In seiner im November 2019 angelaufenen Dokumentation But Beautiful, die ab dem 17. April 2020 auf DVD erscheint, wagt Erwin Wagenhofer einen Blick, wie wir durch Kreativität, Inspiration und eine andere Perspektive auf Aspekte unseres Lebens neue Möglichkeiten des gemeinsamen Glücks und Zusammenlebens schaffen können. Im Interview unterhalten wir uns über die Geschichte des Projekts, den Menschen, denen Wagenhofer bei den Aufnahmen zu Film begegnete, und warum wir Menschen aus Krisen lernen können.

Wie kamen Sie zu der Idee zu But Beautiful?
Das ist aber eine lange Geschichte. (lacht) Das Erste, was wir hatten, war eigentlich der Titel, der sich auf einen amerikanischen Jazz-Standard aus dem Jahre 1948 bezieht. Ich kam auf diesen durch ein Buch über Jazz von Geoff Dyer, was mir sehr gefiel.

Innerhalb meiner Arbeit ist es meistens so, dass ein Film den nächsten ergibt wie in einer einzigen Fortsetzung. Wir haben dann recht früh mit dem Drehen des Films begonnen, im Jahr 2012, sodass But Beautiful der Film ist, an dem ich bislang am längsten gearbeitet habe, fast sieben Jahre lang. 2015, im Jahr der sogenannten Flüchtlingskrise, ist mir klar geworden, dass es keinen Sinn mehr macht, einen Film nach dem anderen zu drehen, die alle immer nur die Abgründe unserer Welt zeigen. Ich dachte, es sei an der Zeit Filme in die Welt zu setzen, an denen sich der Zuschauer aufrichten kann.

Unser vorheriger Film Alphabet endet mit einem Zitat Benjamin Franklins, das besagt, es gebe drei Arten von Menschen: solche, die unbeweglich (im Original „immoveable“) sind, solche, die beweglich (im Original „moveable“)  sind, und eben solche, die sich bewegen. In But Beautiful haben wir uns auf die Suche nach der letzten Sorte Mensch gemacht.

Welche Begegnungen haben Sie bei der Arbeit an dem Film besonders beeindruckt?
Eigentlich alle. Am Ende der Dreharbeiten hatten wir an die 400 Stunden Material und sind auf unserer Reise noch vielen anderen Menschen begegnet, bei denen uns aber nach Sichtung des Materials klar war, dass diese sich, nach Franklin, noch nicht wirklich bewegen. Das sind oder waren Menschen, die so tun, als würden sie nachhaltig denken und handeln, aber, wenn man genauer hinsieht und zuhört, stellt man fest, dass dies doch nicht der Fall ist.

Im Falle der Musiker war unser Auswahlkriterium, wie sie zur Musik stehen, ob sie mit ihr inspirieren oder beeindrucken wollen.

Die einzige Begegnung, die wir nicht geplant hatten, war die mit dem Dalai Lama und seiner Schwester, die auf uns zugekommen sind. Wir sind zu der „Mind & Life“-Konferenz gereist, weil wir eigentlich jemand anders treffen wollten, was aber nicht geklappt hat.

Besonders beeindruckt haben uns auch Barbara und Erich Graf, die sich in La Palma, wie man im Film sieht, durch ihre Arbeit ein autarkes System geschaffen haben. Der Begriff des Aussteigers passt zu den beiden einfach nicht, denn in meinen Augen sind sie beide Einsteiger, weil sie in den Lebenszyklus wieder eingestiegen sind. Innerhalb von zehn Jahren haben sie aus einer unfruchtbaren Landschaft mit einfachen Mitteln ein Paradies geschaffen.

Andere Menschen wie Erwin Thoma oder Sanjit Bunker Roy und das von ihm gegründete Barefoot College kannten wir schon sehr lange. Mich haben diese Frauen dort sehr beeindruckt, welche diese komplexen Spiegel bauen, mit deren Hilfe nur mit Sonnenenergie gekocht werden kann. Oder wie sie mittels Solarenergie Elektrizität in ihre Häuser bringen.

Dass uns  die Musiker inspiriert haben, muss ich, glaube ich, nicht noch einmal gesondert erwähnen. (lacht)

Viele ihrer Filme, dieser aber ganz besonders, propagieren ja einen Weg, der sich abwendet von dem wirtschaftlich motivierten Zweckdenken. Ist ein solcher Weg in unserer globalisierten Welt nicht so etwas wie ein Kampf gegen Windmühlen?
Nein, auf keinen Fall. Lassen Sie mich das an einem Beispiel erklären.

