In ihrer 2019 entstandenen Dokumentation Ainu – Indigenous People of Japan beschäftigt sich Filmemacherin Naomi Mizoguchi mit den Ainu, den Ureinwohnern Japans, welche heute im Norden des Landes wie auch in Teilen Russlands zu finden sind. Die Dokumentation lief unter anderem auf der diesjährigen Nippon Connection und zeigt anhand von Archivmaterial sowie mittels Gesprächen mit den wenigen noch verbleibenden Mitgliedern der Ainu, wie sie heute leben und ihre alten Traditionen zu erhalten versuchen. Im Interview mit der Regisseurin unterhalten wir uns über den Film, die Kollaboration mit den Ainu sowie deren Kultur.

Sie erwähnen in einem Statement zu der Dokumentation, dass die Ainu in Japan eher unbekannt sind, obwohl sie die Ureinwohner einer der größten Inseln Japans sind. Warum glauben Sie ist das so und was hat sich daran in den letzten Jahren geändert?
Warum die Ainu sich letztlich in Orten wie Hokkaido niederließen, ist eine gute Frage, aber ich bin leider zu wenig Archäologin, um sie qualifiziert beantworten zu können. Viele solcher Fragen, was ihre Herkunft angeht, bleiben unbeantwortet, weil man noch so wenig über die Ainu weiß. Dennoch gibt es gerade in Japan das Missverständnis, dass die Ainu während der Meji Ära [1868-1912] ihre Traditionen und Lebensweise radikal veränderten. Dies klingt so, als hätten die Ainu keinerlei Kontakt gehabt zu anderen Völkern oder Kulturen, was nicht stimmt, denn sie haben schon immer Handel betrieben.

In Japan gibt es, wie man weiß, Menschen mit drei verschiedenen Ursprüngen. Zum einen gibt es die, welche sich in Hokkaido niederließen und die wahrscheinlich von den nördlichen Inseln stammen. Dann gibt es da Menschen, deren Ahnen einst von der koreanischen Halbinsel nach Japan kamen und die schließlich die Hauptinseln bevölkerten. Die Menschen, die nun auf den Ryuku-Inseln leben, haben wiederum eine ganz eigene Kultur, die sich von den anderen in Japan abgrenzt.

Die Zeit der Meiji-Restauration markiert den wahrscheinlich wichtigsten Einschnitt in das Leben und die Kultur vieler dieser Bevölkerungsgruppen und damit eben auch der Ainu. Während Japan zu einer modernen Gesellschaft wurde, gerieten viele Traditionen und Kulturen in Vergessenheit oder drohten zu verschwinden. Menschen wie Kayano Shiro, den man in der Dokumentation kennenlernt, gehören zu denen, deren Lebensziel es war, die Ainu in Japan wieder sichtbar zu machen und deren Kultur zu erhalten.

Als Zuschauer bekommt man den Eindruck, Sie hätten ein sehr gutes Verhältnis zu den Stammesältesten der Ainu gehabt. Können Sie uns was zu der Zusammenarbeit mit ihnen sagen?
Speziell die beiden Männer kannte ich schon seit geraumer Zeit, sodass es während des eigentlichen Drehs keine Kommunikationsprobleme gab. Einer von ihnen, Kawanano, gab mir ein Zimmer im Haus seiner Familie und nannte es sogar „Naomis Zimmer“. Nabesawa lud mich über einen Zeitraum von acht Jahren immer wieder in sein Haus ein, manchmal zum Abendessen und manchmal nur um was zu trinken.

Als ich ihnen von dem Projekt erzählte, war ihre Reaktion sehr positiv. Ich hatte nur ein wenig Sorge wegen ihrer Verwandten, ob sie mit dem Projekt einverstanden waren und es ihnen nicht ausmachen würde, gefilmt zu werden. Als ich mich mit ihnen traf, stellte ich sicher, dass sie verstanden, dass ihre Gesichter und Stimmen auf Film gebannt nun in der ganzen Welt sichtbar werden würden.

Ein ähnliches Vorgehen verwendete ich bei den Dorfbewohnern, die man im fertigen Film sieht. Bevor Ainu – Indigenous People of Japan irgendwo anders lief, veranstaltete ich eine Vorführung nur für sie und ihre Reaktion fiel sehr positiv aus. Als sie sich mit mir über den Film unterhielten, erhielt ich viele neue Eindrücke und gab letztlich noch jedem von ihnen eine DVD des Films.

Was ist für Sie der schönste Aspekt der Kultur und der Sprache der Ainu?
Meiner Meinung nach liegt die Schönheit, wie bei vielen anderen indigenen Kulturen und Sprachen, darin, dass diese von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Über die Jahre werden sich die Traditionen der Ainu aufgrund diverser äußerer Einflüsse wohl verändert haben. Zudem ist Hokkaido sehr groß, sodass es je nach Region andere Ausprägungen der Kultur und Sprache geben kann. Experten können die Region eines Menschen ziemlich genau bestimmen, wenn sie diese beispielsweise beim Singen beobachten und ihnen zuhören.

