film eine wichtige Rolle spielt und macht ihn vielleicht für die Zuschauer überall interessant. Das deutsche Publikum kann sehen, dass es in Tschechien, das ein viel kleineres Land ist, genauso passiert. In den 90ern war man in Tschechien noch begeistert, weil man Freiheit einfach mit Kapitalismus gleichgesetzt hat. Alles Staatliche war auf einmal schlecht und wurde privatisiert. Und jetzt hat man Städte, in deren Zentrum keiner mehr lebt, und eine enorme Schere zwischen reich und arm, die es vorher in dem Maße nicht gab. Viele werden heute einfach abgehängt.

Dieses Thema der Gentrifizierung war in den letzten Jahren oft in den Nachrichten. Hat sich diese Entwicklung zuletzt wirklich derart verstärkt oder hat früher einfach nur das Bewusstsein dafür gefehlt?
Ich glaube schon, dass sich das sehr verstärkt hat. Klar, die Stadtteile haben sich immer gewandelt. Aber das war früher schon noch mehr in lokaler Hand. Internationale Konzerne wie Amazon, Uber oder Airbnb haben in Tschechien völlig freie Hand, die können machen, was sie wollen, ohne dass sie einer belangen kann. Diese Veränderung sieht man gerade auch sehr schön in Prag. Ich durfte vor Kurzem das erste Mal nach der Krise wieder dorthin fahren. In Prag ist die Wohnungsnot sehr hoch und die Preise sind unglaublich. Viele Freunde von mir, die es sich irgendwie leisten konnten, haben Hypotheken aufgenommen, um sich Wohnungen zu kaufen und überhaupt noch da wohnen zu können. Durch den Lockdown haben aber viele Betreiber von Airbnb-Wohnungen Pleite gemacht, wodurch die Preise abgestürzt sind. Auf einmal findet man mitten im Stadtzentrum ganz viele Wohnungen. Doch es wäre inzwischen komisch dorthin zu ziehen, weil da einfach niemand mehr wohnt. Ich sehe das auch bei mir in Neukölln, wo ich wohne, dass sich das massiv verändert. Insofern, ja, es gab die Veränderungen schon vorher, aber nicht in diesem Ausmaß.

Nationalstraße

Der kleine Kampf gegen die große Welt: Vandam (Hynek Cermak) versucht in „Nationalstraße“ mit aller Gewalt, seine Lieblingskneipe zu retten (© Jan Hromadko)

Vandam kämpft genau gegen solche Veränderungen, scheitert aber damit. Kann man überhaupt noch dagegen ankämpfen?
Gute Frage, auf die ich aber keine richtige Antwort habe. Das ist auch etwas, das ich mit Nationalstraße letztendlich zeigen wollte. Uns ging es darum zu veranschaulichen, dass dieser Frust von Vandam und auch anderen durchaus berechtigt ist. Das bedeutet aber nicht, dass seine Reaktionen richtig sind. Der Hass und die Gewalt, die man nicht nur bei den Vandams sieht, sondern auch schon in den gemäßigteren Kreisen, ist keine Antwort darauf, da wollten wir schon mal Stellung beziehen. Es gibt auch andere Möglichkeiten, auf die Situation zu reagieren und im Kleinen etwas gegen diese Entwicklungen zu tun, egal ob man nun Krankenschwester, Filmemacher oder Journalist ist. Rebellieren kann man auch, ohne etwas in Brand stecken zu müssen.

Aber was bedeutet das dann für den Umgang mit Leuten wie Vandam? Wie begegnet man ihnen? Gerade in der Politik hat man in den letzten Jahren offensichtlich nichts mit ihnen anzufangen gewusst, siehe damals bei Hillary Clinton und ihrem Verweis auf die „Deplorables“.
Das war sicher einer der Gründe, weshalb wir den Film gemacht haben. Ich wollte Nationalstraße am Anfang noch etwas künstlerischer gestalten, doch mein Produzent hat mich davon überzeugt, dass wir den Film zugänglicher machen sollten, damit auch die Vandams reingehen können. In Deutschland neigt man ja ein bisschen dazu, belehrende Problemfilme zu drehen, in denen wichtige Themen angesprochen werden, die aber keinen Austausch ermöglichen. Einfach zu sagen, dass Nazis schlecht sind, das bringt niemandem wirklich was. Der erste Schritt ist, auf sie zuzugehen und ihnen zuzuhören, die Menschen in ihrem Frust zu verstehen. Es gibt da beispielsweise eine interessante Doku namens Unter dem Tellerrand über Menschen, die daran glauben, dass die Erde eine Scheibe ist. Klar kann man sich über die lustig machen. Das ist einfach. Doch der Film zeigte durch den Perspektivenwechsel, dass dies oft Leute sind, die gesellschaftlich ganz abgedrängt sind oder wurden und nach einer Identität suchen. Auch wenn die Idee dieser Community bescheuert ist, sie haben auf diese Weise wieder das Gefühl, irgendwo dazuzugehören. Und der Mensch braucht das glaube ich.

Letzte Frage: Woran arbeitest du gerade? Was sind deine nächsten Projekte?
Zwei Filme sind relativ weit in der Entwicklung, ein tschechischer und ein deutscher. Der deutsche Film heißt Runner. Es geht um einen jungen Mann, der so ziemlich am Boden der Existenz in Berlin lebt und langsam aber sicher durchdreht. Das wird ziemlich abgefahren und auch ziemlich gewalttätig. So wie das Leben ist in der Gosse in Deutschland heute. Das tschechische Projekt ist dafür etwas fröhlicher, es heißt übersetzt Wütende Schönheit und ist ein kleiner, leichter Fellini-mäßiger Film über fünf Frauen von fünf verschiedenen Generationen einer Familie, die alle gleich heißen und sich alle zu einem katholischen Fest in einer tschechischen Kleinstadt treffen, um von dem zauberhaften Bild der heiligen Maria, die Blut tränen soll, ein Wunder zu erwarten – jede auf eine andere Art und Weise versteht sich.  Außerdem versuche ich, meine eigene Geschichte aufzuschreiben, wie ich mit 13 Jahren das erste Mal von Tschechien nach Deutschland gekommen bin, nach Konstanz, und aufgrund eines Verständnisfehlers meines Vaters in einer reinen Mädchenschule gelandet bin. Daraus will ich eine 90er Jahre Immigrationskomödie machen mit Eurodance Hits von damals, einen etwas abgefahrenen Spaß für die ganze Family. Aber da bin ich noch ganz am Anfang und habe noch nicht einmal einen Produktionspartner dafür. Das sind so die Projekte, an denen ich nun in der Coronazeit, da alles abgesagt wurde, gearbeitet habe. Ich kann aber auch sagen, dass ich mich vor allem als Regisseur und weniger als Autor sehe und es einfach auch liebe, fremden Stoffen Leben einzuhauchen, gerne so, wie man es in Deutschland vielleicht nicht unbedingt tut. Das ist eigentlich das Schönste an der Arbeit.

Stepan Altrichter

© Jan Hromadko

Zur Person
Štěpán Altrichter wurde am 21. November 1981 in Brünn, Tschechien geboren. Er studierte Philosophie und Psychologie an der Freien Universität in Berlin und begann anschließend sein Regie-Studium an der renommierten Filmuniversität Potsdam-Babelsberg. Nach mehreren Kurzfilmen gab er 2014 sein Langfilmdebüt mit Schmitke (2014) über einen Windkraftanlagen-Ingenieur, der in einem abgelegenen Wald zu sich selbst findet. 2019 folgte sein zweiter Spielfilm Nationalstraße.



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Štěpán Altrichter [Interview]
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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