Der höchste Feiertag in den USA ist Thanksgiving, das Erntedankfest. Die Bauern oder Farmer bedanken sich bei diesem Fest mit ihren Familien zusammen für die Ernte, aber nicht für den Profit oder die Produktion. Wenn Landwirte heutzutage vor allem ernten würden und nicht ständig den Profit im Auge behalten müssten, wäre schon vieles anders. Viel, von dem, was wir heute erleben, kann sich auch anhand von Studien direkt auf die konstante Profitorientierung in der Landwirtschaft und Aspekte wie Massentierhaltung zurückverfolgen lassen. Da sollte ein Umdenken stattfinden.

Dieses Umdenken kann stattfinden, wenn wir ernten oder von mir aus auch produzieren in Kooperation mit der Natur. Diese Kooperation gibt es in der industriellen Landwirtschaft nicht, denn diese will die Natur beherrschen, beispielsweise durch das Schaffen von Monokulturen, welches dann wiederum eng mit Phänomenen wie dem Artensterben verknüpft ist. Dank dieser Vorgehensweisen, dem Fehlen von Filtern zwischen Mensch und Tier, kommt es zu solchen Krisen wie der Corona-Krise. Wenn wir nicht umdenken, wird dies nicht das letzte Virus sein, mit dem wir uns befassen müssen, und auch nicht die letzte Krise, die wir miterleben müssen.

Wir als Menschen haben uns verirrt, aber wir können uns auch wieder verändern, wir haben diese Gabe. Auch wenn es vielleicht zunächst unangenehm ist, wir können und sollten unser Tun und Handeln ändern.

Die Musiker, die im Film auftreten, wie zum Beispiel Kenny Werner, sprechen von der Inspiration, die ihnen die Musik gibt und die sie versuchen an ihren Zuhörer weiterzugeben. Werner spricht davon, dass wenn man Musik macht und ganz in ihr aufgeht, man Kontakt aufnimmt zu etwas Höherem. Ist But Beautiful wegen solcher Aussagen und Momente nicht so etwas wie Ihr erster spiritueller Film?
Spiritualität ist ein sehr schwieriger Begriff, weil er oft fehlinterpretiert wird. Er wird gern in die Nähe der von Religionen und deren Amtskirchen gerückt. Und dort ist in den letzten Jahrhunderten ja auch vieles ganz falsch gelaufen und daher ist der Begriff oft negativ besetzt.

Der Dalai Lama spricht im Film von den inneren Werten des Menschen.

Wir haben uns als Menschen in äußeren Bereichen wie der zum Beispiel der Technik sehr weit entwickelt in einem unglaublichen Tempo. Aber mit unseren „inneren, geistigen Werten“ sind wir ganz woanders, da haben wir uns nicht im gleichem Maße entwickelt und diesen Schritt sollten wir jetzt machen. Wir sollten wieder das Gemeinwohl über alles setzen, wir müssen unser spirituelles, geistiges Innenleben dahingehend verändern.

Abgesehen von den Menschen, mit denen Sie sich unterhalten, spielt auch die Landschaft eine große Rolle in Ihrem Film. Wie entscheiden Sie, was davon gefilmt wird?
Die Landschaften im Film sind keinesfalls paradiesisch. In Rajasthan, Indien befinden wir uns in einer der ärmsten und trockensten Gegenden des Landes. La Palma, wie auch andere Gebiete auf den Kanarischen Inseln, ist letztlich ruiniert worden durch die verschiedenen Monokulturen der industriellen Landwirtschaftsmethoden. Die Grafs versuchen durch ihre Arbeit diesem Land wieder etwas vom Paradies zurückzugeben. Wenn Erwin Thoma im Film im Wald spazieren geht, ist das ein Nutzwald. Das sind alles sehr gewöhnliche Landschaften.

Dieser Film entstand mit einem ganz kleinen Team, manchmal gab es nur mich und manchmal hatte ich noch Aljoscha Wuzella, den Kamera-Assistenten, mit dabei, meistens auch noch jemanden für den Ton. Wenn wir also in den gerade beschriebenen Landschaften sind, versuchen wir, das Beste draus zu machen, vereinfacht gesagt. (lacht)

Dieses Vorgehen hat nichts Organisiertes an sich. Am Wichtigsten ist es, einen Zugang zu den Menschen zu bekommen und das braucht Zeit. Das Filmen ist sehr intuitiv, es kommt immer wieder vor, dass wir noch einmal in bestimmte Gegenden fahren müssen, wie beispielsweise nach La Palma, wo wir zweimal waren.

Wenn auf den Kinoplakaten zu But Beautiful steht, dass dies ein Film von mir ist, dann sollte es eigentlich heißen, „Ein Film durch…“, denn es ist nicht so, dass ich den Film mache, sondern der Film macht mich. Durch mich ist der Film, wenn man so will, so wie Sie ihn sehen, durchgegangen und wenn Sie ihn gemacht hätten, sähe er ganz anders aus.

