Das zweite Leben des Monsieur Alain

„Das zweite Leben des Monsieur Alain“ // Deutschland-Start: 22. August 2019 (Kino)

Im Leben von Alain (Fabrice Luchini) gibt es nur eins: die Arbeit. Darunter hatte alles andere immer zu leiden, seine Familie, seine Freunde. Und nun auch die Gesundheit. Nachdem der Geschäftsmann zuvor schon einige Schwächeanfälle hatte, die er jedes Mal ignorierte, erleidet er dieses Mal einen Schlaganfall. Während sein Körper vergleichsweise glimpflich davonkommt, wird seine Sprachfähigkeit sehr in Mitleidenschaft gezogen. Und auch das Gedächtnis spielt auf einmal nicht mehr wirklich mit. Die Logopädin Jeanne (Leïla Bekhti) steht ihm anschließend zwar hilfreich zur Seite und hilft ihm, zurück ins Leben zu finden. Aber wie soll er in dem Zustand noch arbeiten können?

Grimmige alte Männer, die alle anschnauzen und partout keine Nähe von anderen wollen, die gibt es im wahren Leben sicher eine Menge. Es gibt sie vor allem aber im Kino, wo wir sie – so verlangt es die Tradition – erst hassen und anschließend lieben lernen. Schließlich werden sie dort im Laufe von anderthalb bis zwei Stunden eine Wandlung durchmachen, durch die sie ihr gutes Herz wiederentdecken. Charles Dickens hat es seinerzeit in Die Weihnachtsgeschichte vorgemacht, viele andere sind im gefolgt. Natürlich braucht es für diesen Sinneswandel immer einen Katalysator. Das sind meistens jüngere Menschen, manchmal auch ein Schicksalsschlag, je nachdem, was in der Situation so gebraucht wird.

Warum lacht ihr alle?
Bei Das zweite Leben des Monsieur Alain ist es beides. Das hört sich ein bisschen nach Drehbuch-Fabrik an, hat aber einen wahren Kern. Vorlage des Films ist ein Buch des früheren Managers Christian Streiff, der darin seinen Schlaganfall verarbeitete. Regisseur und Co-Autor Hervé Mimran pickte sich aus den schwierigen Umstellungen vor allem den Aspekt der Sprachstörung heraus. Das ist durchaus verständlich. Die Vorstellung, dass wir uns nicht mehr mit unserem Umfeld austauschen können, weil wir unsere Wörter nicht erreichen, die ist schon erschreckend. Zudem passt es wunderbar zu einem Mann, der ohnehin seine Defizite im Bereich der Kommunikation hatte, es nie geschafft hat, sich über das Berufliche hinaus mit anderen zu verständigen.

Dieser sehr tragische Teil in Alains Leben läuft eine ganze Weile jedoch etwas unbeachtet nebenher. Stattdessen konzentriert sich Das zweite Leben des Monsieur Alain auf die komischen Folgen der Erkrankung: Die erste Reaktion des Umfeldes ist es, noch im Krankenhaus den bettlägerigen auszulachen, als der nur noch Kauderwelsch von sich gibt. Und auch wenn sich das später teilweise bessern wird, seine Tochter Julia (Rebecca Marder) beispielsweise immer mehr versteht, was er so von sich gibt, die humoristische Note bleibt. Alain benutzt Wörter falsch, verwechselt welche miteinander, tauscht manchmal Buchstaben aus oder gibt irgendwelche Fantasie-Konstrukte zum Besten, die sich in seinem Kopf richtig und normal anhören.

Ein kommunikativer Graben
Eine der besten Szenen im Film ist, wenn diese Diskrepanz verdeutlicht wird, wir mal das hören, was Alain zu sagen glaubt, nur um dann die Perspektive zu wechseln – und uns völlig zu verlieren. Eindruck hinterlassen aber auch die Momente, wenn er sich in der Stadt verläuft, nicht einmal mehr die Gegend um sein Zuhause wiedererkennt. Hätte sich Mimran stärker auf diese Aspekte konzentriert, Das zweite Leben des Monsieur Alain hätte ein wertvoller Beitrag zum Thema Krankheit und dem Umgang damit sein können. Ein Pendant zu den Dramen Lieber Leben und Still Alice, nur eben auf den Schlaganfall bezogen.

Irgendwie wollte er sich dann aber wohl doch nicht so ganz daran trauen und setzt sehr viel stärker auf den Wohlfühlfaktor. Das ist im Grunde schon nachvollziehbar, bringt am Ende mehr Leute in den Kinos. In Frankreich waren es dann auch tatsächlich knapp 700.000 Menschen, die Alain bei seinem Weg zum Glück Gesellschaft leisteten. Allerdings tut Das zweite Leben des Monsieur Alain zu wenig, um das auch wirklich verdient zu haben. Die Annäherung hat es ebenso eilig wie die Konflikte, zum Ende gibt es wieder kräftig Zuckerguss. Aber auch die Nebenfiguren bekommen nicht die Zeit, die sie verdient hätten: Das familiäre Schicksal von Jeanne wird als reiner Plotpoint missbraucht. Das bietet dann zwar schon was fürs Herz, so wie der Film insgesamt die Zuschauer und Zuschauerinnen rühren möchte. Nur hat das Ganze in etwa den inhaltlichen Wert von Fast Food: Da wäre mehr drin gewesen.

Das zweite Leben des Monsieur Alain
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Das zweite Leben des Monsieur Alain
Inspiriert von einer wahren Geschichte erzählt „Das zweite Leben des Monsieur Alain“, wie ein Workaholic nach einem Schlaganfall wieder sprechen lernen und alles Bisherige überdenken muss. Das geht mit einigen eindrucksvollen Szenen einher, konzentriert sich zum Ende hin aber zu sehr auf den Wohlfühlfaktor, ohne diesen entsprechend vorbereitet zu haben.
5von 10

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