Kritik

Supermarkt

„Supermarkt“ // Deutschland-Start: 31. Januar 1974 (Kino) // 8. Februar 2013 (DVD)

Durch Gelegenheitsdiebstähle und anderes Betteln versucht sich der junge Willi (Charly Wierzejewski) einigermaßen durch den Alltag am Hamburger Kiez zu schlagen, wobei er immer der Polizei aus dem Weg gehen muss. Dies gelingt nicht immer und als er wieder einmal aufs Polizeirevier muss, macht er die Bekanntschaft mit dem Journalisten Frank (Michael Degen), der über junge Menschen wie ihn eine Reportage schreiben möchte. Auf seiner Flucht aus dem Revier gerät er in die Fänge des zwielichtigen Theo (Walter Kohut), der ihn auf den Strich schicken will, wogegen er sich aber wehrt. Zudem trifft er Monika (Eva Mattes), eine Prostituierte, die von ihrem Freier misshandelt wird und zu der er eine zärtliche Beziehung aufbaut. Während Frank weiterhin erfolglos versucht, Willi für seine Resozialisierungsmaßnahmen zu gewinnen, beschließt der, es sei nun Zeit seiner Lage zu entfliehen, zusammen mit Monika und ihrem Kind. Als er zu Theo zurückkehrt, überredet er diesen, dass er bei einem Überfall auf einen Geldtransporter mitmachen kann, von dem er sich das nötige Geld für seine und Monikas Zukunft erhofft.

Immer in Bewegung
Nach seinem Spätwestern Deadlock gab es viele Angebote für den deutschen Regisseur Roland Klick, auch in Hollywood an Projekten zu arbeiten, jedoch lehnte er alle Angebote in diese Richtung ab. Mit Supermarkt, an dessen Drehbuch er zusammen mit Georg Althammer und Jane Sperr schrieb, drehte er dann eine Mischung aus Sozialdrama und Kriminalfilm, eine für den Filmemacher typische Herangehensweise, setzte er sich dem reinen Autorenfilm in Deutschland entgegen. Das Ergebnis ist ein Film definiert durch Bewegung, die Rastlosigkeit seines Protagonisten und den Blick auf eine Gesellschaft, die nicht weiß, wie sie mit Heranwachsenden und Außenseitern umgehen soll.

Waren die Charaktere in Deadlock noch wegen ihrer Gier nah Geld und Rache auf einen Ort konzentriert, aus dem sie zu entkommen versuchten, ist Willi, der Hauptcharakter in Supermarkt, ein Mann, der immerzu in Bewegung ist. In einem Statement zum Film meinte Klick einmal, dass es für diesen Film essenziell war, einen Darsteller zu haben, der diese auch körperliche Herausforderung mitmachte, dem man, wie er es sagte, ansah, dass er schon einmal von der Polizei weggelaufen war in seinem Leben. Konsequenterweise ist der von Charly Wierzejewski gespielte Charakter immer auf dem Sprung, bleibt nie lange stehen, wird entweder von jemandem gejagt oder hetzt, von seinen eigenen Sehnsüchten oder Trieben angespornt, von einem Platz zum nächsten. Es ist ein Leben, das kein Zuhause kennt, in dem ein Heim bestenfalls für eine Nacht gut ist und sich vorzugsweise in Absteigen, Bahnhöfen oder den Straßen einer Stadt abspielt oder, wenn es mal ganz schlecht läuft, auf einer Polizeiwache.

Dieses Prinzip der konstanten Bewegung, welches durch Jost Vacanos Kameraführung clever eingefangen wird, macht ihn zum Außenseiter in der Welt, die Klicks Film zeigt. Hinzu kommt noch eine Jugend, der man, wie man anhand der ersten Szene auf der Polizeiwache sieht, schon generell mit Argwohn und passiv-aggressivem Verhalten begegnet. Die anwesenden Polizisten machen sich noch nicht einmal die Mühe ihre Vorbehalte zu verbergen und überschütten Willi wie auch die anderen anwesenden Jugendlichen mit Beleidigungen und anderen Demütigungen, welche diese mit einem Achselzucken und immer auf einen Moment der Flucht hoffend ertragen.

Sehnsucht nach einem anderen Leben
Im Allgemeinen erscheint die Gesellschaft mit ihren Institutionen, aber auch die Schicht der Bildungsbürger eher negativ oder hilflos. Während die Staatsgewalt nur mit Strafe reagiert, wirken die Bemühungen des Sozialarbeiters auf dem Revier hilflos. Michael Degens Figur spielt in diesem Kontext eine sehr ambivalente Rolle, da man ihm einerseits ein Interesse am Schicksal von Jugendlichen wie Willi abnimmt, aber er andererseits sich auch in der Aufmerksamkeit und der Kontroverse suhlt, die ihm sein neues Thema und der Umgang mit Willi verschafft. Lediglich in Monika findet sich eine Mit-Leidende, die durch ihren Beruf wie auch ihre Stellung als alleinerziehende Mutter auf ein gesellschaftliches Abstellgleis gestellt wurde. Hier findet Willi Anteilnahme, Liebe und letztlich die Hoffnung auf ein neues, ein anderes Leben.

Credits

OT: „Supermarkt“
Land: Deutschland
Jahr: 1974
Regie: Roland Klick
Drehbuch: Roland Klick
Musik: Peter Hesslein
Kamera: Jost Vacano
Besetzung: Charly Wierzejewski, Eva Mattes, Michael Degen, Walter Kohut, Hans-Michael Rehberg

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Supermarkt
„Supermarkt“ ist eine gelungene Mischung aus Sozialdrama und Kriminalfilm, die durch ihren Anspruch auf Realismus, ihre Ästhetik der Bewegung und nicht zuletzt wegen ihrer Darsteller zu überzeugen weiß. Wie schon "Deadlock" betont auch "Supermarkt" die Stellung Roland Klicks als Ausnahmeregisseur, dessen Name in einem Zug genannt werden sollte mit denen Fassbinders und Schlöndorffs.
9von 10

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