Ich habe etwas sehr Interessantes über die Sprache der Ainu herausgefunden. Wenn sie vor Leuten sprechen oder beten, fügen sie ihren Sätzen immer die Aussage „Ich bitte bescheiden“ bei. Diese Form der Bescheidenheit ist für mich ein ganz besonders schöner Aspekt der Kultur der Ainu, genauso wie Wörter wie „irankarapate“, was man einfach mit „Hallo“ übersetzen kann oder mit „Erlaube mir, sanft dein Herz zu berühren“. Ist das nicht wunderschön?

Einer der wichtigsten Aspekte der Ainu-Kultur ist das Entwerfen von Kleidung und die Webkunst. Können Sie uns etwas über diese Aspekte sagen und wie sie im Film dargestellt sind?
Ich bin sehr beeindruckt davon, mit welchem Respekt die Ainu gewisse Dinge behandeln. Wenn zum Beispiel das ältere Ehepaar in den Wald geht, um Baumrinde zu besorgen, nehmen sie nie die ganze Rinde, sondern hinterlassen ein Zeichen für jeden, der an dem Baum vorbeikommt, dass jemand von diesem Rinde genommen hat. So erlauben sie der Natur, sich selbst zu erholen und zu regenerieren. Den Prozess des Spinnens und Webens habe ich zwar ganz aufgenommen, habe ihn aber nicht ganz in den finalen Film aufgenommen, aber im Grunde genommen nutzten sie die ganze Rinde, die sie aus dem Wald holten. Ich hoffe mit diesen Szenen, das Interesse für die Ainu und ihre Kultur zu entfachen.

Sie haben auch Szenen im Film, in denen man sieht, wie junge und alte Japaner Kurse besuchen, um über die Kultur und Sprache der Ainu mehr zu erfahren. Hat sich das Verhältnis der Japaner zu den Ainu geändert?
Das glaube ich nicht. Es ist klar, dass es in Japan Menschen gibt, welche die Ainu niemals als Teil der japanischen Kultur betrachten werden. Die meisten Japaner wissen immer noch so gut wie gar nichts über die Ainu und das Wissen über sie ist meist erfüllt von Vorurteilen und Fehlinformationen. Gerade deswegen ist es mir so wichtig, dass der Zuschauer diese Kultur kennenlernt und hoffentlich auch Medienvertreter die Ainu zur Kenntnis nehmen.

Ein Beispiel für diese negative Einstellung zu den Ainu in Japan ist die geplante Eröffnungszeremonie für die Olympischen Spiele. Ursprünglich sollten die Ainu ein Teil dieser Zeremonie sein, doch ihr Teil wurde herausgenommen, weil man befürchtete, nicht genug Zeit zu haben. Ich hoffe, dass im nächsten Jahr, sollten die Spiele ausgetragen werden, sich das zuständige Komitee diese Entscheidung noch einmal gut überlegt.

Glauben Sie, dass sie Ainu in zehn Jahren noch da sein werden.
Das will ich sehr hoffen.

Wie viel Zeit nahm das Drehen und Schneiden des Films in Anspruch?
Zwischen Februar 2016 und März 2018 habe ich gedreht, aber schon im Januar 2018 mit dem Schneideprozess begonnen. Im Juni 2018 kam der Soundmix dazu.

Können Sie uns etwas zu anderen Projekten sagen, an denen Sie gerade arbeiten?
Da ich das Projekt selbst finanziert habe, bin ich gerade in einer Phase, in der ich diese Ressourcen wieder „auflade“. (lacht) Seit Herbst 2018 habe ich in New York City an verschiedenen Projekten mitgearbeitet als Cutterin oder Regieassistentin. Das waren entweder kommerzielle Projekte oder solche aus dem Independent-Bereich, ich wechsle immer hin und her.

Ich interessiere mich nach wie vor für Projekte, in denen ich mit Menschen zusammenkomme, deren Stimme im Mainstream untergeht wie Minderheiten oder indigene Völker wie die Ainu. Mich interessiert außerdem, diesen Menschen zu zeigen, wie man Filme aus technischer Hinsicht macht und ich möchte sie dabei unterstützen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Naomi Mizoguchi

Zur Person
Naomi Mizoguchi hatte viele Jahre in ihrer Heimat Japan an verschiedenen Filmprojekten mitgearbeitet, bevor sie sich letztlich für die Selbstständigkeit entschloss und an mehreren Dokumentationen wie auch Spielfilmen mitarbeitete, welche sich auf diverse kulturelle Themen bezogen. 2008 wurde sie Mitbegründerin von Cineminga, einer Produktionsfirma, die indigenen Völkern in Südamerika und Asien half, Filme über ihre Traditionen und Bräuche zu machen, wobei sie die Ausrüstung und das technische Know-how zu Verfügung stellten. Auch nach ihrem Ausstieg im Jahre 2014 behielt Mizoguchi diesen Fokus bei und behandelt in ihren Dokumentationen wie Ainu – Indigenous People of Japan das Leben und die Kultur indigener Völker.



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Naomi Mizoguchi [Interview]
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