Seit den verheerenden Anschlägen am 11. September 2001 wurden weltweit die Sicherheitsbestimmungen an Flughäfen drastisch erhöht. Aber sind wir deshalb wirklich sicher? In 7500 (Kinostart: 26. Dezember 2019) kommt es trotzdem zum Ernstfall, als eine Gruppe von Terroristen ein Flugzeug stürmt und die Menschen an Bord als Geisel nimmt. Aber wie realistisch ist das? Und was bedeutet das für unsere Sicherheit? Diese und weitere Fragen haben wir Regisseur und Co-Autor Patrick Vollrath gestellt, der mit dem Thriller sein Spielfilmdebüt gibt.

Wie sind Sie auf die Idee für Ihren Film gekommen?
Es gab drei Faktoren, die zusammengespielt haben. Ich wollte einen Film drehen, der nur an einem einzigen Ort spielt. Für diese Idee wurde ich von mehreren anderen Filmen inspiriert. Da ich als Kind schon immer wahnsinnig fasziniert vom Fliegen war, lag es irgendwie nah, dass ich irgendwann auf die Idee kam, den Film nur im Cockpit spielen zu lassen. 2015 gab es in Österreich und Deutschland außerdem eine Welle von jungen Menschen aus eigentlich sicheren Verhältnissen, die nach Syrien gegangen sind. Das hat mich wahnsinnig interessiert und ich habe eine Menge zu dem Thema gelesen. Der dritte Faktor war, dass ich unbedingt einen Film über eine Gewaltspirale und wie man diese durchbrechen kann, machen wollte.

Diese Filme, die an einem Ort spielen und Sie inspiriert haben, welche waren das?
No Turning Back mit Tom Hardy war so ein Film, nach dem ich dachte, das wäre ein spannendes Konzept. Buried habe ich natürlich gesehen. Cocktail für eine Leiche von Alfred Hitchcock. Auch Captain Phillips spielt die letzten 50, 60 Minuten überwiegend nur noch auf einem kleinen Rettungsboot.

Die wenigsten Zuschauer werden schon einmal in einem Cockpit gewesen sein oder von den Abläufen beim Fliegen wirklich Ahnung haben und sich nach dem Anschauen von 7500 fragen: Wie realistisch ist das Ganze eigentlich?
Die technischen Abläufe und die Funksprüche basieren alle auf Recherche. Gerade die ersten zehn Minuten sind da sehr genau. Mir war dieser Hyperrealismus sehr wichtig. Wir hatten deshalb einen permanenten Berater am Set, mit dem wir alles gegengecheckt haben: das Drehbuch, die Flughöhen, die Funksprüche. Natürlich ist 7500 aber immer noch ein Film, weshalb es Stellen gab, an denen die Dramaturgie wichtiger war als absoluter Realismus. Aber ich würde schon sagen, dass wir uns bei ca. 90 Prozent einpegeln.

Und woher kam dieser Berater? Arbeitete der für eine Fluglinie?
Der Berater ist witzigerweise der zweite Pilot im Film, der Kapitän. Er ist nämlich tatsächlich 25 Jahre als Pilot geflogen. Ich habe mich vorher zur Recherche auch mit weiteren Piloten getroffen, aber Carlo (Kitzlinger) war letztendlich dann beim Dreh dabei, auch wenn er nicht selbst vor der Kamera stand und hat die technischen Aspekte überwacht. Wenn jemand dabei ist, der den Beruf nicht nur spielt, sondern ihn lebt, gibt das dem Film noch einmal eine ganz eigene Note.

Jetzt, da der Film abgedreht ist, wie fühlt es sich an, wieder in einem Flugzeug zu sitzen?
Im Vorfeld durften mein Kameramann und ich einmal bei einem Flug im Cockpit dabei sein. Ich hatte schon vorher keine Flugangst, jetzt bin ich noch sehr viel gelassener, weil ich gesehen habe, was da für Profis vorne im Cockpit sitzen und wie ruhig sie sind, selbst wenn es mal heftig wackelt. Wenn ich heute weniger fliege, dann aus Umweltschutzgründen, nicht weil ich jetzt Angst davor hätte.

