Sie möchten Giganten sein Sometimes a great Notion

„Sie möchten Giganten sein“ // Deutschland-Start: 1. Juni 1972 (Kino) // 14. November 2019 (DVD/Blu-ray)

Seit Generationen betreibt die Familie Stamper ein Holzfäller- und Holztransportgeschäft im Herzen der Wälder Oregons. Unter der Ägide des Familienpatriarchen Henry Stamper (Henry Fonda) arbeiten die Männer der Familie im Betrieb, unter ihnen seine Söhne Hank (Paul Newman) und Joe Ben (Richard Jaeckel). Da die Familie nach dem Motto „Niemals klein beigeben“ lebt, wundert es auch nicht, als die Stampers bei einem flächendeckenden Streik nicht mitmachen und sich damit gegen die Bevölkerung des Dorfes stellen. Alle Gespräche mit Gewerkschaftsfunktionären scheitern nicht zuletzt an der Sturheit Hanks und Henrys, die nicht gewillt sind, die Arbeit nur aus Solidarität heraus liegenzulassen. Mitten in diesen sich zuspitzenden Konflikt fällt die Ankunft Lelands (Michael Sarrazin), Hanks Halbbruder, der nach dem Suizid seiner Mutter den Kontakt zu Henry wiederaufnehmen möchte. Auch wenn dieser direkt in den Familienbetrieb eingespannt wird, so irritieren den jungen Mann mit der Zeit nicht nur die Sturheit der Männer der Familie, sondern vor allem der Status der Frauen, wie beispielsweise Hanks Ehefrau Viv (Lee Remick), die offensichtlich von der rauen Art ihres Ehemannes angewidert ist, aber diese stillschweigend erträgt.

„Niemals nachgeben“
Neben Einer flog übers Kuckucksnest gehört Sometimes a Great Notion zu den wohl bekanntesten Werken des US-Autors Ken Kesey. Die Geschichte um die sogenannten „gyppo logger“ Oregons, unabhängige Holzfäller, die meist für einen kleinen Betrieb arbeiten, der des Öfteren seit Generationen in der Hand einer Familie wie den Stampers liegt. Viele Hollywood-Regisseure, wie Budd Boetticher und Sam Peckinpah, sollten den Stoff verfilmen, doch letztlich war es Hauptdarsteller Paul Newman, der nach mehrere Verzögerungen im Drehplan und nach einer Verletzung im Regiestuhl Platz nahm.

In Newmans Film und damit auch im Skript John Gays lässt sich ein eher ambivalentes Verhältnis zu den Stampers beobachten, speziell aus heutiger Sicht. Vor allem dank der Einführung von Michael Sarrazins Charakter erhält man eine notwendige Außensicht auf diesen Clan, mit dessen Sturheit und Sinn für Arbeit man einerseits sympathisiert, dessen rigides Patriarchat einen aber auch immer wieder befremdet. Nicht zuletzt wegen seines Hintergrundes sowie seiner besonders prekären Beziehung zu dem von Henry Fonda gespielten Familienoberhaupt bekommt der Zuschauer eine Sichtweise auf diese Familie, innerhalb derer die Männer das Tischgespräch regieren während die Frauen beinahe passiv dabei sitzen. Lelands Nachfrage, warum Viv, hat sie doch immerhin das reichhaltige Frühstück der Männer vorbereitet, nichts zum Gespräch beiträgt, wird mit vielsagenden Blicken und einem sehr eloquenten Schweigen beantwortet.

Innerhalb dieses sehr maskulinen Milieus ist es kaum verwunderlich, dass eben jene Männlichkeit zelebriert und inszeniert wird. Selbst im Rahmen der Dorfgemeinschaft sind Prügeleien und Trinkgelage, Touch Football-Partien, die gerne auch mal in eben jene Keilereien ausarten, an der Tagesordnung bei Feierlichkeiten. Das Bild des Familienpatriarchen mit seiner rechten Hand komplett in Gips, das Ergebnis eines Arbeitsunfalls, deutet allerdings auch auf ein Ende dieser Zeit an, dieser Zeit, dieser Bilder und der Welt dieser Männer wie Henry und Hank. Das Familienmotto, jenes „Nicht nachgeben“, eingeritzt in ein kleines Holzstück, spiegelt jenen Trotz wider, sich gegen die Zeit zu stemmen, gegen jene Veränderung, die unaufhaltsam voranschreitet.

Die Sicht über das Land
Passend zu diesen Aspekten sieht Newmans Film die Arbeit dieser Männer in einem ambivalenten Verhältnis. In einer für den Schauspieler fast schon obligatorischen Szene schwingt sich dieser, natürlich samt Motorsäge, auf einen von Ästen befreiten Baum hinauf, nur um auf diesem wie ein König zu thronen. Der abgeholzte Wald um ihn herum wirkt wie eine Art groteskes Feld der Zerstörung und der Ausbeutung, ein Zeichen für die Arbeit dieser Männer wie Henry, den Wert ihrer Unabhängigkeit, aber zum Schluss auch ein etwas einsames Bild eines Mannes, dessen Grenzen letztlich im Rahmen dieses Waldes abgesteckt sind.



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Sie möchten Giganten sein
„Sie möchten Giganten sein“ ist ein Porträt einer Zeit und einer Familie einer vergangenen Zeit. Durch das konsequent zwiespältige Verhältnis zu seinen Figuren gelingen Paul Newman immer wieder sehr sensible Momente und tolle, packende Szenen. Auch wenn die Inszenierung von Männlichkeit bisweilen etwas die Geduld des Zuschauers fordert, ist dem Film viel Positives abzugewinnen.
7von 10

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