Kritik

Les Miserables 2017

„Les Misérables“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Es ist der erste Tag im Dienst von Laurent (Damien Bonnard). Als wäre die Arbeit in dem sozialen Brennpunkt nicht auch so schon schwer genug, kommandieren seine beiden erfahrenen Kollegen Gwada (Djibril Zonga) und Chris (Alexis Manenti) den Polizisten auch noch unentwegt umher, halten sich selbst an keine Regeln. Das Gesetz, das sind sie. Doch dann kommt es zu einem Zwischenfall, bei dem Laurent endgültig seine Grenzen erkennt …

Letztes Jahr brannte sich Ladj Lys Spielfilmdebüt Die Wütenden – Les Misérables tief in das Gedächtnis all derjenigen ein, die dieses auf einem der zahlreichen Filmfestivals gesehen haben, wo das Sozial-Thrillerdrama lief. Dabei hatte der französische Filmemacher schon einige Jahre zuvor etwas zu dem Thema gemacht, in dem gleichnamigen Kurzfilm. Der Titel Les Misérables erinnert natürlich an den großen Romanklassiker von Victor Hugo – auf Deutsch Die Elenden – bzw. dessen Musical-Adaption. Einen direkten Bezug nimmt der Kurzfilm jedoch nicht. Stattdessen erleben wir darin einen Ausflug, 200 Jahre nach dem Roman, an ein Problemviertel.

Ein Tag voller Probleme
Wie der darauf basierende Spielfilm erzählt Ly nur bedingt eine Geschichte. Vielmehr zeigt er anhand mehrerer Episoden, was es heißt in einem Viertel zu leben, in dem Willkür und Gewalt sich die Hand geben, Perspektiven rar gesät sind. Stärker noch als 2019 geraten hier die Polizisten in Kritik, welche eigentlich für Recht und Ordnung sorgen sollten, damit jedoch überfordert sind und sich zu Unterdrückern anderer aufschwingen. Der Kurzfilm ist in der Hinsicht leider deutlich schwächer. Wo es dem Regisseur und Drehbuchautor in der Langfassung gelang, die ganze Ambivalenz aufzuzeigen, die allseits angespannte Situation, da verkommen die Gesetzeshüter hier mehr oder weniger zu Schlägertypen, die völlig grundlos zu Gewalt greifen.

Aber auch sonst kann es der Kurzfilm nicht mit dem sehr guten Die Wütenden aufnehmen. Während Letzterer sehr viel Spannung erzeugt, weil man eben nicht weiß, was als nächstes geschieht, da gewinnen die Szenen hier kaum Dringlichkeit – was natürlich maßgeblich mit der kurzen Laufzeit von 17 Minuten zusammenhängt, die zudem eine Charakterisierung der Figuren verhindert. Als Vorgeschmack funktioniert Les Misérables natürlich schon, die dokumentarische Anmutung ist hier bereits gelungen. So oder so darf man neugierig sein, was der Nachwuchsfilmemacher nach dem harten Einstieg als nächstes machen wird.

Credits

OT: „Les Misérables“
Land: Frankreich
Jahr: 2017
Regie: Ladj Ly
Drehbuch: Ladj Ly
Kamera: Julien Verron
Besetzung: Damien Bonnard, Djibril Zonga, Alexis Manenti

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
César 2018 Bester Kurzfilm Nominierung



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Les Misérables (2017)
„Les Misérables“ erzählt wie der darauf aufbauende Spielfilm von einem Problemviertel und drei Polizisten, die dort ihrer Arbeit nachgehen. Der Kurzfilm kann es dabei nicht mit der Langfassung aufnehmen, da hier die Spannung geringer ist und die Ambivalenz fehlt. Sehenswert ist der Mini aber schon.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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