Wer in einem größeren Haus wohnt mit vielen Stockwerken, der kennt das vermutlich: Man kann jahrelang Tür an Tür leben, ohne sich auch nur ein einziges Mal zu begegnen. In Einsam zweisam (Kinostart: 19. Dezember 2019) nimmt Regisseur und Drehbuchautor Cédric Klapisch eben diesen Szenario, um daraus eine moderne Liebesgeschichte zu machen, voller verpasster Chancen und enttäuschter Erwartungen. Wir haben mit dem französischen Filmemacher im Rahmen der Französischen Filmwoche Berlin gesprochen und zu seinen eigenen Erfahrungen in dem Bereich gefragt, aber auch wie sich das Kennenlernen im Umfeld des Internets verändert hat.

In Einsam zweisam erzählst du die Geschichte von zwei Nachbarn, die immer wieder aneinander vorbeilaufen, ohne es zu bemerken. Wie bist du auf die Idee für den Film gekommen?
Das ist schwer zu sagen, weil die erste Idee für den Film wirklich die letzte Szene war. Und es ist für das Publikum besser, nicht gleich das Ende zu verraten. Ich wollte mit dem Film eine Liebesgeschichte auf eine nicht-klassische Weise erzählen. Die Idee war, über eine junge Generation zu reden, die heute 30 Jahre alt ist, und über das Paris von heute. Das waren die beiden Grundelemente: Liebe und Paris der Gegenwart.

Die beiden Figuren begegnen sich nie, obwohl sie direkt nebeneinander wohnen. Ist das ein Phänomen von Paris bzw. Großstädten? Oder ist das ein generelles Problem der Menschen heute, dass sie nicht mehr aufeinander achten?
Ich denke, dass es vor allem Städte betrifft. Das hat es schon immer, auch früher schon. Das ist einfach die Folge, wenn so viele direkt nebeneinander wohnen, da wird es schwieriger, die einzelnen kennenzulernen. Wenn du in einem Gebäude mit sechs Stockwerken oder zehn Stockwerken wohnst, dann kennst du meistens die anderen überhaupt nicht. Vielleicht begegnest du ihnen mal im Treppenhaus. Aber du kennst sie nicht. So sind Städte einfach. Was jetzt noch hinzukommt, ist dass die Menschen auf soziale Medien und das Internet vertrauen, um sich kennenzulernen. Wir sind so sehr mit der virtuellen Realität beschäftigt, dass wir unsere Realität ein bisschen vergessen. Das wollte ich mit dem Film auch ausdrücken: Wir müssen wieder stärker unserer Realität vertrauen und einsehen, dass wir der Realität nicht entkommen können.

Bist du selbst ein Stadtmensch oder ziehst du das Land vor?
Ich bin aus ganzem Herzen Pariser. Ich habe es immer geliebt, dort zu leben. Je älter du wirst, umso schwieriger wird es natürlich, in einer Stadt zu leben. Vielleicht wäre es netter, irgendwo in der Natur zu leben. Aber ich bin einfach ein Stadtmensch.

Du hast gesagt, dass die Menschen sich zu sehr auf das Internet verlassen. Andererseits erlaubt das Internet aber auch, Leute kennenzulernen, denen du sonst nie begegnen würdest. Betrachtest du das Internet als etwas Positives oder Negatives?
Ich würde sagen, dass es etwas Positives ist. Wie ich vor Kurzem zu einem Freund gesagt habe: Ich mag Wein, mag aber keinen Alkoholismus. Für mich kommt es einfach auf die richtige Menge an. Wenn du eine Sucht entwickelst, dann wird es zu einem Problem. Aber wenn du weißt, wie man es benutzt, dann ist das Internet großartig.

Es gibt ja auch diese Diskussionen, dass die Menschen nicht wirklich mit dem Internet umgehen können, weil es noch zu neu ist und wir das alle erst noch lernen müssen. Wie wird sich deiner Meinung nach der Umgang mit dem Internet weiterentwickeln?
Das wissen wir schlicht noch nicht. Das ist auch das Erschreckende an der Entwicklung, wenn du Kinder hast. Ich selbst habe drei Kinder. Wenn du siehst, wie junge Kinder schon iPads haben oder Videospiele, dann musst du ihnen als Eltern eine zeitliche Begrenzung geben. Du musst als Eltern entscheiden, wie lange die Kinder vor dem Bildschirm sitzen dürfen. Und wir müssen lernen, wie wir gegen das Suchtverhalten angehen und wie wir der Versuchung widerstehen können. Es ist einfach zu reizvoll für Kinder, aber auch für uns, weil das Internet ein so großartiges Werkzeug ist, dass wir zwölf Stunden am Tag damit verbringen können. Das Internet ist einfach, es kann Spaß machen, kann interessant sein, so sehr, dass du dich darin verlierst.