Also auch nicht davor, dass irgendwelche Verrückten vorbeikommen könnten, um das Flugzeug zu kapern?
Dir kann überall etwas Schlimmes passieren, klar, jeder macht sich darüber mal Gedanken. Man darf aber nicht anfangen, sich permanent verrückt zu machen und zu fragen, was alles passieren könnte. Das ist die Welt, in der wir leben. Man wird nie komplett sicher sein.

Komplett sicher nicht. Aber es wurde schon stark in den letzten Jahren darüber diskutiert: Wie viel wollen wir von unserer Freiheit aufgeben, um möglichst sicher leben zu können?
Das ist eine wahnsinnig schwierige Frage. Unser Film fängt an mit Überwachungskameras. Man sieht ganz genau, was passiert. Und doch kommt es zu dem Vorfall im Flugzeug. Das ist schon ein Statement, dass uns die technischen Mittel eine Illusion von Sicherheit vermitteln. Wir wollen alle sicher leben. Wir wollen aber auch alle frei leben. Es wäre natürlich schön, wenn man beides vereinen könnte. Problematisch wird es aber, wenn das Gefühl von Freiheit benutzt wird, um gezielt die Freiheit anderer einzuschränken. Das ist ein wirklich heikles Thema, bei dem man ganz genau darüber sprechen muss, wo die Grenze anfängt. Aber es ist auch ein wahnsinnig wichtiges Thema.

7500

Joseph Gordon-Levitt spielt in „7500“ einen Co-Piloten, der plötzlich mit einer Ausnahmesituation zu kämpfen hat (© Universum Film)

7500 ist Ihr erster Spielfilm. Was waren dabei die Herausforderungen im Vergleich zu den Kurzfilmen vorher?
Die erste Herausforderung ist, die Leute von dieser Idee zu überzeugen. Das ging bei diesem Film relativ gut aufgrund der Oscar-Nominierung meines Kurzfilms Alles wird gut und der Klarheit der Idee zum Film. Man konnte bei 7500 leicht pitchen, worum es gehen soll. Natürlich geht es beim professionellen Film im Vergleich zum Studentenfilm um ganz andere Beträge. Es gelten auch ganz andere Regeln. Beim Studentenfilm sind es Freunde und Kollegen, die dir gratis helfen und die du mit gutem Willen und einer leckeren Pizza überzeugen kannst. Wenn alle bezahlt werden müssen, inklusive Überstunden, und du nicht einfach mal eine halbe Stunde länger machen kannst, sind das Faktoren, an die du dich als Neuling erst einmal anpassen musst. Du musst auch alles mehr abwägen. Außerdem drehst du sehr viel länger. Bei einem Studentenfilm ist das normalerweise nicht mehr als eine Woche. Dann plötzlich 20, 25 Drehtage am Stück zu haben, das war auf jeden Fall eine Umstellung.

Wie lange haben Sie denn insgesamt an dem Film gearbeitet, inklusive dieser 20, 25 Drehtage?
Die erste Idee hatte ich Ende 2014. Aufgeschrieben habe ich sie Anfang 2015. Das erste Gespräch mit den Produzenten war in Cannes im Mai 2015. Die erste Drehbuchfassung gab es im Sommer 2016. Gedreht haben wir vor ziemlich genau zwei Jahren, am 2. Dezember 2017 haben wir die letzte Klappe geschlagen. Danach haben wir noch sehr lange geschnitten, weil wir beim Dreh viel mit Improvisation gearbeitet haben. Dadurch haben sich im Schnitt wahnsinnig viele Möglichkeiten ergeben. Die Produzenten haben uns hier zum Glück auch die Zeit gegeben, um das Material in vollem Umfang zu sichten und alle Möglichkeiten auszuloten.

