Kritik

Wagenknecht

„Wagenknecht“ // Deutschland-Start: 12. März 2020 (Kino) // 2. Oktober 2020 (DVD)

An prominenten Politikerinnen mangelte es in Deutschland zuletzt nicht. Neben der Endloskanzlerin stehen vor allem ihre Parteikolleginnen von der Leyen und Kramp-Karrenbauer immer wieder im Fokus der medialen Aufmerksamkeit – auch wenn sie dabei nicht unbedingt immer eine glückliche Figur machen. Das gilt auch für Sahra Wagenknecht, die als Spitzenpolitikerin der Linken Kontroversen nicht unbedingt scheute, sich gerne mit anderen stritt, ob nun aus der eigenen Partei oder von der Konkurrenz. Dazu hatte sie auch genügend Gelegenheit, bis 2017 war sie Oppositionsführerin, 2019 trat sie von ihrer Position als Fraktionsvorsitzenden zurück.

Gerade ihre konfrontative Art machte die Idee einer eigenen Dokumentation recht reizvoll, anders als bei den gerne ausweichenden Kolleginnen durfte man sich hier auf eine echte Auseinandersetzung freuen. Genau die bleibt jedoch aus. Zum Ende hin werden in Wagenknecht zwar die Streitpunkte der Linken angesprochen, gerade beim Umgang mit den rechten und wie man auf die Flüchtlingssituation reagieren sollte. Wagenknecht vertritt hier, anders als so manche anderen ihrer Partei, die Auffassung, nur tatsächlich Verfolgte ins Land zu lassen. Einfach nur ein besseres Leben zu wollen, auf Kosten des deutschen Systems, nicht mit ihr.

Die fehlende Suche nach den Gründen
Das mag man nun als Gegenangriff auf die Gefahr durch die AfD ansehen, die der Linken den Status der größten deutschen Oppositionspartei abspenstig machte. Interessant ist es aber schon, wie sich dieser Abschottungsgedanke mit den sozialistischen Prinzipien vereinbaren lässt. Eine wirkliche Antwort darauf liefert der Dokumentarfilm nicht, auch weil Wagenknecht diese Auseinandersetzung verhindert – so werfen ihr die parteiinternen Kritiker und Kritikerinnen vor. Aber stimmt das? Wie viel der inneren Zerreißprobe geht auf sie zurück, wie viel ist auf Intrigen zurückzuführen, deren Opfer die Politikerin lediglich ist? Wir erfahren es nicht.

Allgemein bleibt leider vieles hier nur an der Oberfläche. Der Teilrückzug Wagenknechts, der auch einer jahrelangen Überarbeitung geschuldet ist, der wird hier durchaus vorweggenommen, wenn immer wieder der hohe Stresspegel ihrer Arbeit betont wird. Eine naheliegende Debatte zu dem Thema, wie die Arbeitsbedingungen in der Politik sind und ob sich an den Aufgaben etwas ändern müsste, die bleibt jedoch aus. Gleiches gilt für die kurzen Ausführungen dazu, wie Die Linke in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Der Film deutet an, dass die Partei nicht mit dem gleichen Maß gemessen wird. Doch die Behauptung steht mitten im Raum, wird nicht diskutiert, verschwindet sofort.

Und wer bist du in echt?
Selbst der Persönlichkeitsfaktor von Wagenknecht ist recht unbefriedigend. Das ist sicherlich auch der Politikerin selbst geschuldet, die – unabhängig von fachlichen Fragen – einfach kein sonderlich charismatischer oder interessanter Mensch ist, zumindest in der Öffentlichkeit. Umso interessanter wäre es gewesen, einmal hinter diese Fassade zu blicken, den Menschen hinter der Politik zu entdecken. Leider gelingt es Regisseurin Sandra Kaudelka aber nicht, ihrem Thema näherzukommen, und das obwohl sie diesem mehr als zwei Jahre auf den Fersen war. Wenn sie etwas über das Bild sagt, das in ihrem Büro hängt, ist das schon der Gipfel des Privaten.

So ganz ist dann auch nicht klar, was der Dokumentarfilm, der auf der Berlinale 2020 seine Weltpremiere hatte, überhaupt erreichen will. Als persönliches Porträt der Politikerin bleibt Wagenknecht zu distanziert, für einen Einblick in den Politikbetrieb zu seicht. Wer von allem ein bisschen will, der bekommt zwar ein paar Ansatzpunkte. Aber das ist letztendlich zu wenig, um dem Thema gerecht zu werden.

Credits

OT: „Wagenknecht“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Sandra Kaudelka
Musik: Soufian Zoghlami
Kamera: Michael Kotchi, Albrecht von Grünhagen, Alexander Gheorghiu

Bilder

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Wagenknecht
Sahra Wagenknecht war sicher eine der kontroversesten Politikerinnen Deutschlands. Tatsächlich interessant ist sie aber nicht, zumindest nicht, wenn man den Dokumentarfilm als Grundlage hat. Die privaten Aspekte bleiben ebenso spärlich wie die Einblicke in den Politikbetrieb, trotz interessanter Themen ist „Wagenknecht“ ein bisschen nichtssagend.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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