And the winner is … Bei Filmfesten gehört es zur festen Tradition, dass auch ein paar Preise verliehen werden, ausgewählt von einem Fachpublikum. Aber wie genau läuft sowas eigentlich ab? Und wie kommt man dazu, Teil einer solchen Jury zu werden? Diese und weitere Fragen haben wir Anne Haug gestellt. Die ist normalerweise selbst als Schauspielerin bekannt (siehe Kasten), durfte dieses Jahr aber auch beim achtung berlin Festival darüber entscheiden, welche Kurzfilme bzw. mittellange die besten sind. Eine Aufgabe, die doch einige Tücken mit sich bringt, wie sie uns im Interview verraten hat.

Das achtung berlin Festival ist nun vorbei. Wie war das für dich, das erste Mal in der Jury zu sitzen?
Die Arbeit war tatsächlich nicht ganz ohne. Was ganz viel damit zu tun hat, dass wir für die mittellangen Filme und die Kurzfilmreihe zuständig waren. Das bedeutete, dass man sich pro Block drei bis fünf Mal komplett neu einlassen musste. Aber es war eine tolle Erfahrung und hat mir große Freude bereitet!

Wie bist du eigentlich zu der Jury gekommen?
Ich denke mal, dass die Jury auf mich gekommen ist, weil ich eine sehr große Verbindung zu diesem Festival habe, auch schon seit mehreren Jahren, weil diverse meiner Filme dort liefen. Ich gehe da auch immer hin und gehe sehr gerne hin und finde, dass es ein sehr besonderes Festival ist.

Was zeichnet für dich einen guten Kurzfilm aus?
Das ist tatsächlich eine der Aufgaben einer Jury, sich darüber erst einmal klar zu werden: Was ist das, der beste Kurzfilm? Ich glaube, es ist am Ende kein wirklicher Unterschied zum Langfilm. Mit meinen Jury-Kollegen Julius Feldmeier und Sarah Blaßkiewitz bin ich zum Punkt gekommen, dass es ein auf allen Ebenen überzeugender Film sein muss. Also ein formal toller Film, aber auch ein toll geschriebener Film sowie ein toll gespielter Film.

Aber kann man das so einfach miteinander vergleichen? Es gibt ja gerade im Bereich Kurzfilm eine enorme Bandbreite, von den kleinen Spielfilmen, die du angesprochen hast, bis zu sehr experimentellen Sachen, die ganz anders funktionieren.
Das ist tatsächlich schwierig, gerade auch weil wir die Kurzfilme in Blöcken sehen. Denn jeder Kurzfilm wird in deiner Wahrnehmung von dem beeinflusst, den du vorher gesehen hast. Vielleicht ist ein Film gar nicht so experimentell, wirkt aber experimentell, weil er mit  konventionelleren Filmen in einem Block läuft. Sich immer wieder neu einzulassen, ist eine Herausforderung. Die große und schwierige Aufgabe ist dabei, einen Film über seinen persönlichen Geschmack hinaus zu bewerten. Das ist eine spannende Erfahrung, weil einem bewusst wird, wie sehr man von sich ausgeht beim Anschauen eines Films. Wie viel auch damit zusammenhängt, ob man mit einem Thema etwas anfangen kann. Wie schnell man sich verschließt, weil man denkt: Das geht mich nichts an. Das trotzdem anzuschauen und bewerten zu müssen, finde ich toll, weil es meinen Blick erweitert.

