No Mercy

„No Mercy“ // Deutschland-Start: 16. August 2019 (DVD/Blu-ray)

Seit dem Tod ihrer Eltern kümmert sich Inae (Si-young Lee) um ihre jüngere Schwester Eunhye (Se-wan Park). Nach einer Gefängnisstrafe versucht Inae wieder in ihr altes Leben zurückzufinden, wieder ein normales Leben für sich und ihre Schwester aufzubauen und einen geregelte Arbeit als Bodyguard zu finden. Als Eunhye einem grausamen Menschenhändler (Hyung-chul Lee) in die Hände fällt, versucht Inae zunächst die Polizei über deren Verschwinden zu informieren, ohne dass sich diese dafür interessiert. So beschließt Inae auf eigene Faust nach ihrer Schwester zu suchen und hat es bald nicht mehr nur mit Entführern zu tun, sondern mit einem viel mächtigeren Widersacher.

Wie ein Vorschlaghammer
Mit No Mercy legt Regisseur und Drehbuchautor Kyeong-taek Lim seinen ersten Langfilm vor, der sich sogleich an vielen Vorbildern aus dem Actiongenre orientiert, von Pierre Morels 96 Hours bis hin zu heimischen Produktionen wie Jeong-beom Lees The Man from Nowhere. Einen besonderen Eindruck dürfte in seinem Film neben vielen anderen Aspekten vor allem seine Hauptdarstellerin Si-young Lee machen, die auf eine Karriere als Amateurboxerin zurückblicken kann. Im Halbfliegengewicht wurde sie 2013 sogar Amateur-Meisterin.

Natürlich greift Lim in der Anlage seines Films auf die beträchtlichen Talente seiner Hauptdarstellerin zurück. Gerade in den zahlreichen Kampfszenen beweist Lee als Inae, dass sie mindestens genauso gnadenlos austeilen kann wie ihre männlichen Widersacher. Die Inszenierung dieser Kämpfe ist weniger von schnellen Schnitten, als vielmehr von einer durchdachten, effektiven Choreografie definiert, die gerade auf engem Raum ihre volle Wirkung entfaltet. Ganz besonders ein Kampf im Inneren eines Autos sei hier genannt, bei dem der Zuschauer beinahe jeden Hieb und Schlag fühlen kann.

Darüber hinaus wird bei diesen Szenen , wie auch vielen weiteren, der Beitrag der Kamera Jung-bae Lee deutlich. Der Blick auf Inae ist eben immer einer, der ihre Emotionalität und ihre Kampfbereitschaft betont, wohingegen ihre Widersacher durch ihre Weiblichkeit auf Verletzbarkeit schließen, was sie direkt in die Falle, oder eben in ihre Fäuste, laufen lässt. Anhand ihres roten Kleides, ihrer Uniform, wenn man so will, zeigt sich eben jenes verräterische Moment, denn die steht nicht nur für ihre Liebe zu ihrer Schwester, sondern auch für ihre feuerrote Wut, die auf ihre Gegner in Form von Tritten und Schlägen einprasselt.

Die Fassade des Normalen
Augenscheinlich wirkt Inaes Verlangen nach Normalität wie jenes Klischee des Helden, der nur ein geregeltes Leben haben möchte. Als Zuschauer wartet man förmlich auf den Moment, wenn ein kurzer Blick, eine falsche Tat dieses wacklige Alltagskonstrukt ins Wanken bringt. Auch Lees Charakter bildet hier keine Ausnahme, was gerade die ersten 15 Minuten des Films bisweilen etwas zäh und beliebig wirken lässt.

Jedoch verfolgt die Regie mit dieser Idee ein ganz anderes Ziel. Vergleichbar mit Werken wie Hong-jin Nas The Chaser oder Jee-woon Kims phänomenalem I Saw the Devil ist dieses Normale mehr als nur eine trügerische Fassade, sondern eine Maske, hinter der sich grausame Abgründe verbergen, die einen Menschen verschlucken können. Gerade die Spirale der Gewalt, in der sich Eunhye befindet, ist besonders verstörend, zeigt sie doch jenen schmalen Grat des Normalen hin zur verbrecherischen Unterwelt. Und diese hat bekanntlich ihre Fühler ausgestreckt bis in die Führungsetagen der Gesellschaft.

No Mercy
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No Mercy
"No Mercy" ist ein spannender, brutaler, toll choreografierter Rachethriller, der vor allem durch seine Hauptdarstellerin punkten kann. Zwar mag das Rad hier nicht neu erfunden werden, aber Unterhaltung für jeden Fan des Actiongenres ist garantiert, wenn Inae einmal austeilt.
7von 10

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