Dass Kinder nicht unbedingt immer das machen wollen, was ihre Eltern sich von ihnen wünschen, das kommt in den besten Familien vor. Das muss nicht einmal eine wirkliche Rebellion sein gegen überlieferte Werte oder die Alten, die ohnehin von nichts eine Ahnung haben. Manchmal entstehen die Differenzen ganz automatisch, weil sich die Zeit von einer Generation zur nächsten zu sehr gewandelt hat, Veränderungen in der Gesellschaft auch Veränderungen im Privaten bedeuten.

Ein Gigant im Wandel
Das lässt sich sehr schön in China beobachten, einem Land, das in den letzten Jahrzehnten eine der dramatischsten Veränderungen weltweit mitgemacht hat. In kürzester Zeit etablierte sich das Reich der Mitte als Global Player, sowohl politisch wie auch wirtschaftlich. Zwar hat der rasant steigende Wohlstand nicht alle Bevölkerungsgruppen erreicht, aber doch so viele, dass Arbeit heute nicht zwangsweise nur noch der Existenzsicherung dient. Auch Selbstverwirklichung steht weiter oben auf der Prioritätenliste.

Ein solches Beispiel zeigt Generation 90, das mehrere chinesische Jugendliche zu ihren Zielen und Träumen befragt, die in den 90ern geboren wurden. Einer Zeit also, als der Aufschwung längst eingesetzt und vieles verändert hat. Fischen, das war immer ein wichtiges Thema in der Familie des jungen Mannes gewesen. Denn damit verdiente sie ihr Geld. Aber das könnte sich ändern, zu sehr haben sich die Interessen geändert, die Erwartungen auch. Wenn hier Vater und Sohn darüber diskutieren, wie es in Zukunft weitergehen soll, dann ist das einerseits ein typischer Generationenkonflikt. Es ist aber auch Symbol für China als solches, für einen Umbruch, der einstige Berufe und Ansichten hinter sich lässt.

Konkurrenzkampf vs. Familienglück
Ein weiteres Beispiel, welches Regisseur Wenzhong He mit uns teilt, ist das der chinesischen Oper. Einst eines der kulturellen Wahrzeichen des fernöstlichen Landes, interessieren sich heute immer weniger Menschen hierfür – vor allem in den Städten. Nur in den Provinzen ist diese traditionelle Unterhaltungsform, die Musik, Theater und Tanz verbindet, noch immer beliebt. Das hat zur Folge, dass die Suche nach Nachwuchs sich zunehmend schwierig gestaltet. Denn die Jungen wollen eben raus aus der Tradition, etwas erleben, sich frei entfalten. Wozu dann noch bei einer altmodischen Oper auftreten?

Einen Grund gibt es durchaus, wie Generation 90 verrät. So aufregend es sein mag, sich selbst zu verwirklichen, wenn einem alle Türen offenstehen, so groß ist auch der Druck da draußen. So stark ist der Konkurrenzgedanke. Die Oper ist im Vergleich dazu gemütlicher, familiärer, eine bewusste Abkehr zu den kalten Kämpfen, die eben nicht nur Gewinner hervorbringen. Ein Gewinn ist dafür die chinesisch-französische Dokumentation, die im Rahmen des Chinesischen Filmfests München 2018 auch ihren Weg nach Deutschland findet. Denn sie erlaubt es uns, aus der Ferne die Jugend von heute zu begleiten, bei ihren aufregenden ersten Schritten in ein eigenes Leben zuzusehen. Bei ihren Versuchen, Antworten zu finden in einer Zeit, in der die alten Antworten nichts mehr zählen, sich aber noch keine neuen etabliert haben.

Generation 90
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Generation 90
Was tun, wenn einem alle Türen offenstehen, aber keiner sagen kann, was sich dahinter befindet? Der Dokumentarfilm „Generation 90“ begleitet mehrere chinesische Jugendliche, die versuchen, sich in einer rasant verändernden Gesellschaft selbst zu finden. Das bedeutet neben typischen Generationenkonflikten vor allem auch, einen Blick auf das China von heute zu werfen, in dem alte Traditionen zunehmend hinterfragt werden.
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