Wie schafft man es denn, seinen eigenen Geschmack bei der Beurteilung hintenanzustellen?
Ich habe ersucht, sehr offen zu schauen. Wenn ich nicht in einer Jury sitze, gebe ich schneller auf und mache schneller zu. Wenn du deine Jury-Arbeit jedoch ernstnimmst, geht das nicht. Hier kann ich nicht einfach das Kino verlassen, sondern musst weiterschauen. Diese Aufgabe ermöglicht einem daher neue Seherfahrungen. Hinzu kommt, dass wir im Anschluss ja auch immer darüber gesprochen haben. Wir haben uns alle Notizen beim Schauen gemacht und nach jedem Block diskutiert, um eine erste Bilanz zu ziehen. Diese Art des unmittelbaren Miteinandersprechens ist toll und hilft, deinen persönlichen Geschmack zu erweitern, weil du neue Perspektiven gewinnst.

Habt ihr die Filme alle zusammen im Kino angeschaut?
Wir hatten vom Festival einen Plan bekommen, wo wann was läuft. Vor dem Festival haben wir uns zusammengesetzt und geschaut, dass wir möglichst viele dieser Blöcke auch zu dritt schauen können. Wir hätten auch die Möglichkeit gehabt, die Filme als Stream zu bekommen. Das konnten wir jedoch zum Glück vermeiden, weil es doch auch einen Unterschied macht, sich einen Film mit einem Publikum anzusehen. Es gab außerdem mittags ein Essen, wo die ganzen Jurys zusammenkamen. Das war auch sehr interessant, weil man sich dabei austauschen konnte, wie es den anderen gerade so geht. Abends sind wir dann so von 18 bis 23.30 Uhr im Kino.

Habt ihr jeden Tag über die Filme diskutiert oder kam das erst zum Schluss?
Das mussten wir jeden Tag machen, weil es ansonsten einfach zu viel geworden wäre. Wir hatten 30 Filme zu beurteilen, da mussten wir uns zwischendurch treffen. Für die letzten beiden Tage haben wir uns sehr viel Zeit eingeräumt, weil wir große Angst hatten, uns nicht entscheiden zu können und einig zu werden.

Wie fühlt sich das an, wenn man selbst vom Fach ist, die Filme anderer zu beurteilen? Macht es das einfacher? Ist es ein Nachteil?
Prinzipiell können alle Menschen irgendwo Filme beurteilen. Es gibt auch bei achtung berlin Jurys, bei denen die Mitglieder nicht vom Fach sind. Wir können die einzelnen Komponenten wie Drehbuch oder Kamera aber vielleicht noch besser erkennen, da wir wissen, wie Filme entstehen. Für uns ist es aber auch spannend zu merken, wie sehr die einzelnen Bestandteile zusammenhängen und dass es doch am Ende ein Gesamtkunstwerk ist.

Wie sah das bei den Gewinnern aus? Was zeichnete diese Filme in deinen Augen aus?
Wir haben Filme ausgezeichnet, die sich nicht erklären mussten, Filme die Fragen stellen und auch formal tolle Filme sind. Der Gewinner des mittellangen Wettbewerbs, Der Proband von Hannes Schilling ist ein tolles Beispiel dafür. Der Film startet aus einer privaten Perspektive und wird dann in seinen dreißig Minuten zu einem hochaktuellen Film über institutionelle Ungerechtigkeit. Die beiden Protagonist*innen spielen so präzise, dass es einem fast wehtut, die Kameraarbeit fängt das wunderbar ein. Der Film hatte für uns alles.

Jetzt, wo das Festival rum ist, was steht bei dir als nächstes an? Wo und wann darf man dich sehen?
Ich werde im Rahmen des Theatertreffens und der Konferenz Burning Issues in Berlin einen Ausschnitt aus meiner Theaterserie Projekt Schooriil zeigen, die ich gemeinsam mit Melanie Schmidli im Duo schreibe und spiele. Die Serie läuft seit 2013 erfolgreich in den Sophiensaelen in Berlin setzt sich mit Selbstmarketing, dem weiblichen Rollenspektrum und den Strukturen der Film- und Theaterlandschaft auseinander. Gerade schreiben wir auch unsere ersten Drehbücher für eine satirische TV-Serie. Im Sommer drehe ich für einen Film unter der Regie von Sarah Blaßkiewitz, die zufälligerweise auch Teil der Achtung Berlin Jury war.

