Heimsuchung

„Heimsuchung“ // Deutschland-Start: 24. Oktober 2019 (Kino)

Die Lager sind voll, jetzt müssen die Bürger und Bürgerinnen dran: Um die vielen Flüchtlinge unterzubringen, werden die Deutschen gesetzlich gezwungen, jeweils einen bei sich aufzunehmen. Auch Herr Richter (Markus Fennert) und seine Nachbarinnen Betti (Elisabeth Heckel) und Frau Rau (Ulrike Schuster) gehören zu den Auserwählten, die etwas unvorbereitet Zuwachs in ihren vier Wänden erhalten. Eigentlich erfolgt die Zuteilung, wer wen bekommt, streng nach Methode und Algorithmus. Doch die drei verständigen sich drauf, untereinander auszumachen, wer Djadi Jarrah (Walid Al-Atiyat), Abbas Kahlawi (Husam Chadat) und Samira Alsahamien (Amina Merai) bekommt. Das klang gut, stellt sich aber schnell als sehr schwierig heraus, wenn sich niemand einig wird – oder zu einig …

Beim Titel Heimsuchung kommen einem ganz unweigerlich eher finstere Bilder in den Sinn, von irgendwelchen dämonischen Kräften, vielleicht auch Insektenplagen, die das eigene Zuhause zur Hölle machen. Nicht ohne Grund trug Conjuring seinerzeit hierzulande dieses Wort als deutschen Untertitel. Damit nun eine Geschichte zu betiteln, bei denen es um Flüchtlinge geht, das ist natürlich gemein. Wer lässt sich schon gern auf eine Stufe mit dem Teufel oder Kakerlaken stellen? Es ist aber auch irgendwie clever, wenn es in dem Fall tatsächlich darum geht, ein Heim zu suchen. Eine menschliche Sehnsucht, verknüpft mit einer Herabwürdigung, das muss man erst einmal schaffen.

Drei Stereotype, viel Ärger
Als „Heimsuchung“ wird dieses Gesetz dann auch zumindest von zwei der drei Hauptfiguren empfunden. Während Betti die optimistische Weltverbesserin gibt, fühlt sich Frau Rau nicht genötigt, mit ihrer Meinung hinter dem Berg zu halten oder in irgendeiner Form diplomatisch zu sein. Die Ausländer sind wahlweise faule Schmarotzer oder verkleidete Terroristen, vielleicht auch beides auf einmal. Herr Richter pflegt ebenfalls das eine oder andere Vorurteil, versteckt das aber hinter seinem Pflichtbewusstsein und der Regeltreue. Er ist die Art Mensch, die einen Kleinkrieg im Schrebergarten anfängt, weil ein Grashalm fünf Millimeter zu lang ist – was er zuvor natürlich nachgemessen und mit seinem schlauen Buch verglichen hat.

Das ist alles sehr überspitzt und schematisch, Regisseur und Drehbuchautor Wolfgang Andrä hat gar nicht vor, tiefgründige und vielfältige Charaktere zu erschaffen – weder beim deutschen noch beim ausländischen Trio. Vielmehr ist Heimsuchung ein Anlass, um Stereotype aufeinander zu hetzen und zu schauen, was dabei am Ende rauskommt. Teilweise ist das Ergebnis erwartet, wenn Vorurteile zelebriert werden. Manches kommt aber auch überraschend, vor allem ab dem Zeitpunkt, an dem wir ein bisschen mehr über die drei Flüchtlinge erfahren. Anstatt sie zu reinen Gutmenschen zu machen, um so eine Lanze für alle Ausländer zu brechen, sind die genauso verkorkst und voreingenommen. Sie sind also nicht besser als die drei, die sie beurteilen sollen. Sie sind aber auch nicht schlechter. Sie sind einfach nur Menschen.

Am Ende sind sie alle doof
Das ist mal eine etwas andere Herangehensweise an das Thema. Wo Kollegen wie Willkommen bei den Hartmanns oder Zoros Solo die Auseinandersetzung dazu nutzen, um am Ende aus allen bessere Menschen zu machen und das Publikum in einen Wohlfühlabend zu verabschieden, da fühlt man sich hier im Anschluss nicht besser oder schlauer. Die einzige Erkenntnis ist, dass sich irgendwo dann doch jeder selbst der nächste ist, andere Menschen gerne mal nur als Objekte wahrgenommen werden. Das regt natürlich auch zum Nachdenken an, über die Situation wie auch sich selbst. Die Zuschauer und Zuschauerinnen sollen durchaus miteinbezogen werden. Aber die Schlüsse, die man daraus zieht, sind nicht unbedingt die schönsten.

Allein deshalb schon ist Heimsuchung nicht unbedingt etwas für die großen Massen, die Indie-Produktion mutet einem schon ein bisschen was zu. Dazu gehört auch das klaustrophobische Setting des Flüchtlingsheims, eine Mischung aus Abstellkammer und Atombunker. Unterhaltsam ist der Film aber durchaus, sowohl für die satirischen wie auch absurden Momente. Vor allem die Szenen, wenn der Film auch „Deutschland sucht den Superflüchtling“ lauten könnte, sind amüsant. Zudem gibt es jede Menge Reibung innerhalb der Sechsertruppe, in der von einem Augenblick zum nächsten Zugehörigen gewechselt, neue Allianzen geschmiedet werden. Etwas irritierend sind die Perspektivenwechsel, wenn wir plötzlich nicht mehr so nah an den Figuren sind, sondern diese durch eine Überwachungskamera beobachten. Das sorgt zwar für Abwechslung, reißt aber mehr raus, als dass es etwas bringen würde. Andererseits passt es aber auch zu einem Film, der immer wieder irritiert und bei dem man nicht weiß, ob man sich lachen oder fürchten soll.



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Heimsuchung
Drei deutsche Nachbarn werden gesetzlich dazu verpflichtet, je einen Flüchtling bei sich aufzunehmen, und haben sich bald in den Haaren bei der Verteilung: „Heimsuchung“ geht das Thema auf eine ganz eigene Weise an, kombiniert satirische und absurde Elemente. Das ist immer etwas überzeichnet und irgendwie sehr ernüchternd, für eine größere Masse ist diese Komödie sicher nichts.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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