Krystal

„Krystal“ // Deutschland-Start: 18. Oktober 2018

Für Taylor Ogburn (Nick Robinson) ist klar: Es kann nur eine geben! Dass Krystal (Rosario Dawson) mehr als zehn Jahre älter ist als der Teenager, ist ihm egal, ebenso ihre Vergangenheit als Prostituierte oder dass ihr Sohn Bobby (Jacob Latimore) im Rollstuhl sitzt und nur wenig jünger ist als er. Nicht einmal ihr Alkoholismus stört ihn. Im Gegenteil: Das gibt ihm die Gelegenheit, sich ihr zu nähern, indem er sich selbst als Alkoholiker ausgibt und an den AA-Treffen teilnimmt. Tatsächlich kommt er ihr auf diese Weise näher, was Taylors Umfeld aber nicht unbedingt zu Freudenschreien animiert.

Dass Schauspieler hin und wieder die Position wechseln möchten, auch mal hinter der Kamera agieren, das kommt immer mal wieder vor. Die Ergebnisse sind naturgemäß gemischt. Bradley Cooper gelang kürzlich mit A Star Is Born eine zwar altmodische, insgesamt aber sehenswerte Neuauflage des Klassikers. Sogar von einem Oscar-Favoriten ist die Rede. Davon kann William H. Macy jedoch nur träumen. Der versierte Darsteller, der seinerzeit für Fargo sogar eine Oscar-Nominierung als bester Nebendarsteller erhielt, tut sich hier reichlich schwer damit, den Stoff zu bewältigen. Und das, obwohl er jede Menge prominente Schützenhilfe bekommt.

Viel Talent, wenig Ergebnis
Tatsächlich ist das Ensemble sehr hochkarätig: Angeführt von Nick Robinson (Love, Simon) und Rosario Dawson (Daredevil) stehen Macy eine beeindruckende Zahl talentierter Kollegen zur Verfügung. Gebracht hat das jedoch nicht viel. Selbst diese geballte Ladung an Schauspielkunst schafft es nicht, die Geschichte um einen liebeskranken – und herzkranken – Jüngling auch nur ansatzweise nachvollziehbar umzusetzen. Einen Film zu drehen, bei dem man sich selbst wiederfinden kann. Oder etwas, das wie ein Mensch wirkt.

Teilweise ist das lustig, wenn die Figuren mit Sätzen um sich werfen, bei denen man nie genau weiß, ob sie tiefsinnig oder eine Karikatur hiervon sein sollen. So wie man sich allgemein nie ganz sicher sein kann, was an Krystal nun ernst gemeint ist und was nicht. Wenn Taylor beispielsweise auf absolut unpassende Weise seiner Traumfrau auflauert, dann ist das in Zeiten von #MeToo mindestens fragwürdig. Umso mehr, da der Film hier ganz harmlos tut, das Ganze als skurril-harmlose Schwärmerei verkaufen will. Obwohl das Szenario, dass ein Mann sich in einer ältere Frau verliebt, sympathisch ist, wird es hier eher ins Gegenteil verkehrt.

Ich hab mich verlaufen …
Krystal selbst hat nicht dazu zu sagen, mag zwar die Titelfigur sein, kommt aber nicht über Objektstatus hinaus. Wobei sie immerhin eine Funktion hat. Was hingegen Kathy Bates als Taylors Chefin in dem Film zu suchen hat, das wird allenfalls Will Aldis wissen, der das Drehbuch verfasst hat. Sofern es denn tatsächlich ein Drehbuch gab. Eine eigentliche Geschichte hat Krystal nämlich nicht zu erzählen, häuft immer mehr Themen, Probleme und Figuren an, bis man irgendwann überhaupt nicht mehr weiß, wovon der Film denn nun handeln soll.

Warum diese Ansammlung von Befremdlichkeiten das deutsche Kino erreicht, das ist ein ebenso großes Rätsel. Möglicherweise wurde darauf spekuliert, die vielen Stars würden schon genug Leute in die Lichtspielhäuser locken, damit sich die Lizenz rentiert. Möglich dass der Plan aufgeht, nach den verheerenden Kritiken und dem miesen Einspielergebnis in den USA dürfte das nicht allzu viel gekostet haben. Und immerhin: Krystal ist nicht einfach nur austauschbare Massenware, mit der man seine Zeit verschwendet. Stattdessen ist das hier so seltsam, so wenig komisch, null romantisch, auch nicht bewegend, dass der Film schon wieder etwas Besonderes ist. Wie oft kommt es schließlich schon bei einem solchen Film vor, dass man sich im Anschluss fragt, ob man da vielleicht irgendetwas falsch verstanden hat. Man nicht einmal sagen kann, was genau man da eigentlich eben gesehen hat.

Krystal
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Krystal
Ein Teenager verliebt sich in eine deutlich ältere Frau und tut dann alles, um ihr nahezukommen. Das ist als Szenario sympathisch, wird aber fragwürdig umgesetzt und mit der Zeit immer absurder. Ständig passiert etwas oder wird etwas gesagt, das keinen Sinn ergibt, „Krystal“ wird zu einem seltsamen Mischmasch aus Themen, aus dem man einfach nicht schlau wird.
4von 10

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