Ist diese Theaterserie mit deinem Film damals Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste vergleichbar? Damals ging es ja auch um Chauvinismus in der Filmbranche.
Inhaltlich gibt es Überschneidungen, weil das auch immer schon ein Thema für ich war: Frauenrollen im Film und auf der Bühne. Wie kann man sich als Frau in diesem Beruf positionieren? Was muss sich hinsichtlich der repräsentierten Rollenbildern und Sehgewohnheiten verändern?

Der Film ist jetzt schon ein paar Jahre alt. Hat sich seither etwas geändert in der Richtung?
Gerade passiert viel. Und darüber bin ich sehr froh. Wir haben einfach einen Punkt erreicht, wo es so nicht mehr geht. Da kommen ganz viele Strömungen zusammen und es ist toll, dass das Thema eine Öffentlichkeit erreicht hat und jetzt darüber gesprochen wird. Ich bin aber nach wie vor davon überzeugt, dass es dafür klare Hilfestellungen braucht. Ich bin eine sehr große Befürworterin von Quoten.

Lässt sich so etwas überhaupt durchsetzen?
Ich saß kürzlich in einem Podium, wo es um die Quote im Theaterbereich ging, und da kam diese Frage auch auf. Neben mir saß Bettina Jahnke, die Intendantin vom Hans Otto Theater in Potsdam. Sie hat an ihrem Haus eine Quote. Ihre Antwort auf die Frage war: „Ja, man muss es einfach machen.“

Dann hoffe ich mal, dass viele diesem Aufruf folgen. Gerade das deutsche Kino könnte noch ein paar neue Perspektiven gebrauchen.
Und mehr Diversität in jeglicher Hinsicht, absolut. Das war auch eine spannende Erkenntnis, die ich jetzt hatte beim Festival. Da waren viele Filme von jungen Filmemacherinnen und Filmemachern dabei. Und man merkt schon, dass es da eine intensive Auseinandersetzung gibt mit Frauen- und Männerrollen. Da habe ich wirklich tolle Filme gesehen, bei denen klar wird, wie sehr die neuen Frauenrollen mit neuen Männerrollen zusammenhängen. Luft von Max Hegewald zum Beispiel. Oder auch Nachthall von Victoria Schulz, der Gewinnerin der Kurzfilmreihe. Es muss sich überall etwas ändern. Es freut mich total, dass es da eine Auseinandersetzung gibt in der jüngeren Generation und hoffe dass sich da in Zukunft noch eine Menge tun wird.

Anne Haug

© René Fietzek

Zur Person
Anne Haug wurde 1984 in Basel geboren. Als junges Mädchen geht sie in eine Zirkusschule und studiert nach dem Abitur Schauspiel an der Universität der Künste in Berlin. Während ihres gesamten Werdegangs nutzt sie kontinuierlich Schauspiel als gesellschaftlich relevante Kunstform, um eine Haltung zu Themen der Gegenwart einzunehmen und zu gestalten. Beispielsweise thematisiert sie auf der Bühne zusammen mit Melanie Schmidli in dem Comedy-Duo Projekt Schooriil die Situation von Frauen in Theater und im Film. Der grenzüberschreitende Wille der Darstellerin, das klassische Repertoire mit konzeptionellen und performativen Möglichkeiten lebensnah zu erweitern, macht sie zu einer gefragten Protagonistin der unabhängigen Kinos und Bühnen der Gegenwart. Sie arbeitet im deutschsprachigen Raum mit den Wegbereitern des neuen europäischen Films und Theaters, darunter Daniel Wild, Güzin Kar, Isabell Šuba, Maris Pfeiffer, Markus Welter, Nora Abdel-Maksoud, Sarah Blaßkiewitz und Zino Wey. www.annehaug.de

Anne Haug [Interview]
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