„Der Flohmarkt von Madame Claire“ // Deutschland-Start: 2. Mai 2019 (Kino)

Alles muss raus, so hat Claire Darling (Catherine Deneuve) entschieden. Und das heute noch. Also veranstaltet sie einen Flohmarkt, um all den Krempel loszuwerden, der sich in all den Jahren bei ihr angesammelt hat. Die Nachbarn freut es, kommen sie auf diese Weise für wenig Geld an viele wertvolle Antiquitäten. Claires Tochter Marie (Chiara Mastroianni), zu der sie schon über 20 Jahre keinen wirklichen Kontakt mehr hatte, ist hingegen weniger begeistert, wie hier ihre Kindheit verscherbelt wird. Aber auch für sie bedeutet dieser Ausverkauf, sich endlich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Und einem tragischen Vorfall, der sie damals getrennt hat.

Flohmärkte haben bekanntermaßen einen ganz eigenen Reiz. Sie sind nicht nur ein willkommener Anlass, um auch bei knapper Kasse die eigene Inneneinrichtung aufmöbeln zu können. Sie sind auch oft eine Art Reise in die Vergangenheit, wenn wir an der Geschichte anderer teilhaben, die Atmosphäre eines anderen, früheren Lebens einatmen. Dass die von Claire verkauften Gegenstände eben solche Geschichten erzählen, das muss erst gar nicht groß thematisiert werden. Es reicht ein Blick auf diese alten Fundstücke, Puppen aus einer anderen Ära, Spieluhren, kleine mechanische Wunderwerke oder auch Bilder aus der Familiengalerie.

Das Herz weint
Man muss dann auch nicht selbst zur Familie gehören, um den Schmerz von Marie oder auch ihrer Jugendfreundin Martine (Laure Calamy) nachempfinden zu können, wenn hier von Erinnerungen verzauberte Schätze verramscht werden. An Menschen, die damit gar nichts verbindet. Die eher an Schnäppchen als an Magie und Träumen interessiert sind. Die Ausstattung ist dann auch eine der ganz großen Stärken von Der Flohmarkt von Madame Claire. Die Liebe, mit der hier alles zusammengestellt wurde, die nimmt man auch der alten Dame ab, die hier mit ihrer Vergangenheit abschließt.

Denn das ist ja das eigentliche Thema des Films: Der Verkauf eigener Erinnerungen steht symbolisch für die Auseinandersetzungen von Claire und Marie, für eine Auseinandersetzung auch mit sich selbst. Zu diesem Zweck baut Regisseurin und Co-Autorin Julie Bertuccelli (The Tree) eine ganze Reihe von Flashbacks ein, in der Mutter und Tochter als junge Variante gezeigt werden. Das ist der unlängst gestarteten Serie Spuk in Hill House nicht unähnlich, wenn auch nicht annähernd so kunstvoll gestaltet. Wo das Geisterdrama mit gemeinsamen Elementen arbeitet, die als verbindende Brücke zwischen den Zeiten dienen, da sind die Übergänge hier deutlich gröber. Spontane Assoziationen statt logischer Zwischenschritte.

Was wollte ich noch mal?
Das ist etwas enttäuschend und passt doch gut zu einem anderen Thema von Der Flohmarkt von Madame Claire: das sich rapide verschlechternde Gedächtnis von Claire. Das ist berührend von der Grande Dame der französischen Schauspielkunst verkörpert. Catherine Deneuve schafft es selbst in den diversen unwürdigen Momenten, ihrer Figur eine tragische Grazie zu verleihen. Eine Eleganz, die in einem starken Kontrast zu ihrer innerlichen und auch zwischenmenschlichen Unbeholfenheit steht. Eine Frau, die sich mit den feinen Künsten auseinandersetzt, sich ihrer eigenen Familie gegenüber aber wie ein Elefant im Porzellanladen verhält.

Das ist nicht immer bis ins Kleinste nachvollziehbar, die Figurenzeichnung des Films ist zuweilen ebenso grob wie die zeitlichen Übergänge. Sehr schade ist auch, dass die anfängliche Leichtigkeit und Ruhe für ein sehr schweres Drama aufgegeben wird, das sich zu sehr in der eigenen Tragik suhlt. Was eine leise Konfrontation mit Vergänglichkeit hätte sein können, ein melancholisches Erinnern, ist dann doch etwas dick aufgetragen, gleichzeitig aber an anderen Stellen zu dünn. Das Ergebnis ist noch immer solide, in den besseren Momenten auch bewegend, aber doch nicht genug für einen Film, der mit einer derart grandiosen Ausstattung und Deneuve ins Rennen geht.

Der Flohmarkt von Madame Claire
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Der Flohmarkt von Madame Claire
„Der Flohmarkt von Madame Claire“ nimmt den Verkauf alten Familienbesitzes als Sinnbild für die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Das ist grandios ausgestattet und verführt auch Catherine Deneuve als vergessliche Sammlerin. Die Verknüpfung der Zeitebenen lässt aber Zeitschliff vermissen, auch die etwas übertriebene Tragik hätte so nicht sein müssen.
6von 10

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