Zu viel Alkohol, zu viele Pillen und schon war es es um Isy geschehen. Als drei Jungs die bewusstlose Jugendliche während einer wilden Hausparty finden, nutzen sie die Situation aus, um sie zu vergewaltigen – darunter auch ihr bester Freund Jonas. Harter Tobak mit Vorlauf: Zehn Jahre war das Drama in der Mache und ist heute aktueller denn je. Nachdem Alles Isy auf dem Filmfest München 2018 Premiere feierte, ist es am 5. September 2018 um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen und im Anschluss eine Woche lang in der Mediathek verfügbar. Wir haben uns mit den beiden Hauptdarstellern Milena Tscharntke und Michelangelo Fortuzzi über ihren gemeinsamen Film unterhalten und welche Auswirkungen die Dreharbeiten und das schwierige Thema auf sie hatten.

Wie ging es euch, nachdem ihr das Drehbuch das erste Mal gelesen habt? Was hat euch gereizt?
Milena: Mich hat die Geschichte sehr berührt. Ich wusste, wie wichtig es ist, sie zu erzählen, weil es sich um ein sehr reales Thema handelt, über das in unserer Gesellschaft sehr viel geschwiegen wird. Ich wollte die Rolle der Isy so echt wie möglich spielen.

Michelangelo: Als ich das erste Mal das Drehbuch gelesen habe, dachte ich mir direkt „Wow, krass. Das wird auf jeden Fall eine Herausforderung“. Aber genau diese Herausforderung hat mich gereizt.

Wie habt ihr euch auf eure Rollen vorbereitet, insbesondere auf die entscheidenden Szenen, wie die Vergewaltigung oder die Szene, in der Jonas Isy seine Schuld gesteht?
Milena: Vor Beginn der Dreharbeiten sind wir, der jugendliche Cast und Regie, für mehrere Tage zusammen weggefahren. Wir konnten uns richtig kennenlernen, alle Fragen stellen. Das war sehr hilfreich für die späteren Drehtage, weil wir uns schon kannten und vertrauen konnten.

Michelangelo: Ich wusste echt nicht wie ich mich auf die Vergewaltigungsszene vorbereiten soll – muss ich ehrlich sagen. Ich hab’s einfach auf mich zukommen lassen und ich glaube immer noch, dass es, um es authentisch hinzukriegen, für mich persönlich die beste Entscheidung war, es einfach zu versuchen. Über die Stimmung in der Szene, in der Jonas Isy seine Schuld beichtet, habe ich viel nachgedacht. Im Drehbuch war die Stimmung aber so gut beschrieben, dass es mir die Vorbereitung auf die Szene erleichtert hat.

Ausgelassen lachen? Das ist für Isy (Milena Tscharntke) und Jonas (Michelangelo Fortuzzi) nach dem schockierenden Ereignis nicht mehr möglich.

Schuldgefühle, Scham und schlechtes Gewissen tragen die Geschichte. Jede Figur steckt in ihrem individuellen Dilemma. Könnt ihr euch mit euren Figuren und deren Entscheidungen identifizieren? Hättet ihr anders gehandelt?
Milena: Isy kann sich an den Übergriff nicht erinnern. Sie versucht ihren Schmerz zu verdrängen und hat Angst, Mitschuld zu haben und dass ihre Mitschüler davon hören könnten. Diese Scham und Angst empfinden vielen Mädchen, denen ähnliches zugestoßen ist. Mich darüber zu informieren, hat mir geholfen, Isy zu verstehen.

Michelangelo: Ich glaube schon, dass ich als Jonas zu Isy gehen würde – auf jeden Fall. Ich glaube auch, dass es in dem Fall die beste Lösung ist.

Die Thematik ist heftig, die Umsetzung intensiv. Wie war die Zusammenarbeit mit den beiden Regisseuren?
Milena: Die Zusammenarbeit mit Mark Monheim und Max Eipp war offen und vertrauensvoll.

Michelangelo: Sie war echt toll. Vor allem war es schon ein Luxus zwei Regisseure zu haben, denn wenn der eine beschäftigt war, konnte man sich mit dem anderen noch einmal über die Szene unterhalten und beispielsweise fragen, wie sie gemeint ist oder ob ich sie richtig interpretiert habe. Zwei tolle Menschen und eine echt tolle Zusammenarbeit!

