(„Nyócker!“ directed by Áron Gauder, 2004)

The District – Welcome to My HoodAnimationsfilme, die am Computer entstehen, das bedeutet nicht zwangsläufig 3D-Render à la Shrek, Ice Age oder Toy Story. Aus diesem Grund wollen wir uns in unserem fortlaufenden Themenspecial der neuen Techniken auch nicht ganz verwehren – gesetzt den Fall, die Filme haben tatsächlich etwas Neues zu bieten, sind optisch oder inhaltlich ungewöhnlich, nicht einfach eine Kopie der großen Kassenschlager. Und das gilt für Teil 13 auf alle Fälle, in dem wir in ein Land reisen, das bislang nicht unbedingt als Hochburg der Animationskünste galt: Ungarn.

Für Risci ist die Sachlage klar: Julika ist die Frau seines Lebens, und er würde alles dafür tun, um sie zu bekommen. Doch das ist nicht so einfach, denn sie leben in nyolcadik kerület, dem achten Distrikt in Budapest. Und der ist teilweise für seine nicht immer friedlichen Auseinandersetzungen bekannt. Ungarn, Zigeuner, Chinesen, Araber – die Nachbarschaft setzt sich aus den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen zusammen. Und wenn man wie Risci aus einer Zigeunerfamilie stammt, da bleibt einem so manche Tür verschlossen. Außer man hat Geld. Und so fasst der Junge den Plan, mit Hilfe einer Zeitmaschine zu einer Menge Reichtum zu kommen. Und sich die Liebe Julikas einfach zu kaufen.

„Frauen wollen eh doch alle nur Geld“, heißt es früh in The District – Welcome to My Hood. Das wäre normalerweise eine Einladung für jede Feministin, auf die Barrikaden zu gehen. Nur dass hier alles so überzogen und bewusst grotesk gehalten ist, dass keiner auf die Idee kommen würde, diese Aussage ernstzunehmen. Wenn man den ungarischen Animationsfilm einem Genre zuordnen müsste, dann wohl der Satire. Nur was hier genau die Zielscheibe sein soll, wem der Spott gilt, das ist unklar, zu oft verschiebt sich im Laufe der nicht mal anderthalb Stunden der Fokus.The District – Welcome to My Hood Szene 1

Anfangs meint man noch, einen späten Erben von Ralph Bakshi kennenzulernen. Ähnlich wie in dessen Starker Verkehr oder Coonskin tauchen wir ein in das muntere Treiben eines Viertels, lernen die stark karikierten Bewohner kennen, Sex und Gewalt stehen an der Tagesordnung. Dabei wird Letztere meist nur angedroht, die Bewohner von Nyócker – so die umgangssprachliche Variante des Distriktnamens – begnügen sich meist mit Schmähgesängen. Gerade zu Beginn würde The District – Welcome to My Hood auch als Musical durchgehen, ungarischer Hip Hop wird zu einem ständig und wichtigen Begleiter des Geschehens. Eine Neuinterpretation von „Romeo und Julia“, so wie es Baz Luhrmann vorgemacht hat, nur diesmal in einem Budapester Ghetto? Warum nicht.

Doch auch Madame Absurdität schaut oft und gerne dabei. Spätestens, wenn Risci und seine Gang in die Vergangenheit reisen, um einen genial bescheuerten Plan zu folgen, sind wir auf einmal in der Nähe von South Park gelandet. Und der Eindruck verstärkt sich später noch stärker, wenn auf einmal politische Elemente hinzukommen. Das kann mal ermüdend albern sein, mal wunderbar witzig – als Running Gag wird der Kopf des Präsidenten zum Beispiel immer verpixelt dargestellt. Und das ist auch das große Problem von The District – Welcome to My Hood, hier passt einfach nichts zusammen. Der Film ist nervig, großartig, langweilig, spannend, surreal, banal – hintereinander und alles zusammen.The District – Welcome to My Hood Szene 2

Doch wenn es einen Grund gibt, sich den ungarischen Film anzuschauen, dann ist das ohnehin die Optik. Auch hier liegen Vergleiche zu South Park auf der Hand. Beide imitieren klassische Scherenschnittanimationen, bei denen 2D-Objekte aus Papier oder Stoff mit Stop-Motion bewegt werden. Während dies bei Filmen wie Die Abenteuer des Prinzen Achmed von Lotte Reiniger oder den Zwischensequenzen von Monty Python’s Flying Circus noch per Hand geschieht, vertrauen Trey Parker and Matt Stone dafür lieber dem Computer. Und eben auch Áron Gauder hier. Anders als seine amerikanischen Kollegen bleibt Gauder jedoch nicht komplett zweidimensional. Im einen Moment noch statisch, drehen sich Hintergründe plötzlich, wir biegen um die Ecke oder sehen das Ganze auch mal von oben. Damit erinnert The District – Welcome to My Hood an die Pop-up-Bücher aus unserer Kindheit, wo ebenfalls flache Figuren auf Dreidimensionalität treffen.

Und auch sonst hat das Regiedebüt von Gauder mehr optische Abwechslung als die Hitserie von Parker und Stone zu bieten. Kurios ist beispielsweise die Technik, als Köpfe der Figuren Fotos von realen Personen zu nehmen, die Körper jedoch im Graffiti-Stil zu halten. Und auch sonst scheut der Ungar, der vorher beim Zeichentrickerfolg Kiriku und die Zauberin von Michel Ocelot mitgewirkt hatte, nicht vor dem Mischen verschiedener Stile und Computereffekte zurück, wenn es ihm gerade in den Kram passt. Mit einem interessanteren Inhalt hätte The District so zu einem echten Animationshighlight werden können. Dennoch macht der ungewöhnliche Low-Budget-Film neugierig darauf, welche Talente in Osteuropa sonst so schlummern, von denen in Zukunft hoffentlich noch mehr ihren Weg auf hiesige Bildschirme finden.



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The District – Welcome to My Hood
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The District – Welcome to My Hood
„Romeo und Julia“ trifft Politsatire, Hip-Hop-Grafitti auf Computereffekte – bei The District passt inhaltlich wie optisch vieles nicht zusammen. Doch genau das macht den ungarischen Animationsfilm für Freunde des Ungewöhnlichen auch interessant.
6von 10

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