War das mit den Improvisationen von Anfang an so geplant oder hat sich das beim Dreh ergeben?
Das ist etwas, das ich auch schon bei einigen Kurzfilmen gemacht habe. Das war auch einer der Gründe, aus denen Joseph mitmachte, weil er das als Herausforderung spannend fand. Für mich ist es eine Möglichkeit, die Geschichte noch authentischer zu machen und Situationen zu entwickeln, auf die man beim Schreiben gar nicht kommen würde.

Wie sind Sie überhaupt an Joseph gekommen?
Selbst wenn nur ein Kurzfilm für einen Oscar nominiert wird, dann öffnet das wahnsinnig viele Türen. Alle sind plötzlich an dir interessiert und wollen wissen, was du als nächstes machst. Seitdem habe ich auch ein Management in den USA, die mich beraten und betreuen. Als ich ihnen mein Projekt vorgestellt und gesagt habe, dass ich auf der Suche nach einem ganz normalen Typen von nebenan bin, haben sie mit den großen Agenturen darüber gesprochen, wer zu dem Drehzeitraum zur Verfügung stünde. Als ich dann Joseph auf der Liste gesehen habe, war das ziemlich aufregend. Also haben wir erst Kontakt zu seiner Agentur aufgenommen, haben ihm meinen Kurzfilm und das Drehbuch geschickt. Anschließend bin ich nach Amerika geflogen und habe mich mit ihm getroffen, um ihm noch einmal meine Vision persönlich vorzustellen. Einen Tag später hat er dann zugesagt.

War es also geplant, einen bekannteren US-Schauspieler für diese Rolle zu nehmen?
Als ich 2014 angefangen habe, war mein Kurzfilm noch nicht einmal fertig. Damals war das noch unvorstellbar. Als der Kurzfilm fertig war und auch die Idee ausgereifter, kam parallel die Oscar-Nominierung. Dann kam schon die Frage auf, ob ich mir vorstellen könnte, den Film auf Englisch zu drehen. Da musste ich aber selbst erst einmal überlegen, ob es dem Film etwas bringt, ihn auf Englisch zu drehen. Letztendlich ist es ja tatsächlich so, dass die Pilotensprache Englisch ist. Außerdem kann man über Sprache einiges transportieren. Wenn der Entführer Schwierigkeiten hat, sich mit dem Piloten zu verständigen, dann erzählt das schon einiges über den Bildungsstand bzw. darüber, aus welchem Verhältnis er kommen könnte. Außerdem wollte ich ja etwas über den Mikrokosmos Terrorismus machen. Und da spielt Amerika eine wesentliche Rolle.

Welches Projekt steht als nächstes an? Ist da schon etwas spruchreif?
Senad Halilbasic, der schon bei 7500 mein Kreativpartner war, und ich schreiben gerade an unserem nächsten Drehbuch. Ein Drehbuchvertrag ist unterschrieben, die Sache ist also schon relativ konkret. Das wurde uns angeboten von Leuten, die 7500 schon gesehen haben. Es ist natürlich schön für uns, wenn die Leute an uns glauben. Worum es genau in dem Film geht, ist aber noch geheim.

Patrick Vollrath

Zur Person
Patrick Vollrath wurde 1985 in Eisdorf am Harz geboren. 2008 begann er ein Regie-Studium an der Filmakademie Wien in der Klasse von Michael Haneke. 2015 schloss er das Studium mit dem Kurzfilm Alles wird gut ab, der unter anderem in Cannes und beim Filmfestival Max Ophüls Preis ausgezeichnet wurde, einen Studenten-Oscar erhielt und auch für einen Oscar als bester Kurzfilm im Rennen war. Sein erster Langfilm 7500 über eine Flugzeugentführung feierte beim Locarno Filmfestival 2019 Weltpremiere.



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Patrick Vollrath [Interview]
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