„The Cannibal Club“ // Deutschland-Release: 27. September 2019 (DVD/Blu-ray)

Das Leben meint es gut mit Otavio (Tavinho Teixeira) und Gilda (Ana Luiza Rios). Sie lieben sich, sie lieben den Luxus, sie lieben das menschliche Fleisch – sowohl im sexuellen wie auch im kulinarischen Zusammenhang. Nachschub für beides gibt es genug, schließlich gehören sie zu der erlesenen brasilianischen Elite, die soviel Geld hat, dass sie sich alles kaufen kann. Und jeden. Aber auch ihre Freiheiten haben ihre Grenzen, wie sie feststellen müssen, als Gilda sich unfreiwillig mit Borges (Pedro Domingues) anlegt. Der hat nicht nur noch mehr Geld als die beiden, sondern auch weniger Skrupel. Was bei den zweien einiges heißen will. Glücklicherweise ist da aber noch der neueste Fang des Paares, der attraktive Jonas (José Maria Alves), der aus Verzweiflung alles tun würde. Alles.

Palmen, die sich sanft im Wind wiegen, eine Frau, die sich genüsslich am Pool reckt, dazu ein Himmel, der sich mit dem Poolwasser einen Wettkampf um das schönste Blau liefert – das Plakat zu The Cannibal Club verspricht jede Menge Urlaubsidylle. Doch wie auch der mexikanische Kollege Time Share, bei dem eine Hotelanlage zum Ort des Horrors wird, so lauert auch bei dieser brasilianischen Produktion hinter der schicken Fassade der Abgrund.

Gemeiner Angriff auf die Elite
Regisseur und Drehbuchautor Guto Parente, der dieses Jahr auch mit My Own Private Hell auf diversen Filmfestivals zu Gast ist, hat sich für seinen Film die oberste Elite ausgesucht. Die ist inzwischen so reich, so weit entfernt von jeglichem normalen Leben, dass die normalen Regeln und Gesetze für sie nicht mehr gelten. Also ungefähr das, was in dem Politzirkus der USA vor sich geht, mit ähnlich dreisten (Selbst-)Lügen: Wenn sich der titelgebende Club trifft, dann ist von großen Werte die Rede, von Familie, von Glauben.

Das Publikum darf dafür umso ungläubiger schauen, was Parente in The Cannibal Club so veranstaltet. Filme über Kannibalen hat es in der Filmgeschichte ja so einige gegeben. Heute sind die zwar etwas aus der Mode geraten, Beispiele über menschenfressende Menschen finden sich jedoch immer mal wieder. Mal handelt es sich dabei um reinen Horror wie in der Hommage The Green Inferno von Eli Roth. We Are What We Are entdeckte in dem Menschenverzehr eine tragische Seite. Das neuseeländische Fresh Meat wollte mit dem Thema vor allem Spaß haben.

Vor lauter Lachen verschluckt
Auch The Cannibal Club mischt sehr viel Humor unter die Schlachtplatte. Aber es ist ein dunkler Humor, ein böser Humor. Einer, der einem schon ein wenig den Appetit verschlagen kann. Wenn Gilda ihre attraktiven Untergegeben vernascht, mal auf die eine, mal die andere Weise, dann ist das eine zynische Abrechnung mit den Leuten da oben. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der die zwei oder die anderen Mitglieder des Clubs ihren Vorlieben nachgehen, die einen das Grauen lehren, unterstützt durch die schön abstoßend auftretenden Darsteller, die noch nicht einmal so tun, als hätten ihre Figuren irgendwelche positiven Eigenschaften.

Das ist so stark überzogen, teilweise auch auf schockierend nüchterne Weise, dass der Film ein dunkler Grund für helle Freude ist. Zumindest wenn man über das Böse lachen kann. Spannung ist jedoch weniger die Stärke von The Cannibal Club. Die Genremischung, die auf dem International Film Festival Rotterdam 2018 debütierte und im Rahmen des Fantasy Filmfests auch nach Deutschland kommt, lässt es sehr gemütlich angehen. Nach einem etwas heftigeren Einstieg passiert erst einmal nicht sehr viel, erst zum Schluss werden die Fleischmesser gewetzt. Da das Finale aber auch gleichzeitig der Höhepunkt ist, die blutige Satire dann endgültig zum Guilty Pleasure wird, darf hier jeder einmal reinschauen, der gerne auf Kosten anderer lacht.



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The Cannibal Club
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The Cannibal Club
In „The Cannibal Club“ lernen wir eine Gruppe von Brasilianern kennen, die so reich ist, dass sie ungeniert und ungestraft andere Menschen ausnutzen können – als Arbeitskraft, Sexobjet oder auch Hauptgericht. Das ist böse, teilweise auch richtig komisch. Die Spannung ist jedoch eher überschaubar.
6von 10

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