Kritik

Anna Karenina

„Anna Karenina“ // Deutschland-Start: 6. Dezember 2019 (DVD)

Seit mehreren Jahren ist Anna Karenina (Vivien Leigh) mit Alexej Karenin (Ralph Richardson), einem hohen russischen Beamten, verheiratet und hat mit ihm einen gemeinsamen Sohn. Jedoch ist ihre Ehe in dieser Zeit immer unpersönlicher geworden und Anna fühlt sich alleine, sodass sie des Öfteren ihre Verwandten besucht. Auf einer dieser Reisen nach Moskau lernt sie den Grafen Wronski (Kieron Moore) kennen, den sie für die Dauer ihres Aufenthalts immer wieder trifft und der ihr nicht mehr aus dem Kopf geht. Auch der Graf empfindet eine tiefe Zuneigung für Anna, doch beide versuchen, entgegen des aufkommenden Geredes der Leute um sie, ihre Verbindung geheim zu halten. Jedoch wird ihre Liebe immer stärker und ist bald schon kein Geheimnis mehr, auch nicht für Annas Ehemann, der außer sich ist über das indiskrete Verhalten seiner Frau. Als die ihm ihre wahren Gefühle gesteht, droht Anna nicht nur der Ausschluss innerhalb der gesellschaftlichen Kreise, in denen die bislang verkehrte, sondern zudem die Scheidung von ihrem Mann, der für sich das alleinige Sorgerecht für ihren Sohn beansprucht.

Zwischen Aufbruch und Tradition
Der Roman Anna Karenina aus der Feder des russischen Schriftstellers Lew Tolstoi gehört nicht nur zu seinen bekanntesten Werken, sondern darf mit Recht seinen Status als Teil der Weltliteratur einfordern. Schon oft wurde versucht, sich über das Medium Film diesem Epos anzunähern, zuletzt 2017 unter der Regie von Karen Schachnasarow, deren Film die bekannte Geschichte aus der Perspektive des Grafen Wronski erzählt. Für seine Verfilmung aus dem Jahre 1948 wollte der Franzose Julien Duvivier die Handlung in seine Heimat legen und den Fokus auf das Schicksal Annas legen, wogegen allerdings sein Koautor Jean Anouilh sein Veto einlegte.

Wie man es von einer Verfilmung eines über 900 Seiten starken Werkes erwartet, bündelt Duviviers Films die Handlung und spitzt die auf ihre Hauptthemen und -figuren zu. Zwar ist dieses Vorgehen nicht weiter verwunderlich, sorgt beim Zuschauer dennoch an bestimmten Stellen für Verwirrung, beispielsweise, wenn es um die Verbindung zwischen Anna und dem Grafen geht, die sich zunächst als Andeutung präsentiert und relativ plötzlich zur großen Liebe der beiden wird. Kieron Moores hölzernes Spiel macht die Anziehung, die Vivien Leighs Figur zu seiner spürt, umso verwunderlicher.

Allerdings verweist Duvivier, wie bereits die Vorlage, auf eine Gesellschaft, die im Wandel begriffen ist, auf technischer, politischer und sozialer Ebene. Das Grundmotiv des Zuges oder generell des technischen Fortschrittes steht als eine Art Kontrast zu den statisch wirkenden gesellschaftlichen Strukturen und Ehrenkodexen, die immer wieder, gerade bei der Bewertung der Beziehung des Grafen zu Anna, eine Rolle spielen. Den Prunk der adeligen Gesellschaft, in der sich Anna bewegt, wirkt statisch und ist mit einer gewissen Nostalgie inszeniert, die sich des Verlusts dieser Welt immer bewusst ist, eines Zerfalls, der nicht aufhaltbar ist. Trotz all dieser Aspekte hätte man, vor allem aus heutiger Sicht, der Bildsprache etwas mehr Mut gewünscht, wenn es um die Darstellung dieser Themen geht.

Ein Gesetz der Ehre
Neben Leigh, die in der Melodramatik ihrer Rolle vollends aufgeht, ist es vor allem Richardson als Repräsentant der Tradition sowie der patriarchalen Ordnung, der in seinen Szenen überzeugt. Er verkörpert einen Mann, der in seinem Bestehen auf Etikette, Regeln und Umgangsformen, eine beängstigende Strenge an den Tag legt, die sich auch in seinem äußeren Erscheinungsbild zeigt. Beklagt er in einem selten emotionalen Moment gegenüber seiner Frau, dass er immer alleine ist, erhält man einen Einblick nicht nur in sein Innenleben, sondern bekommt ein interessantes Psychogramm der Folgen des Stillstands, in den er und seine Befürworter der Ordnung sich hineinmanövriert haben.

Credits

OT: „Anna Karenina“
Land: UK
Jahr: 1948
Regie: Julien Duvivier
Drehbuch: Julien Duvivier, Jean Anouilh, Guy Morgan
Vorlage: Lew Tolstoi
Musik: Constant Lambert
Kamera: Henri Alekan
Besetzung: Vivien Leigh, Ralph Richardson, Kieron Moore, Sally Ann Howes, Martita Hunt

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Anna Karenina (1948)
„Anna Karenina“ ist eine interessante, aber sicherlich nicht die beste Verfilmung des Romans Tolstoi. Zwar ist die Darstellung einiger für die Vorlage wichtiger Themen gelungen und zeigt deren Aktualität auf, aber auf inszenatorischer Ebene überzeugen viele Punkte nicht, allen voran die Liebesgeschichte zwischen Anna und ihrem Grafen.
6von 10

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