Kritik

Traumfabrik DVD

„Traumfabrik“ // Deutschland-Start: 4. Juli 2019 (Kino) // 12. Dezember 2019 (DVD/Blu-ray)

Als Emil Hellwerk (Dennis Mojen) im Sommer 1961 auf Vermittlung seines Bruders Alex (Ken Duken) beginnt, im DEFA-Filmstudio in Potsdam-Babelsberg auszuhelfen, dann eigentlich nur, weil er nicht so recht weiß, was er mit seinem Leben nun anfangen soll. Viel Ahnung vom Filmgeschäft hat er nicht, weshalb er gerade zu Beginn auch regelmäßig Mist baut. Es ist nicht einmal so, dass er unbedingt für die glamouröse Welt des Films schwärmen würde. Mit einer Ausnahme: Milou (Emilia Schüle). Die arbeitet als Tänzerin und verdreht dabei Emil auf Anhieb den Kopf. Tatsächlich kommen die beiden sich auch näher, bis der Bau der Berliner Mauer sie trennt. Doch so leicht gibt der junge Mann nicht auf und ersinnt einen Planen, wie er die schöne Französin wiedersehen kann …

Dieses Jahr hat es nicht zu knapp Filme gegeben, die sich mit der DDR oder mit der Wiedervereinigung auseinandersetzten, pünktlich zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls. Dabei hat man fast vergessen, dass einige Monate zuvor mit Traumfabrik schon ein anderer Titel sich dieser Thematik annahm. Der zeigte mit seinem Sommerstart nicht nur ein völlig anderes Timing, er ging auch inhaltlich einen anderen Weg. Denn wo bei anderen die Teilung Deutschlands den Mittelpunkt der Geschichte ausmachte, da war sie hier nur ein Hindernis, das es auf dem Weg zur großen Liebe zu überwinden galt.

Ein Ort mit Vergangenheit
Genauer ist Traumfabrik gleich in zweifacher Hinsicht ein Liebesfilm. Er erzählt zum einen von dem jungen Emil, der einen verwegenen – man darf auch sagen bescheuerten – Plan ausheckt, um Milou wieder zurück zu locken. Gleichzeitig ist der Film aber auch eine Liebeserklärung an das Kino als einen Ort der Magie sowie an das berühmte Filmstudio, welches sich in Babelsberg befindet. Denn das ist nicht nur das älteste Großatelier-Filmstudio der Welt und das größte Filmstudio Europas. Dort entstanden auch Meilensteine der Filmgeschichte wie Metropolis und Der blaue Engel. Von der bewegten Historie erst während des Nationalsozialismus, später zur Zeiten der DDR ganz zu schweigen.

Angesichts des Titels, der eher in Hinblick auf Hollywood verwendet wird, könnte man daher glauben, der Film würde sich auch mit der tatsächlichen Geschichte des Studios auseinandersetzen. Das tut er jedoch nur zum Teil. Ein bisschen macht sich der Film natürlich schon über die Machthaber der DDR lustig, die einerseits den Westen ideologisch ablehnen, gleichzeitig für den Glanz deren Stars empfänglich sind. Die frühen 60er, wie sie die Filmbranche im geteilten Deutschland erleben, werden aber kaum als solche spürbar. Dafür interessiert sich der Film einfach nicht genug. Vor allem wird das Studio zu einem Ort, an dem Politik und Zeit keine Bedeutung mehr haben. Wie auch, wenn Kleopatra, Nazis und Piraten mehr oder weniger parallel existieren?

Nimm das nicht alles so ernst!
Das ist nicht ohne Charme, zumal sich der Film der eigenen Künstlichkeit durchaus bewusst ist. Mehr noch, Drehbuchautor Arend Remmers – sonst für humorvoll-derbe Genrekost wie Schneeflöckchen und Ronny & Klaid bekannt – hat hier eine Geschichte geschrieben, die auch dank der überzogenen Inszenierung immer wieder die Frage aufwirft: Ist das noch ernst gemeint oder Parodie? Das ist auf jeden Fall eine überraschend gewagte Gratwanderung, Traumfabrik ist einerseits schon die kitschige Romanze, die man erwarten darf. Und doch ist das auch irgendwie ironisch gebrochen, so als würde man sich nicht ganz den eigenen Gefühlen hingeben wollen oder dürfen. Ein bisschen wie ein junges Paar, das sich nicht ganz traut, sich auf das alles einzulassen.

Das hat natürlich Auswirkungen auf die Emotionalität des Films: Gefühle spielen eine große Rolle, sie sind wichtiger als alles andere. Aber es ist dann doch mehr die Idee eines Gefühls, die hier vermittelt wird. Selbst wirklich groß mitfühlen, das ist nicht ganz so einfach, dafür ist Traumfabrik zu bewusst künstlich. Gefangen nimmt einen das Geschehen aber schon ein wenig, diese ungenierte Sehnsucht nach einer anderen Welt und die überbordende Nostalgie für einen Mikrokosmos, von dem man gar nicht sagen kann, ob es ihn überhaupt je gegeben hat oder ob er nicht Teil dieses Traumes ist. Dennis Mojen (Nirgendwo, Wach) ist hierfür eine geschickte Besetzung, der mit Energie und weit aufgerissenen Augen durch eine Kulisse stolpert, die für ihn gleichzeitig echt und nicht echt ist, auf der Suche nach einem Eingang, den er zur Not auch ganz alleine bauen würde. Oder war es doch der Ausgang?

Credits

OT: „Traumfabrik“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Martin Schreier
Drehbuch: Arend Remmers
Musik: Philipp Noll
Kamera: Martin Schlecht
Besetzung: Dennis Mojen, Emilia Schüle, Ken Duken, Nikolai Kinski, Ellenie Salvo González, Michael Gwisdek, Heiner Lauterbach, Anatole Taubman

Bilder

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Traumfabrik
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Traumfabrik
„Traumfabrik“ erzählt von einem Filmkomparsen, der sich in eine Tänzerin verliebt, ist gleichzeitig aber auch selbst Liebeserklärung an ein legendäres Filmstudio und den Glanz vergangener Zeiten. Das ist bewusst überbordend bis hin zur Parodie, ein diffuser, nicht uncharmanter Traum von einem Gefühl und einer Welt, von der bis zum Schluss nicht klar wird, was davon nun echt ist und was nicht.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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