Schottland mag für einiges bekannt sein, eines eher nicht: Country-Musik. Entsprechend schwer tut sich auch die junge Sängerin Rose-Lynn Harlan (Jessie Buckley) damit, ihrem Traum näher zu kommen, zumal daheim noch zwei kleine Kinder auf sie warten, um die sich die alleinerziehende Mutter kümmern sollte. Im Oktober feierte das hoch gelobte Musikdrama Wild Rose (Kinostart: 12. Dezember 2019) seine Deutschlandpremiere beim Filmfest Hamburg. Wir nutzten die Gelegenheit, um ein wenig mit Regisseur Tom Harper zu plaudern und ihn zu seinen eigenen Erfahrungen zu befragen, wie er die Balance zwischen künstlerischer Karriere und Privatleben hält.

Tom, wann und wie bist du zu dem Projekt gekommen?
Ich war in Texas, wo ich an der Pilotfolge einer Serie arbeitete, und hörte Unmengen an Country-Musik. Als ich zurück war, traf ich zufällig meine Freundin Faye Ward, die als Produzentin arbeitet, und sie bat mich, das Drehbuch zu lesen. Als sie mir sagte, dass es um Country-Musik ging, dachte ich mir nur: Das muss Schicksal sein! Aber ich wollte den Film auch unbedingt machen, weil ich die Hauptfigur so großartig fand. Sie war lebendig und strahlend. Außerdem war ich ohnehin auf der Suche nach einem Projekt, bei dem ich wieder mit Jessie Buckley zusammenarbeiten konnte. Da hat das schlicht alles perfekt gepasst.

Jessie war also deine erste Wahl?
Absolut. Sie ist eine außergewöhnliche Schauspielerin und eine gute Freundin. Und sie hat eben diese unglaubliche Stimme. Da habe ich erst gar nicht darüber nachgedacht, jemand anderes zu nehmen.

Ist Country deine Art Musik? Oder was hörst du sonst, wenn du nicht gerade in Texas bist?
Ich höre mir eigentlich fast alles an. Das wechselt immer, je nachdem, was ich gerade tue, wo ich bin und was drumherum los ist. In Texas war es eben Country, vor Kurzem habe ich vor allem klassische Musik gehört. Ich versuche immer, komplett in den kreativen Prozess meiner Arbeit einzutauchen, was dann auch Einfluss darauf hat, welche Musik ich höre.

In den letzten Jahren gab es eine ganze Reihe erfolgreicher Musikfilme, die auf realen Persönlichkeiten basieren, etwa Yesterday und Bohemian Rhapsody. Ist da noch Platz für einen Film über einen Niemand?
Das denke ich auf jeden Fall. Diese Filme sind natürlich auch alle sehr unterschiedlich. Meine Filme handeln oft von ganz normalen Menschen, die ein ganz normales Leben führen und normale Gefühle haben. So lange die Filme gut sind und die Leute Zeit mit diesen Figuren verbringen wollen, wird es immer einen Raum dafür geben.

Der Film spielt in Glasgow und handelt von einer Country-Sängerin, was ein sehr einzigartiges Szenario ist. Inzwischen bist du mit dem Film schon in vielen Ländern gewesen. Gab es da Unterschiede bei den Reaktionen des Publikums?
Grundsätzlich waren die Reaktionen schon gleich, gerade auch beim emotionalen Kern. Denn die Themen sind da sehr universell. Nehmen wir die Beziehung zwischen Rose und ihrer Mutter: Wir alle haben eine Mutter und kennen die Schwierigkeiten, die wir manchmal mit unseren Eltern haben. Das ist etwas, das über Sprache hinausgeht, über kulturelle Unterschiede hinausgeht. Zu sehen, wie das Publikum in Hamburg reagiert, auf diese Szenen zwischen einer Mutter und ihrer Tochter und der Schwierigkeit, alles im Gleichgewicht zu halten, wie es sich damit verbindet, das war schon etwas Besonderes. Sehr emotional. Du konntest gestern wirklich die Energie im Saal spüren. Das ist etwas, das du nicht verbergen kannst. Das sind auch die Momente, für die du Filme drehst: um Menschen zusammenzubringen. Kleine Unterschiede gab es aber schon, würde ich sagen. Witze funktionieren beispielsweise in manchen Ländern besser als in anderen.

Die Schwierigkeiten mit der Familie sind aber nur ein Teil des Films. Ein anderes Thema ist der Kampf von Rose, es als Künstlerin zu schaffen und die eigenen Träume zu erfüllen. Wie sehr kannst du dich damit identifizieren? Wolltest du immer Filmemacher werden?
Schon früh, ja. Mit siebzehn, denke ich. Ich kann mich auch mit diesem Konflikt zwischen Selbstentfaltung und Verantwortung identifizieren. Meine Laufbahn war auch alles andere als einfach. Ich stand mehrere Male kurz davor aufzugeben und hatte mehrere Male glaube ich auch ziemlich Pech. Dafür hatte ich an anderen Stellen Glück. Und insgesamt ist die Balance aus beidem besser geworden. Aber es bleibt immer zwei Schritte vor, einer zurück. Du musst in diesem künstlerischen Umfeld Risiken eingehen, sonst kommt du nicht weit. Und wenn du diese Risiken eingehst, dann wirst du per Definition auch mal Fehlschläge erleben. Diese Fehlschläge musst du annehmen und darauf hoffen, die nötige Kraft zu haben. Denn die sind Teil deiner Reise.

