„Nanouk“ // Deutschland-Start: 18. Oktober 2018 (Kino) // 11. April 2019 (DVD)

Einfach ist das Leben von Nanouk (Mikhail Aprosimov) und seiner Frau Sedna (Feodosia Ivanova) nie gewesen. Nach alter Tradition leben sie noch immer in einer der Eiswüsten im nördlichen Sibirien, ernähren sich von dem, was Mutter Natur ihnen bietet. Doch das wird immer weniger. Der Klimawandel macht ihnen ebenso zu schaffen wie eine seltsame Krankheit, welche die Tiere dahinrafft. Das Eis hinter sich zu lassen, in die Stadt zu ziehen, wie es die anderen getan haben, das kommt für sie dennoch nicht in Frage. Wäre da nur nicht Ága, ihre Tochter, die jetzt in einer Mine arbeitet und zu der sie nach einem Streit keinen Kontakt mehr haben. Immer wieder kreisen die Gedanken des alten Ehepaares um sie, wünschen sich, sie noch einmal sehen zu können.

Eines muss man Nanouk lassen: Der Film macht dem Publikum gleich zu Beginn klar, was es hier zu erwarten hat. Eine alte Frau ist da zu sehen, in Fell verpackt, spielt auf einem seltsamen kleinen Instrument, das in ihrem Mund steckt, und produziert dabei schräge Töne irgendwo zwischen Mundharmonika und Säge. Wer sie ist, das erfahren wir erst später. Und wir erfahren es nur beiläufig, indem wir sie und ihren Mann in vielen Szenen sehen, die alles sagen, ohne dass sie etwas sagen.

Die Zärtlichkeit der Jahre
Zehn Minuten dauert es, bis das erste Wort fällt. Und auch wenn später andere kommen werden, sie sind nur sekundär. Milko Lazarov, der hier Regie führte und das Drehbuch mitschrieb, braucht sie nicht. Seine Figuren brauchen sie nicht. Nanouk und Sedna verbindet eine Form der wortlosen Kommunikation, wie man sie nur bei Ehepaaren findet, die ihr ganzes Leben miteinander verbracht haben. Wenn sie ihm die Haare stutzt, sie gemeinsam die Beute häuten, über das Wetter reden, über Fallen.

Das ist nicht aufregend, soll es auch gar nicht sein. Von einer Szene einmal abgesehen, in der die beiden sich mit aller Kraft gegen einen Schneesturm stemmen, ist Nanouk auch in der Hinsicht sehr leise. Wir beobachten die beiden, wie sie ihrer täglichen Arbeit nachgehen, versuchen in einer sehr unwirtlichen Gegend zu überleben – so wie es ihre Vorfahren getan haben. Geradezu dokumentarisch mutet das an, ungeschönt ist der Einblick in das harsche Leben, in dem Idylle und Verderben nahe beieinanderliegen. Lediglich eine schwülstige Musik, die einem alten Melodram entnommen worden scheint, passt da so gar nicht ins Bild. Die taucht glücklicherweise jedoch erst spät auf, anders als etwa Everest verlässt sich dieses Drama die meiste Zeit darauf, dass es für sich selbst spricht.

Die leise Sehnsucht nach der Tochter
Auch vorher werden wir leise Klänge hören, aus einem kleinen Transistorradio stammend, eine der wenigen Verbindungen, die das Paar noch zu der Welt der Menschen hat. Es sind melancholische Klänge, so wie der Film bei aller Selbstgenügsamkeit eben auch von Melancholie geprägt ist. Von Sehnsucht. Ága hieß der Film noch bei seiner Premiere auf der Berlinale 2018, benannt nach der Tochter. Die Tochter, die vor vielen Jahren gegangen ist. Die Tochter, die aber noch immer da ist, in dem Bild, das die beiden aufbewahren. Und natürlich in dem Herzen, das sich nach ihr sehnt, auch wenn der Mund nichts davon wissen will. Wie immer.

Nanouk ist deshalb nicht nur Bestandsaufnahme. Das Drama erzählt von einem Übergang, von Verlusten, von Annäherung. Das kann der Klimawandel sein, der Jahr für Jahr den Frühling etwas früher anfangen lässt. Das können die Traditionen sein, die aussterben, während immer mehr Menschen fortgehen, um in der Stadt neu anzufangen. Geschichten, wie wir sie überall zu hören bekommen, nicht nur im tiefen Eis, während unheilvolle Krähen in der Ferne zu hören sind. Das ist traurig und tröstlich zugleich, eingefangen in wunderbare Bilder, die uns eine fremde Welt näherbringen, die alles überdauert und doch kaum zu fassen ist.

Nanouk
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Nanouk
„Nanouk“ erzählt mit wunderbaren Bildern und geradezu dokumentarisch von dem Leben eines alten Ehepaares, das inmitten der sibirischen Eiswüste lebt. Viele Worte verwendet das Drama nicht, braucht sie auch nicht. Nüchterne Alltagsszenen bringen uns im Wechsel mit melancholischen Momenten auch ohne sie eine fremde Welt näher, zwischen Verlust von Traditionen und Neuanfang.
7von 10

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