Kritik

Die Hölle L'enfer 1994 Claude Chabrol

„Die Hölle“ // Deutschland-Start: 28. April 1994 (Kino)

Eigentlich haben Paul (François Cluzet) und Nelly (Emmanuelle Béart) alles, um ein glückliches Leben zu führen. Das Paar ist frisch verheiratet, die beiden lieben einander, so sehr man jemanden lieben kann, auch das gemeinsam geführte Hotel in Südfrankreich läuft gut. Doch der hohe Stress, den die Arbeit und die Belastung durch die Kredite mit sich bringt, macht Paul zunehmend zu schaffen. Er schläft kaum noch, ist geistig nicht mehr ganz da. Vor allem aber setzt ihm zu, dass so viele Männer Nelly hinterherschauen und sie offensichtlich begehren. Als Paul sie eines Tages zusammen mit dem Automechaniker Martineau (Marc Lavoine) sieht, wächst in ihm die Gewissheit, dass sie ihn hintergeht. Und so beginnt er, sie kontinuierlich zu überwachen, und setzt er alles daran, sie auf frischer Tat zu ertappen …

Düsteren Stoffen war Claude Chabrol natürlich immer schon zugetan, dass der französische Filmemacher als junger Mann eine Monografie über Alfred Hitchcock schrieb, das war kein Zufall. Viele Thriller finden sich in dem Gesamtwerk des Regisseurs, der mehr als fünfzig Jahre die Abgründe der menschlichen Seele beleuchtete, dabei aber auch immer mal wieder etwas zur Gesellschaft zu sagen hatte. Letzte spielt in Die Hölle jedoch keine Rolle. Es gibt sie zwar, die Menschen, die da draußen irgendwo arbeiten, leben und den Tag verbringen. Im Wirbelwind der dysfunktionalen Beziehung von Paul und Nelly werden sie aber höchstens zu Stichwortgebern.

Verfremdete Wahrnehmung
Tatsächlich spielt der Film zu einem Großteil im Bewusstsein von Paul. Durch seine Augen erfahren wir die Welt, durch ihn wird diese auch verfremdet. Immer wieder bildet er sich Sachen ein, hat Visionen davon, wie Nelly mit so ziemlich jedem Mann etwas anfängt, der ihr über den Weg läuft. Und wenn mal nicht irgendwelche visuellen Traumsequenzen den Alltag umhüllen, dann geht es über die Sprache weiter. Irgendwo zwischen innerer Monolog und Dialog redet sich Paul dann selbst in Rage, verspottet sich dafür, von seiner Frau so vorgeführt zu werden. Denn es ist ja nicht nur der mögliche Betrug, der für ihn das Leben zur Hölle macht, sondern auch das Gefühl, dass jeder da draußen über ihn lacht.

Basierend auf dem unvollendeten Film L’enfer von Henri-Georges Clouzot aus dem Jahr 1964 gab Chabrol dreißig Jahre später Einblicke in eine zutiefst gestörte Persönlichkeit, die im zunehmenden Wahn aus Eifersucht aufgefressen wird. Als Geschichte ist das natürlich eher dünn. Ein Großteil der anderthalb Stunden besteht darin, wie Paul Nelly hinterherläuft und jede Situation als einen Beweis ihrer Untreue umdeuten will. Und eben weil dieser Beweis nicht möglich ist, steigert er sich zunehmend hinein, was zu einer Endlosschleife führt, die zwar intensiver wird, aber keine Abwechslung zulässt. Nicht ohne Grund endet der Film mit den berüchtigten Worten „ohne Ende“, wo sonst früher ein „Ende“ im Abspann stand.

Interessante Ansätze, aber zu wenig konkret
Das ist prinzipiell zwar nicht uninteressant, wenn das durch und durch subjektive erzählte Die Hölle sich verselbständigt und aufzeigt, wie man – gekettet an Paul – immer mehr den Zugang zur Realität verliert. So richtig fesselnd ist das Ergebnis dann aber doch nicht. Der Horror, den der Protagonist durchmacht, wird nie so richtig als solcher spürbar. Es wirkt oft sogar eher unfreiwillig komisch, wie er sich kontinuierlich zum Affen macht. Erst gegen Ende hin entwickelt François Cluzet (Ziemlich beste Freunde) die Intensität, welche die Bezeichnung Thriller wirklich verdienen würde. Vorher ist die größte Bedrohung die der eigenen Nerven, die sich von dem Mannskind angegriffen fühlen. Sofern man nicht von einer bleiernen Langeweile gepackt wird, die auch mit der oberflächlichen Figurenzeichnung zusammenhängt: Wir lernen Paul nur durch seinen Wahn kennen, haben ansonsten keinen Zugang zu ihm. Diese Form von Kontextlosigkeit funktioniert bei einem Kurzfilm, auf anderthalb Stunden ausgebreitet ist das zu wenig.

Ein bisschen besser sieht es da schon bei Nelly aus. Die fühlt sich anfangs geschmeichelt durch die Eifersucht Pauls, beweist diese doch für sie, dass sie tatsächlich geliebt wird. Diese Gleichsetzung darf man natürlich hinterfragen, zumindest aber wirft es Fragen auf bezüglich ihres Verhaltens. Wie sehr ist sie sich der Situation bewusst? Ist sie ein reines Opfer oder doch auch Täterin, die bewusst manipuliert? Eine wirkliche Antwort liefert Die Hölle da nicht, das Publikum wird mit Spekulationen und der angesprochenen Endlosigkeit zurückgelassen, darf sich selbst Gedanken über das Wechselspiel der beiden machen. Mit den besten Filmen Chabrols kann es das hier zwar nicht aufnehmen, dafür bleibt das Thrillerdrama zu oberflächlich. Aber es hat doch seine sehenswerten Momente.

Credits

OT: „L’enfer“
Land: Frankreich
Jahr: 1994
Regie: Claude Chabrol
Drehbuch: Claude Chabrol, Henri-Georges Clouzot, Jean Ferry, José-André Lacour
Musik: Matthieu Chabrol
Kamera: Bernard Zitzermann
Besetzung: Emmanuelle Béart, François Cluzet, Marc Lavoine

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Die Hölle
4 (80%) 3 Artikel bewerten

Die Hölle
In „Die Hölle“ lässt uns Claude Chabrol an dem Innenleben eines Mannes teilhaben, der sich zunehmend in den Wahn hineinsteigert, dass seine Ehefrau ihm untreu ist. Das hat ein paar interessante Aspekte, gerade auch zum Wechselspiel zwischen den beiden Figuren, bleibt aber zu oberflächlich und ist auch lange eher unfreiwillig komisch, bevor es zum Schluss dann doch mal intensiver wird.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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