Kritik

Die Farbe aus dem All

„Die Farbe aus dem All“ // Deutschland-Start: 5. März 2020 (Kino) // 26. März 2020 (DVD/Blu-ray)

Auf einer abgelegenen Farm wollen Nathan (Nicolas Cage) und Theresa Gardner (Joely Richardson) zusammen mit ihren drei Kindern (Madeleine Arthur, Brendan Meyer, Julian Hilliard) zur Ruhe kommen und ein neues Leben aufbauen. Doch das ist einfacher gesagt denn getan. Nathans Versuche, auf dem Land etwas anzupflanzen, bleiben ohne Erfolg, Theresa kann aufgrund der schwachen Internetverbindung kaum noch als Therapeutin arbeiten, es kommt immer wieder zu Konflikten innerhalb der Familie. Aber das ist alles nichts im Vergleich zu dem, was noch folgt: Ein Meteorit ist vom Himmel gefallen und beginnt langsam, das Umfeld und alle Lebewesen auf unheimliche Weise zu verändern …

Im Laufe der letzten Jahre hat sich Nicolas Cage einen gewissen Ruf erarbeitet: Der ursprünglich als Charakterdarsteller zu Ruhm gekommene US-Amerikaner (Leaving Las Vegas) spielt zum Abbau seiner Schulden in so ziemlich allem mit, was ihm angeboten wird. Das ist manchmal mittelmäßig, oft nicht einmal das. In Verbindung mit Cages Neigung zum Overacting bilden seine Filme fast schon eine eigene Kategorie an Filmen, die man entweder kultig oder ganz schrecklich finden kann. Dann und wann findet sich in der Masse mieser Werke aber auch etwas richtig Gutes, beispielsweise Mandy, wo die wahnsinnig übertriebenen Darstellungen des Schauspielers gewinnbringend eingesetzt wurden.

Ein Wahnsinn mit System
Die Farbe aus dem All ist jetzt ein weiteres gelungenes Beispiel, wie man dieser speziellen Nische etwas Positives abgewinnen kann. Das ist nicht wirklich eine Überraschung, basiert der Film doch auf einer Kurzgeschichte von H. P. Lovecraft. Zu Lebzeiten fand der jung verstorbene Autor keine größeren Erfolge. Heute gilt er jedoch als einer der einflussreichsten Horrorschriftsteller. Seine Spezialitäten: kosmischer Horror, die Bedeutungslosigkeit und Zerbrechlichkeit der Menschen, gepaart mit jeder Menge Wahnsinn, wenn der menschliche Geist nicht den Bedrohungen von außen stand halten kann. Das ist doch wie gemacht für die Manierismen von Cage!

Tatsächlich ist der Ausnahmedarsteller einer der Höhepunkte des Films. Wenn sein Nathan auf unvorhersehbare, willkürliche Weise zu Ausbrüchen neigt, die seltsamsten Dinge von sich gibt, gleichzeitig Schutz und Bedrohung ist, dann ist das ein Anblick, den man kaum wieder vergisst. Wobei die meisten aus dem Ensemble starke Momente haben, wenn eine Figur nach der anderen von dem seltsamen Stein aus den Weiten des Alls beeinflusst wird, sich in etwas verwandelt, von dem man gar nicht genau sagen kann, was es ist. Die Farbe aus dem All spielt dabei mit der Angst vor dem Unbekannten: Während die meisten Horrorfilme nur anfangs verschweigen, worin die Gefahr besteht und mit der Zeit alle nötigen Erklärungen liefert, da bleibt der Schrecken hier unfassbar und grotesk.

Gemütliche Eskalation
Dabei lässt sich der Film recht viel Zeit. Richard Stanley, der Regie führte und das Drehbuch mitschrieb, dehnte die Kurzgeschichte Lovecrafts auf 110 Minuten aus. Das ist eine Menge, vielleicht auch ein bisschen zu viel. Ungeduldigere Naturen werden damit eher weniger Spaß haben, da es relativ lange dauert, bis da mal einen Gang hochgeschaltet wird. Dafür schafft er es, die Intensität tatsächlich bis zum Ende zu erhöhen. Wo anderen einfach nur die Lautstärke erhöhen oder geradlinig von einem Jump Scare zum nächsten hüpfen, da eskaliert Die Farbe aus dem All, bricht auseinander, setzt sich zu etwas völlig Neuem zusammen. Das Sci-Fi-Horror-Werk braucht dafür nicht einmal Wendungen im eigentlichen Sinn. Es ist eher der völlige Verlust eines Sinns, der einen hier nachhaltig erschreckt.

Die Adaption, welche auf dem Toronto International Film Festival 2019 Premiere hatte, mischt dabei Horror mit Humor, lässt Skurriles und Surreales ineinander übergehen, bis man nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht. Dass das so gut funktioniert, verdankt der Film der audiovisuellen Umsetzung, die ebenso wenig von dieser Welt zu stammen scheint wie der mysteriöse Stein. Ob es die bereits im Titel angekündigten Farbexplosionen sind, die unheimliche Musik von Colin Stetson (Hereditary – Das Vermächtnis) oder das ungewöhnliche Sounddesign, Die Farbe aus dem All nimmt uns in vielerlei Hinsicht die Möglichkeit, noch Orientierungspunkte zu finden, wenn wir immer tiefer in einen Strudel des Schreckens gezogen werden, aus dem kein Mensch unverändert je wieder herausfindet.

Credits

OT: „Color Out Of Space“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Richard Stanley
Drehbuch: Richard Stanley, Scarlett Amaris
Vorlage: H. P. Lovecraft
Musik: Colin Stetson
Kamera: Steve Annis
Besetzung: Nicolas Cage, Joely Richardson, Madeleine Arthur, Brendan Meyer, Julian Hilliard, Elliot Knight

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Die Farbe aus dem All
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Die Farbe aus dem All
„Die Farbe aus dem All“ lässt einen Meteoriten auf die Erde fallen, der Umwelt und Lebewesen gleichermaßen verändert. Die Adaption der Kurzgeschichte von H. P. Lovecraft kombiniert dabei Humor mit Horror, ist aufgrund der bizarren audiovisuellen Umsetzung und eines wahnsinnig aufspielenden Ensembles ein Muss für Fans von echten Albtraumtrips.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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