Als wir Kenny Werner das zweite Mal im Film sehen, sagt er während einer Autofahrt, die Musik sei ja schon da. Das ist ein wahnsinnig schöner Satz, denn beim Film ist genauso. Der Film ist ja auch schon da. Ein Filmemacher macht von sich aus was, ebenso ein Musiker, beide machen etwas, was andere noch nicht sehen oder eben hören können, was aber genau genommen schon da ist.

Gibt es im Moment ein Thema oder vielleicht sogar mehrere, die Sie interessieren und die Sie sich als Ihr nächstes Projekt vorstellen könnten?
Die gibt es. Zusätzlich zum Film ist auch noch ein Buch von mir und Sabine Kriechbaum erschienen, denn es gibt ja meistens so viele Aspekte zu einem Thema, die in einem Film letztlich einfach keinen Platz mehr finden. In diesem erklären wir auch, wie ein Film aus dem nächsten hervorgeht, was wir ja schon zu Anfang des Gespräches besprochen haben.

Seit Jahren verfolge ich jetzt schon ein Thema und als But Beautiful im November 2019 zuerst in Deutschland und dann einen Tag später in Österreich anlief, kam ein Mail von einer mir unbekannten Frau. Sie weist mich exakt auf dieses Thema, welches ich seit Jahren verfolge hin. Mit Kenny, der bei der Premiere in Berlin und am nächsten Tag in Hamburg dabei war, habe ich darüber gesprochen und er meinte, ich müsse das jetzt machen, es gehe gar nicht anders. Ich mag diesen Prozess, weil er sehr organisch verläuft. Anders als so manche Produktionsideen wo es beispielsweise heißt, jetzt müssen Komödien gemacht werden, weil die sich gerade gut verkaufen.

Wir haben uns vorgenommen einen Zyklus von Filmen über das Leben und das Lebendige zu drehen, von dem But Beautiful der erste Teil ist. Die Corona-Krise bedeutet im Moment einen Einschnitt, hat aber den Satz „Nichts existiert unabhängig“ der im Film zitiert wird, noch einmal bestätigt. Gestern habe ich eine Mail von der Enkelin Viktor Frankels erhalten, der nicht nur Auschwitz-Überlebender war, sondern auch der Begründer der Logotherapie. Er hat nach seinen Erlebnissen im KZ ein Buch geschrieben mit dem Titel „Trotzdem Ja zum Leben“ sagen“. Nachdem seine Enkelin But Beautiful gesehen hatte, schrieb sie mir, dass der Film vieles in der Welt auf den Punkt bringen würde.

Es muss immer einen Moment geben, in dem ich denke oder fühle, dass dieser Film oder dieses Thema besonders passt. Als Michael Haneke seinen Film Liebe gemacht hat, einen Film über zwei alte Leute und ihre Auseinandersetzung mit dem Sterben, muss er auch gespürt haben, dass dies ein Thema war, was jetzt angesagt war. Als wir Let’s Make Money gemacht haben, war dies noch lange vor der eigentlichen Finanzkrise. Aber es war für uns spürbar, dass so etwas passieren kann und wird.

Für But Beautiful wollten wir eigentlich noch mit dem amerikanischen Neurobiologen Richard Davidson drehen, der wissenschaftlich nachweisen kann, wie wir Menschen miteinander verbunden sind. Wenn man das einmal begreift, erkennt man den Unsinn von Dingen wie Konkurrenzdenken und Wettbewerb. Selbst im Sport gibt es so etwas nicht, denn auch wenn man gegeneinander spielt, wie im Fußball, reicht man sich anschließend die Hand und tauscht die Trikots aus.

Außerdem besteht das Gebot der Fairness im Sport. Es geht nicht, dass ein Top-Verein gegen einen aus der Kreisliga antritt, aber in der Wirtschaft geschieht dies tagtäglich. Da werden Länder oder Ökonomien ausgebeutet, die mit einer europäischen Wirtschaft gar nicht mithalten können. Das ist ein unlauterer Wettbewerb.

Vielen Dank für das Gespräch.

Erwin Wagenhofer

© Franzi Kreis

Zur Person
Erwin Wagenhofer wurde 1961 im österreichischen Amstetten geboren. Bereits 1981 fing Wagenhofer an kurze Spielfilme zu drehen, bevor er 1983 ganz in die Filmbranche wechselte und zunächst vor allem fürs österreichische Fernsehen arbeitete. Insbesondere sein Kinodokumentarfilm We Feed The World (2005) brachte Wagenhofer international Beachtung. Im Film setzt sich Wagenhofer mit dem Thema der industriellen Nahrungsmittelproduktion auseinander. Seine Filme wurde mit zahlreichen internationalen Preisen wie dem World Shift Ethics Award oder dem FIPRECI-Preis ausgezeichnet und stehen in vielen Schulen gar auf dem Lehrplan.



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Erwin Wagenhofer [Interview]
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