Kritik

Nachlass Passagen

„Nachlass – Passagen“ // Deutschland-Start: 23. Januar 2020 (Kino)

Zwar ist die Medizin in ihrer Forschung über das menschliche Gehirn sehr weit gekommen, doch der Schein trügt, denn in Wahrheit bleibt vieles bislang nur Theorie, wozu auch die essenziellen Funktionen des Erinnerns und des Vergessens zählen. Nach dieser wird vor allem jenes Wissen behalten, welches als persönlich relevant vermittelt wird, wohingegen Informationen, die ohne jeden weiteren Belang sind, aller Wahrscheinlichkeit nach vergessen werden. Auch wenn die Tatsache des Vergessens bedauerlich erscheinen mag, ist sie doch notwendig, würden wir ansonsten sehr viel Unzusammenhängendes in unserem Gedächtnis abspeichern.

Ausgehend von diesen Aspekten ist die Arbeit der Erinnerungskultur in Deutschland nicht nur eine wichtige, sondern auch eine müßige Aufgabe. In ihrer Dokumentation Nachlass (2017) behandelten die Regisseure Christoph Hübner und Gabriele Voss Fälle von Menschen, die nicht vergessen können oder wollen. Durch ihre Familienbiografie mit dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg verbunden treffen sie in ihrem Film auf Menschen, diskutieren mit ihnen die Schuldfrage und wie man mit der Erinnerung und dem Wissen lebt. Innerhalb des Filmes besuchten die Regisseure unter anderem Erinnerungsstätten wie die Topographie des Terrors in Berlin, sprachen mit Psychologen, Politikwissenschaftlern und Historikern über die Konzepte des Vergessens und des Erinnerns, über Täter und Opfer. Diese Episoden verbanden Hübner und Voss zu Nachlass – Passagen, den man auf der einen Seite als Einzelfilm behandeln kann oder eben als Ergänzung zum ersten Film.

Die innere Spaltung
In der letzten Episode ihres Films, welche passenderweise den Titel „Über das Vergessen“ trägt, beginnt der Politikwissenschaftler Claus Leggewie mit einer Definition von Vergessen. Unabhängig von der Notwendigkeit des Vergessens für den Menschen auf körperlicher Sicht, stellt sich abschließend die Frage, inwiefern man sich durch ein solches Vergessen nicht in gewisser Hinsicht selbst schuldig macht, nicht nur als Person, sondern auch als Land. Innerhalb der, wie im ersten Film, bewusst sachlich gehaltenen Gespräche zeichnet sich die Notwendigkeit des Erinnerns immer wieder ab durch das Setzen von Impulsen wie den „Stolpersteinen“ oder einem Gebäude wie der Topographie, deren Architektur nicht nur Geschichte präsentiert, sondern immer wieder dem Besucher den Bezug zum Hier und Jetzt betont.

Neben den Stätten deutscher Erinnerungskultur sowie der Justiz, die sich nach wie vor mit der Strafverfolgung der Täter befasst, versuchen die Episoden des Films dem sozialen Vergessen auf die Spur zu kommen, jenem Vergessen aus Scham oder Verdrängung, aber auch dessen Gegenteil. Die Psychologin Tanja Hetzer spricht hier von dem Konzept der „inneren Spaltung“, welches sie bei ihren Patienten beobachtet und sich in den beiden genannten Extrema äußert. Letztlich geht es bei Erinnerung an den Holocaust nicht nur um eine Verantwortung, sondern auch um den Umgang (nicht die Bewältigung) mit einem Trauma und dessen Folgen. Hierfür ist der unaufgeregte Stil der Dokumentation die passende visuelle Umgang.

Credits

OT: „Nachlass – Passagen“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Christoph Hübner, Gabriele Voss
Kamera: Christoph Hübner

Bilder

Trailer



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Nachlass – Passagen
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Nachlass – Passagen
„Nachlass – Passagen“ ist ein Film über das Vergessen und das Erinnern. Die einzelnen Episoden zeigen nicht nur die Wichtigkeit der Erinnerungskultur auf und wie diese in Deutschland stattfindet, sondern können das Fundament für eine Auseinandersetzung bieten, was die Geschichte mit und zu tun hat und warum sie letztlich auch bei uns ankommt.
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