Anon

„Anon“ // Deutschland-Start: 25. Oktober 2018 (DVD/Blu-ray)

Verbrechen? Das gibt es in der Zukunft ebenso wenig wie ein Vergessen. Schließlich wird mittlerweile alles aufgezeichnet, was Menschen vor sich sehen, sämtliche Erinnerungen von der Technik gespeichert. Für Sal Frieland (Clive Owen) ist das ungemein praktisch, kann der Detective doch auf diese Weise seine Fälle durch das bloße Anschauen der Aufzeichnungen lösen. Doch dann geschehen eine Reihe mysteriöser Morde, in denen eben diese Erinnerungen manipuliert wurden. Während die Polizei fieberhaft nach dem Täter sucht und auch nach einer Erklärung, wie er das System überlistet, trifft Sal auf eine junge Frau (Amanda Seyfried), über die keinerlei Daten verfügbar sind. Eine Frau ohne Vergangenheit. Eine Frau, die es eigentlich gar nicht geben dürfte.

Wer etwas über sein Umfeld erfahren möchte, der braucht heute eigentlich nur einen Internet-Account und ein bisschen Forschergeist: Schon wissen wir, wo der andere zur Schule ging, mit wem er befreundet ist, welche Musik er mag und was er im letzten Urlaub zum Frühstück hatte. Noch nie waren wir so mitteilungsbedürftig wie heute, unterscheiden so wenig zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen. Da braucht es gar nicht mehr sonderlich viel Fantasie, um auch den Rest noch zu einem Allgemeingut zu machen. Wozu auch? Man hat ja nichts zu verstecken.

Alles ganz normal
Das erschreckendste an Anon ist dann auch, wie plausibel das alles erscheint. Und wie wenig es die Leute noch interessiert, dass sie rund um die Uhr überwacht werden. Wo es in früheren Überwachungsdystopien wie 1984 oder Psycho-Pass immer Menschen gibt, die gegen das System rebellieren – der eine mehr, der andere weniger –, da geht es hier richtig friedfertig zu. Ausnahme ist das die junge Frau, die sich später als Titelfigur zu erkennen geben wird und kein Interesse daran hat, dass alle anderen alles über sie wissen. Nicht weil da etwas ist, das sie verstecken will. Sondern weil es nichts gibt, das die Welt sehen soll, wie sie es ausdrückt.

Grundsätzlich ist eine solche Welt dennoch nichts Neues für uns, viele Filme und Bücher haben vergleichbare Dystopien entworfen. Also kombinierte Regisseur und Dregbuchautor Andrew Niccol (Gattaca) das Szenario mit einem Thriller. Wer ist der Mörder? Warum tötet er? Und wie schafft er es, die Aufzeichnungen derart zu manipulieren? Der letzte Punkt bleibt dabei ein wenig unbefriedigend. Zwar wirft Anon mit Begriffen um sich, auch die ermittelnde Polizei wird immer wieder wissenschaftlich klingende Worte in den Mund nehmen. Doch das sind mehr Scheinerklärungen. Hier geht es erst einmal darum, das „was“ zu akzeptieren und das „wie“ eher auszublenden.

Eine Welt ohne Gefühle
Das funktioniert ganz gut, sofern man sich an der Atmosphäre erfreuen kann. Denn die ist bei dem Abschlussfilm vom Filmfest München 2018 sehr ansprechend geworden: Auch dank der unterkühlten Bilder, der schmucklosen Gebäude und menschenleeren Szenerien wirkt die Welt der Zukunft so, als wäre jedes Gefühl aus ihr gewichen. Jede Wärme. Die Menschen mögen nun alle miteinander vernetzt sein, Zusammenhalt gibt es aber keinen mehr. Oder auch Persönlichkeiten. Wenn die Figuren so charakterlos sind wie hier, ist das meistens Anlass zu Kritik. Bei Anon passt das jedoch, ist nur ein weiterer Aspekt davon, wie viel wir in unserem Streben von uns selbst verloren haben.

Auch der Plot lässt ein wenig zu wünschen übrig, wenn er erst lange den üblichen Genrepfaden folgt, zum Ende dann doch noch Wendungen versucht, die aber irgendwie nicht wirklich etwas bringen. Spannend ist Anon dafür durch die Möglichkeiten, die das Manipulieren der Aufzeichnungen mit sich bringt. Denn wo Wahrnehmungen miteinander gekreuzt werden, da weiß man irgendwann weder als Protagonist noch als Zuschauer, was eigentlich noch real ist. Und ob es eine solche Realität überhaupt gibt. Auch das ist kein bahnbrechend neues Gebiet, welches Niccol da erkundet, wird leider zudem nicht so konsequent ausgenutzt, wie es das Thema anbieten würde. Fans solcher Zukunftsdystopien sollten dennoch mal einen Abstecher wagen und sei es nur, um danach den eigenen Öffentlichkeitsexhibitionismus mal wieder in Frage zu stellen.

Anon
4.11 (82.22%) 9 Artikel bewerten

Anon
Stell dir vor, all deine Wahrnehmungen würden aufgezeichnet und gespeichert: Vor diesem Hintergrund entwirft „Anon“ eine wenig erstrebenswerte Zukunftswelt, in der Gefühle Mangelware sind und die Wahrheit mit ein bisschen Geschick manipuliert werden kann ohne Ende. Das arbeitet sicher mit diversen Konventionen, ist aber eine willkommen atmosphärische Dystopie.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.