Was wäre passiert, wenn du doch aufgegeben hättest? Was wäre die Alternative gewesen?
Keine Ahnung. Es war mal im Gespräch, nach Kanada zu gehen. Meine Frau und ich haben uns damals mit niederen Arbeiten über Wasser gehalten, weil wir beide mit unseren Projekten einfach nicht vorankamen. Also standen wir vor der Wahl: Entweder machen wir weiter diese Jobs, die uns kaputt machen, nur um irgendwie die Miete zahlen zu können, oder wir schauen einfach mal, wohin das Glück uns führt. Dann bekam ich aber das Geld für meinen ersten Kurzfilm und wir wollten erst einmal abwarten, bis der rum ist, um uns zu entscheiden.

Also gerade noch rechtzeitig.
Genau.

Rose träumt davon, nach Nashville zu gehen, weil sie der Ansicht ist, nur dort Erfolg als Country-Sängerin haben zu können. Warst du jemals in der Versuchung, der Karriere wegen in die USA zu ziehen? Der Filmmarkt dort ist dann doch noch um einiges größer als in Europa.
Tatsächlich nicht. Der Markt dort ist schon wieder so groß und einschüchternd, dass ich gar nicht gewusst hätte, wo ich anfangen soll.

Und was hättet ihr in Kanada gemacht, falls ihr doch gegangen wärt?
Das wussten wir nicht so genau. Wir hätten einfach geschaut, was sich so ergibt. Kanada erschien uns wie eine gute Kombination aus Europa und den USA, was es für uns einfacher gemacht hätte, uns nicht zu weit entfernt von zu Hause zu fühlen.

Wild Rose

Musikkarriere oder Familie? In „Wild Rose“ muss eine junge Sängerin eine schwere Wahl treffen (© 2019 eOne Germany)

Ein Thema des Films ist es, dass Rose ihre Arbeit als Sängerin und das Privatleben mit den Kindern nicht unter einen Hut bekommt. Auf der Bühne zu stehen ist natürlich etwas anderes als hinter der Kamera. Aber wie sind deine Erfahrungen in der Hinsicht?
Ganz ehrlich: Das ist eine große Herausforderung, über die ich auch viel nachdenke. Meine Arbeit führt dazu, dass ich sehr viel unterwegs bin. Ich versuche das zwar auf ein Minimum zu reduzieren und die richtige Balance aus beidem zu finden, aber das ist schwierig. Oft musst du da entweder das eine oder das andere vernachlässigen.

Wenn man sich deine bisherigen Werke anschaut, dann ist da wirklich von allem was dabei, sowohl in Hinblick auf das Genre wie auch den Inhalt. Oft findet man bei Regisseuren eine Art Muster, was sie gerne drehen. Bei dir habe ich keines gesehen. War das so geplant oder hat sich das einfach ergeben?
Gegenfrage: Gab es ein Muster bei den Filmen, die du dir im letzten Monat angeschaut hast?

Nein. Aber bei mir ist es auch so, dass wir den Lesern einen groben Überblick über alles geben wollen, was sich im Filmumfeld so tut. Es ist daher eine bewusste Entscheidung, sich die unterschiedlichsten Sachen anzuschauen.
Interessant. Ich selbst schaue eigentlich gerne alle möglichen Arten von Filmen. Die Regisseure, die ich schätze, fallen in zwei Kategorien. Shane Meadows, mit dem ich bei This Is England 86 zusammengearbeitet habe, ist ein Regisseur, der sehr beständig ähnliche Geschichten erzählt, wenn auch jedes Mal auf eine andere, einfallsreiche Weise. Aber ich bewundere auch Regisseure wie Paul Thomas Anderson oder Ang Lee, die von Film zu Film sehr unterschiedliche Geschichten erzählen, deren Handschrift dabei aber unverkennbar bleibt. Ich falle dann wohl eher in diese zweite Kategorie und versuche Geschichten zu finden, die mich inspirieren, und die dann zu erzählen, so gut ich es kann.

Welche aktuellen Filme anderer Regisseure haben dich zuletzt inspiriert?
Der letzte Film, den ich gesehen habe, war Lawrence von Arabien. Absolut hervorragend, ein Meisterwerk. Das ist jetzt nicht wirklich aktuell, aber ich hatte den vorher tatsächlich noch nie gesehen. The Report war großartig. The Rider ist ein fantastischer Film über Männlichkeit und insgesamt sehr schön. Du siehst also, mein Geschmack ist sehr vielseitig.

Was sind deine nächsten Projekte?
Mein Film The Aeronauts kommt demnächst raus. Eddie Redmayne und Felicity Jones spielen zwei Leute, die 1862 versuchen, einen neuen Höhenrekord aufzustellen. Ich arbeite außerdem an einer Serie namens A Gentleman in Moscow mit Kenneth Branagh, die auf dem Roman von Amor Towles basiert. Das werden dann wieder völlig unterschiedliche Sachen sein, da hast du recht. Aber ich glaube, etwas, das sich durch meine ganzen Filme zieht, ist eine gewisse Wärme, Optimismus und der Glaube an die Menschheit.

Tom Harper

Zur Person
Tom Harper wurde am 7. Januar 1980 in London, England geboren. Er drehte zunächst eine Reihe von Kurzfilmen, darunter Cubs (2006), der für einen British Academy of Film and Television Arts Award nominiert war. Bekannt wurde er als Regisseur einer TV-Produktionen, darunter Misfits (2009) und Peaky Blinders (2013). Zuletzt drehte er das Musikdrama Wild Rose (2018) und das Heißluftballon-Abenteuer The Aeronauts (2019).



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Tom Harper [Interview]
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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