Wie hat das Internet dein eigenes Leben verändert, sei es positiv oder negativ?
Für mich war es sehr positiv. Ich habe Leute über das Internet kennengelernt, ich benutze Instagram sehr viel. Facebook auch, das aber zunehmend weniger. Mein iPhone benutze ich oft. Ich bin viel unterwegs, und wenn ich die Stadt nicht kenne, kann ich mich auf diese Weise zurechtfinden. Es ist unglaublich, diese Möglichkeit zu haben. Ich bin da schon ein Geek und liebe das alles. In Einsam zweisam will ich deshalb auch gar nicht das Internet als solches verteufeln. Ich will nur zeigen, wann es zu einer Gefahr werden kann. Wenn du dich von deiner Freundin oder deinem Freund getrennt hast, aber noch per Facebook oder so verbunden bist, dann kann dich das verrückt machen. Die Eifersucht wird hier einfach noch sehr viel stärker, weil du immer noch Zugang hast zu dem intimen Leben derjenigen, mit denen du vorher zusammengewohnt hast. Das kann eine richtige Hölle sein.

Einsam zweisam Deux moi

In „Einsam zweisam“ laufen sich Mélanie und Rémy ständig über den Weg, ohne es zu merken – ein typisches Großstadtsyndrom.

In deinem Film spielst du viel mit der Erwartung des Publikums, wenn Rémy und Mélanie immer kurz davor sind sich zu begegnen und man das Gefühl hat, dass die beiden füreinander bestimmt sind. Denkst du, dass Leute überhaupt füreinander bestimmt sein können? Dass es etwas wie Seelenverwandte gibt?
Nein, aber als Zuschauer mögen wir es, dieses Spiel zu spielen. Als die Leute mich fragten, worum es in meinem neuen Film geht, antworte ich: zwei Singles in Paris. Die erste Frage, die dann immer gestellt wird: Treffen sich die beiden? Die Leute wollen, dass die Geschichte so abläuft, dass das schöne Mädchen und der schöne Junge zusammenkommen. Keine Ahnung, ob das jetzt biologisch bestimmt ist, aber wir haben dieses Bedürfnis nach Liebe.

Beeinflusst diese Erwartung von uns, die wir an Filme haben, auch unser eigenes Leben?
Auf jeden Fall. Es gibt da eine Verbindung von dem, was du in Filmen lernst, und dem, was du im wahren Leben erfährst. Filme sind eine gute Möglichkeit, um das Leben zu hinterfragen. Das kann aber auch bedeuten, dass du lernst, etwas nicht so zu tun wie in Filmen. Wenn ich beispielsweise einen Film von Woody Allen anschaue, dann weiß ich: So werde ich das bei meiner Frau nicht machen!

Nehmen wir mal an, du hättest keine Frau und wärst auf der Suche oder du müsstest jemand anderem einen Tipp geben, wie man jemanden kennenlernt, was würdest du tun?
Wahrscheinlich würde ich Tinder und solche Apps ausprobieren. Aber ich bin ganz froh, nicht in der Position zu sein, weil mich das wahrscheinlich wahnsinnig machen würde. Meine Situation ist aber ohnehin etwas anders, da ich in einem Beruf tätig bin, wo es nicht schwierig ist, neue Leute kennenzulernen. Das ist nicht mit den beiden Figuren im Film zu vergleichen, die einsam sind und ihre Einsamkeit bekämpfen.

Die beiden Figuren haben auch mit schlechten Erfahrungen zu kämpfen und traurigen Erlebnissen, über die sie nicht wirklich sprechen können. Ist es heute einfacher, über Themen wie Depression zu sprechen, oder ist es nach wie vor ein Tabu?
Es ist immer noch ein Tabu, zumindest in Frankreich. Wenn du sagst, dass dein Film von zwei depressiven Menschen handelt, dann will das niemand sehen. Dabei konnten sich viele Zuschauer des Films damit identifizieren. Selbst wenn du nicht an einer Depression leidest, jeder kennt das Gefühl, traurig zu sein. Wir alle haben diese Erfahrung gemacht. Wenn ich mit Zuschauern über den Film gesprochen habe, dann hat sie das berührt, weil es über etwas spricht, über das es uns schwer fällt zu reden. Wir leben in einer Welt, in der alle auf Facebook glücklich sein müssen und ein Lächeln aufsetzen. Du zeigst dich vor schönen Swimming Pools. Du zeigst dich aber nicht, während du weinst oder niedergeschlagen bist. Meine Aufgabe als Filmemacher sehen ich dann auch darin, das zu zeigen, was soziale Medien nicht zeigen.

Und was wirst du uns als nächstes zeigen? Was sind deine kommenden Projekte?
Ich schreibe gerade sowohl an einer Serie wie auch an einem Spielfilm. Das ist nicht ganz einfach, weil ich dafür eigentlich zwei Gehirne bräuchte. Beide Projekte sind aber noch so früh, dass ich nicht viel darüber verraten kann.

Cédric Klapisch

Zur Person
Cédric Klapisch wurde am 4. September 1961 in Neuilly-sur-Seine, Frankreich geboren. Er studierte Film in Paris, später auch in New York City, und begann in den 1980ern, eigene Filme zu drehen. Nach einigen Dokumentationen fürs Fernsehen und Kurzfilmen wie dem für einen César nominierten Ce qui me meut (1989) erschien 1992 sein erster Spielfilm Kleine Fische, große Fische. Seine größte Bekanntheit erlangte er bei uns durch seine internationale WG-Komödie L’auberge espagnole – Barcelona für ein Jahr (2002) und die beiden Fortsetzungen.



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Cédric Klapisch [Interview]
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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