Kritik

Mystify Michael Hutchence

„Mystify: Michael Hutchence“ // Deutschland-Start: 30. Januar 2020 (Kino) // 29. Mai 2020 (DVD/Blu-ray)

In seiner Abhandlung Das intensive Leben. Eine moderne Obsession eruiert der französische Philosoph und Schriftsteller Tristan Garcia, inwiefern Intensität, ausgehend von der Entdeckung und Erforschung der Elektrizität und anderer Phänomene, zu einer Lebenseinstellung nicht nur der Moderne, sondern des 21. Jahrhunderts wurde. Das Mysterium dieser Intensität ist zugleich das, was sie so anzieht, nämlich ihre inhärente Vergänglichkeit, denn in dem Moment, in dem sie hinterfragt oder gemessen wird, ist sie für uns bereits verschwunden. So erklärt Garcia beispielsweise die Entstehung eines Personenkults rund um Personengruppen, die wir bis heute mit Intensität verbinden. Eine solche Gruppe ist die der Rocker, auf ewig in unser aller Vorstellung eingraviert durch die Auftritte eines Marlon Brando in Der Wilde oder der Bühnenpräsenz eines Mick Jagger, Elvis Presley oder Jim Morrison.

An dieser Stelle setzen viele Musikerbiografien ein, auch die des australischen Regisseurs Richard Lowenstein über Michael Hutchence, den Frontmann der Rockband INXS. Ausgehend von zahlreichen Interviews mit Freunden und Verwandten sowie Archivmaterial, welches er für den Film sichtete und bündelte, versucht er eine Annäherung an diesen Menschen, dem sich die Kamera bereits scheu direkt zu Anfang der Dokumentation nähert. Innerhalb seines Films bricht Lowenstein immer wieder die Chronologie der Ereignisse, indem er zurückgreift, beispielsweise auf die Biografie der Eltern Hutchence’. Lowenstein präsentiert Eindrücke, Perspektiven und Zitate, die viele mögliche Versuche repräsentieren, sich diesem Menschen zu nähern, für dessen Band er mehrere Musikvideos drehte.

Der intensive Blick
Fast noch mehr als die Aussagen der vielen Interviewpartner, die Lowenstein in seinem Film versammelt, ist es die Person Michael Hutchence, deren Faszination man sich, auch wenn man kein Fan der Musik sein mag, nicht entziehen kann. Gerade der intensive Blick des Musikers fesselt den Beobachter, umarmt die Kamera, lädt den Zuschauer immer wieder ein sich zu nähern, gibt sich aber nur selten ganz preis.

Letztlich porträtiert Lowenstein einen Menschen, für den diese Intensität zu einem Lebenselixier wurde. Auf der einen Seite demonstrierte er durch seine Musik und besonders während der Live-Auftritte dieses intensive Leben, selbst wenn sich dies auf die Dauer einer Show beschränkte. Die Outfits, die teils suggestive Körpersprache und der nackte Oberkörper lassen an die Faszination mit dem jugendlichen Körper denken, den man in antiker Kunst beobachten kann. Andererseits wird man Zeuge, wie gerade diese Form der Aufmerksamkeit und Präsenz zu einer Obsession wird für Hutchence, auch abseits der Bühne. Der Verlust von Aspekten dieses Lebens, durch die Hetze der Medien oder einen tragischen Unfall, kommt einem Verzicht auf diese Form des intensiven Lebens nahe, wie bei einer Lampe, die man dimmt.

Dieser Blick wird in vielerlei Hinsicht zum Ausgangspunkt der Dokumentation, dieses facettenreichen Porträts eines jungen Mannes. Bereits früh im Film bekundet Hutchence in einem Interviewausschnitt die Flüchtigkeit dieses Lebens, in welchem es unmöglich zu sein schient, an etwas festzuhalten. Wie passend ist da seine Liebe zur Literatur, welche sich mit dem Festhalten von etwas Flüchtigem befasst wie Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray oder Patrick Süskinds Das Parfüm. Auch in diesen Augen sieht man sie Sehnsucht nach dem Festhalten des Augenblicks, doch auch die Trauer und die Einsicht über die Unmöglichkeit dieses Vorhabens.

Credits

OT: „Mystify: Michael Hutchence“
Land: Australien
Jahr: 2019
Regie: Richard Lowenstein
Drehbuch: Richard Lowenstein
Musik: Warren Ellis
Kamera: Andrew de Groot

Bilder

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Mystify: Michael Hutchence
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Mystify: Michael Hutchence
„Mystify: Michael Hutchence“ ist eine faszinierende Dokumentation über einen Rockstar und dessen intensives Leben auf und abseits der Bühne. Mehr noch als ein persönliches Porträt ist Richard Lowenstein eine Annäherung an die Person des Rockers gelungen, einer Obsession, die vom Publikum ausgeht, aber auch von der Person an sich, die an diesem Image und diesen Momenten festhalten will.
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