Und wie war die Stimmung im Team während der Dreharbeiten?
Milena: Da haben alle gut und rücksichtsvoll zusammengearbeitet.

Michelangelo: Die Stimmung war immer ziemlich locker. Wie ich finde, war das ein perfekter Ausgleich zwischen Spaß und Ernst während der Arbeit. Es war eine sehr, sehr schöne Zeit – auch wenn das Thema sehr hart und dunkel ist.

Konntet ihr nach Drehschluss einfach abschalten oder habt ihr das Erlebte mit nach Hause genommen? Was war euer Ausgleich?
Milena: Wir haben nach Drehschluss immer noch viel zusammen gemacht. Dann geschlafen und dann ging es am nächsten Tag weiter.

Michelangelo: Ich persönlich konnte nach den Drehtagen ganz gut abschalten, bin aber meistens dann auch zu Hause geblieben und habe mich auf den nächsten Tag vorbereitet. Manchmal habe ich noch einen Film geguckt, bin währenddessen aber meistens eingeschlafen, weil man nach so einem langen Drehtag ganz schön müde ist.

Wie hat es sich angefühlt, den fertigen Film zu sehen?
Milena: Gut. Ich hoffe der Film wird zu vielen Diskussionen anregen.

Michelangelo: Das war ein gemischtes Gefühl. Auf der einen Seite stolz. Aber auch unangenehm, weil es einfach so ein unangenehmes Thema ist.

Zehn Jahre war das Vergewaltigungsdrama „Alles Isy“ in der Mache und ist in Zeiten von #metoo heute aktueller denn je.

Im Film müssen die Figuren aufgrund der Ereignisse und deren Konsequenzen über Nacht erwachsen werden. Wie habt ihr euch als junge Schauspieler und Menschen nach dem Projekt gefühlt? Kann man sagen, ihr seid ein Stück erwachsener geworden?
Milena: Ich lerne bei jedem Dreh so viel dazu – das ist für mich das Schöne am Schauspiel.

Michelangelo: Nach den Dreharbeiten hatte ich auf jeden Fall das Gefühl, ein bisschen mehr über mich selbst gelernt zu haben. Und ja, ich glaube auch, dass ich ein Stück erwachsener dadurch geworden bin. Mir ist vor allem aufgefallen, wie wichtig es ist, in seinem Umfeld darauf zu achten, dass „nein“ wirklich „nein“ heißt. Wenn man einen Fall von sexuellem Missbrauch mitbekommt, muss man wirklich etwas dagegen tun anstatt einfach wegzuschauen.

Isy will aufgrund von Schamgefühl auf keinen Fall, dass sich die Sache herumspricht. Lenny glaubt, dass er mit der Tat davon kommt. Das Thema ist in Zeiten von #metoo und #TimesUp hochaktuell. Kann Alles Isy als sogenannter #metoo-Film gesehen werden?
Milena: Durch die #metoo-Debatte wurde das Schweigen zum Thema sexuelle Gewalt gebrochen. In Alles Isy geht es um sexuelle Gewalt im nächsten Umfeld. Unter Freunden. Ein Film, der deutlich macht, wie allgegenwärtig sexuelle Übergriffe sind. Der Film kann meiner Meinung nach als Beitrag zur #metoo-Debatte gesehen werden.

Michelangelo: Was man nicht vergessen darf ist, dass die zwei Regisseure vor zehn Jahren angefangen haben, diesen Film zu schreiben. Mittlerweile ist das Thema noch viel aktueller geworden. Ich habe den Film immer so verstanden, dass er zur Diskussion und Aufklärung über sexuelle Gewalt anregen soll. Ich glaube also schon, dass er als #metoo-Film gesehen werden kann.

Welche Projekte stehen als nächstes an?
Milena: Ich drehe momentan an zwei Projekten und bin bis zum Ende des Jahres beschäftigt. Was nächstes Jahr passiert, weiß ich noch nicht.

Michelangelo: Die nächsten Projekte werden sein: Einmal eine Serie, die rund um die Zeit vom Mauerfall spielt, vorher und nachher. Und danach ein Kinofilm, in dem es um Jugendliche während der Abi-Zeit geht.

Milena Tscharntke/Michelangelo Fortuzzi [Interview]
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