Kritik

Unterm Birnbaum

„Unterm Birnbaum“ // Deutschland-Start: 30. Dezember 2019 (TV)

Im beschaulichen Dorf im Oderbruch passiert eigentlich nie etwas Aufregendes. Genauer passiert allgemein nichts mehr: Die meisten Leute sind schon weggezogen, eine Perspektive hat hier schon lange niemand. Abel (Fritz Karl) und Ursel Hradschek (Julia Koschitz) stemmen sich zwar noch gegen die Bedeutungslosigkeit und versuchen, ihr Wirtshaus am Leben zu erhalten. Doch die Geschäfte laufen schlecht, es fehlt an allen Ecken und Enden am nötigen Geld, zumal das Paar über seine Verhältnisse lebt. Als eines Tages ihr Gläubiger Schulze (Peter Schneider) vorbeischaut, um seine Schulden einzutreiben, fassen die beiden einen verzweifelten Plan …

Montag abends packt das ZDF gerne seine düsteren Stoffe aus. Das können entweder richtige Krimis sein wie Danowski – Blutapfel, alternativ auch persönliche Dramen à la Winterherz – Tod in einer kalten Nacht, in dem eine Familie lernen muss, mit dem Tod des Sohnes umzugehen. Da passt Unterm Birnbaum natürlich gut ins Programm, das ebenfalls an der Grenze zwischen Krimi und Drama wandelt. Denn auch wenn die Geschichte von Verbrechen handelt, vom großen Geld und der Gier, am Ende erzählt der Film in erster Linie von Menschen und wie sie mit der Situation umgehen, die sie sich selbst geschaffen haben.

Das Ende der Provinz
Wobei der Film sich in der Hinsicht etwas von der zugrundeliegenden Novelle von Theodor Fontane unterscheidet. Waren es dort die Spielschulden des Mannes, welche zum Unglück führten, bleibt es hier einerseits offen, ob nun Abel oder Ursel mehr Geld verloren haben. Vor allem wird Unterm Birnbaum aber auch zu einem Beitrag über Landflucht und Verödung der Provinz. Wenn Familie Hradschek über die Verhältnisse lebt, hat dies den Abstieg natürlich schon beschleunigt. Doch der Film zeigt eben auch die allgemeine Perspektivlosigkeit der dortigen Gegend, wenn das Wirtshaus zu einem der wenigen Lichtblicke des Ortes wird. Das Motto: Ohne dieses und die illegalen Wetten dort ging es der Bevölkerung noch schlechter.

Das ist sicher einer der interessanteren Aspekte von Unterm Birnbaum, da dies lohnenswerte moralische Fragen mit sich bringt. Wenn Polizist Geelhaar (Devid Striesow) angewiesen wird, nicht so genau hinzuschauen, was da so vor sich geht, dann darf man sich schon fragen, wer da nun Recht hat. Der Gesetzeshüter, der dafür ist, dass Regeln für alle gelten? Der Bürgermeister, der auf diese Weise den Ort retten will? Leider verfolgt das Krimidrama diesen Gedanken aber nicht sonderlich weit. Allgemein gibt es so einiges in dem Film, das etwas unnötig vorab abgewürgt wird. Die anfängliche Szene, wenn die zwei unterschiedlich mit einer einige Jahre zuvor geschehenen Totgeburt umgehen, die hat beispielsweise keinerlei Auswirkungen auf die Geschichte. Sie wird nicht einmal psychologisch wirklich genutzt, um das Verhalten zu erklären.

Über das Leben in Schuld
Schade ist zudem, wie wenig Regisseur Uli Edel (Der Club der singenden Metzger) aus einem anderen wichtigen Aspekt herausholt: das Gefühl von Schuld. Wie bei Fontane geht es in dem Film weniger darum, was genau vorgefallen ist. Auch wenn der Plan hier nicht verraten wird bzw. kaum erläutert, weiß man ziemlich genau, was los war. Wichtiger ist die Reaktion der Figuren. Julia Koschitz (Wie gut ist deine Beziehung?) darf zwar mit weit aufgerissenen Augen durch die Gegend stolpern und sich von den Geistern der Vergangenheit verfolgt fühlen. Doch das Ergebnis ist weder emotional noch spannend, es gelingt dem Film einfach nicht wirklich zu packen.

Das liegt auch an der Atmosphäre, die einerseits zwar durchaus düster ist, gleichzeitig jedoch immer etwas unwirklich. Unterm Birnbaum, das auf dem Filmfest Hamburg 2019 Premiere hatte, ähnelt oft mehr einem Theaterstück mit den begrenzten Schauplätzen als einem Film. Es hat immer etwas Klaustrophobisches an sich, hier unterwegs zu sein, obwohl es kaum Grenzen und Mauern in dem Sinn gibt. Das passt natürlich schon zum Inhalt, wenn Abel und Ursel in mehrfacher Hinsicht Gefangene sind. Aber auch daraus macht die inzwischen fünfte Verfilmung der Novelle nicht genug, dafür sind Beklemmung und Verzweiflung letztendlich zu blutleer. Zur Kenntnis nimmt man das alles schon, groß Wirkung hinterlässt es aber kaum.

Credits

OT: „Unterm Birnbaum“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Uli Edel
Drehbuch: Léonie-Claire Breinersdorfer
Vorlage: Theodor Fontane
Musik: Sebastian Fillenberg
Kamera: Hannes Hubach
Darsteller: Julia Koschitz, Fritz Karl, Katharina Thalbach, Devid Striesow, Boris Aljinovic

Bilder

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Unterm Birnbaum
4.5 (90%) 12 Artikel bewerten

Unterm Birnbaum
„Unterm Birnbaum“ erzählt von einem Ehepaar, das ein schlecht laufendes Wirtshaus führt und mit einem verzweifelten Plan das Unglück abwenden will. Die Adaption von Theodor Fontanes Novelle hat dabei durchaus interessante Aspekte, etwa moralische Fragen oder der Umgang mit Schuld. Sie macht aber zu wenig draus, der Film ist weder so spannend noch so emotional, wie es das Thema hergeben würde.
5von 10

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