Kritik

Manhunter

„Manhunter – Roter Drache“ // Deutschland-Start: 29. Januar 1987 (Kino) // 14. August 2001 (DVD)

Nach Jahren als Profiler in wichtigen Fällen hat sich Will Graham (William L. Petersen) zur Ruhe gesetzt und lebt ruhig mit seiner Familie im sonnigen Florida. Jedoch wendet sich ehemaliger Boss Jack Crawford (Dennis Farina) an ihn, da das FBI in einem Fall von zwei Morden an Familien nicht weiter weiß und nach Monaten der Ermittlung keine echten Hinweise oder Spuren vorzulegen hat. Was zunächst nur als Begehung der Tatorte und Sichtung der Beweise geplant war, involviert Graham immer mehr, bis dieser gar Hannibal Lecktor (Brian Cox) aufsucht, jenen Serienkiller, den er als letzten zur Strecke brachte und der ihn lebensbedrohlich verwundete. Doch bevor er ihn als Mörder enttarnte, war Lecktor auch der Psychiater, der Graham bei seinen Ermittlungen durch seine Expertise immer wieder zur Seite stand. Jedoch liefert die Begegnung mit Lecktor nicht nur neue Erkenntnisse für die Ermittler, denn für Graham hat die Suche nach dem Killer mittlerweile oberste Priorität, eine Aufgabe, in die er sich gefährlich hineinsteigert. Die Gefahr durch den Killer, den die Medien mittlerweile die „Zahnfee“ nennen, da er Bissspuren bei seinen Opfern hinterlässt, wird umso realer, als dieser Kontakt zu Lecktor aufnimmt und dieser ihm die Adresse von Grahams Familie zuspielt.

Im Kopf der Bestie
Für viele gilt US-Regisseur Michael Mann als ein Experte auf dem Gebiet des elegant gefilmten Thrillers, der packende und spannende Geschichten zu erzählen vermag. Insbesondere durch die Zeichnung der Ermittlerfiguren gelingt Mann immer wieder ein faszinierender Blick auf das Böse im Menschen, der modernen Stadt als Sündenpfuhl und eine zeitgemäße Interpretation des Antihelden. Umso mehr erstaunt es, dass seiner Verfilmung der Romanvorlage aus der Feder Thomas Harris leider nicht der Erfolg zuteil wurde, den man sich wohl versprach. Erst mit dem Erfolg von Das Schweigen der Lämmer und der morbiden Faszination rund um die Figur des Hannibal Lecter (in Manns Film „Lecktor“) begann sich der Blick auf Manhunter, alternativ Blutmond, zu ändern, der nicht nur seiner überflüssigen Neuverfilmung von Brett Ratner in allen Belangen überlegen ist, sondern zudem einer der besten Thriller der 80er Jahre.

Die Spannung des Films geht nicht zuletzt vom Charakter des William Graham aus, der mit großer Hingabe von William Petersen verkörpert wird. In seiner Haltung und seiner Mimik spiegelt sich die Angst vor der Dunkelheit wider, von der er aber gleichzeitig wie magisch angezogen wird. Stets balanciert dieser Mann auf einem dünnen Draht zwischen Selbstaufgabe und Professionalität, zwingt sich immer wieder in die Gedankenwelt des Killers, wobei er zurückschreckt vor dem möglichen Verlust seiner Menschlichkeit.

Wie schon in Manns Meisterwerk Thief – Der Einzelgänger (1981) misslingt der Rückzug ins Private, bleibt der Traum eines Paradieses flüchtig. Das düstere Bild der Stadt, die anonymen Büros und die Neonlichter sind der Dschungel, in dem sich die Bestien bewegen, zu denen Charaktere wie Graham, ob sie es wollen oder nicht, eine wichtige Beziehung haben. Einzig und allein Brian Cox’ Lecktor erkennt diese Angst vor dem Abgrund in Graham und spielt geschickt mit dieser in einer ambivalenten Mischung aus professioneller Neugier, Schadenfreude und stiller Wut darüber, einst von diesem Mann gefasst und überwältigt worden zu sein. So ist Manhunter dann nicht mehr nur ein Thriller um das Fassen eines Mörders, sondern auch ein psychologisches Drama um einen Mann, der vor der Dunkelheit in seinem Herzen flieht.

Zwischen Mensch und Drache
Als Spiegel dieses inneren Streits in einem Menschen sieht man diesen Konflikt gleichsam im Killer, gespielt von Tom Noonan. In dessen beängstigendem Minimalismus zeigt sich das Tier, der Mörder, der bei Vollmond auf Beutetour geht und jedes Mitgefühl verloren hat. Doch gleichzeitig spielt Noonan einen Verletzten, einen Mann, der die Dunkelheit braucht, um sich vor der Welt zu verstecken, doch dessen Beziehung zum Tier ihn genauso zu einem Getriebenen machen wie den Ermittler. Mit wenigen filmischen Mitteln, aber nicht zuletzt dank der Musik Michael Rubinis und der fabelhaften Kameraarbeit Dante Spinottis gelingt damit ein ebenso intensiver Einblick in das Leben eines Menschen, der für die Menschheit schon verloren ist und der trotzdem so schrecklich nah uns kommt.

Credits

OT: „Manhunter“
AT: „Blutmond“
Land: USA
Jahr: 1986
Regie: Michael Mann
Drehbuch: Michael Mann
Vorlage: Thomas Harris
Musik: Michael Rubini
Kamera: Dante Spinotti
Besetzung: William L. Petersen, Brian Cox, Joan Allen, Dennis Farina, Kim Greist, Tom Noonan

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Manhunter – Roter Drache
3.75 (75%) 24 Artikel bewerten

Manhunter – Roter Drache
„Manhunter – Roter Drache“ ist ein intensiv gespielter, sehr spannender Thriller. Dank der Inszenierung entwickelt sich für den Zuschauer ein Sog der Geschichte, der einen nicht mehr loslässt bis zu letzten Minute dieses beunruhigenden Films über die Bestie im Menschen.
9von 10

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