(„We Are What We Are“ directed by Jim Mickle, 2013)

We Are What We AreFamilientraditionen können schon etwas sehr Schönes sein. Kleine Rituale, die das Zusammensein fördern, ein Gemeinschaftsgefühl, vielleicht sogar Halt geben. Etwas mit dem wir uns identifizieren können und uns manchmal sogar erst zu dem machen, der wir sind. Natürlich können sich solche Traditionen aber auch verselbständigen und ein Eigenleben entwickeln. Nehmen wir die Parkers. Lange geht ihre Geschichte zurück, bis ins 18. Jahrhundert. Eine harte Zeit war das. Gegen Kälte musste die Familie damals ankämpfen, gegen Krankheiten. Und auch Hunger. Aus Verzweiflung fing die Familie damals an, andere Menschen zu essen. Nur so ließ sich das eigene Überleben sichern.

Mehr als 200 Jahre später haben sich die Umstände natürlich geändert, aber noch immer hält Oberhaupt Frank (Bill Sage) eisern an den überlieferten Ritualen fest. Und die besagen, dass an Lambs Days ein Mensch geopfert und verspeist werden muss. Als kurz vor dem großen Tag Ehefrau Emma (Kassie DePaiva) plötzlich verstirbt, gerät die Welt der Familie ins Wanken. Die Töchter Iris (Ambyr Childers) und Rose (Julia Garner) sollen nun die Rolle der Mutter übernehmen und das Opfer durchführen. Doch die beiden hadern mit ihrem Schicksal und wollen am liebsten dem Ganzen ein Ende bereiten. Und dann kommt ihnen auch noch der Dorfarzt Barrow (Michael Parks) in die Quere, als er ahnt, dass hinter dem regelmäßigen Verschwinden von jungen Frauen etwas Unaussprechliches steckt.We Are What We Are Szene 1

Kannibalen und Horrorfilme, das passt schon seit bald 40 Jahren wunderbar zusammen. Vor allem aus Italien spülte seinerzeit eine regelrechte Flut an Menschenfresserfilmen in unsere heimischen Videotheken. Aber auch in den USA wurden fleißig Mitbürger gefuttert, Texas Chain Saw Massacre von 1974 zählt heute zu den großen Klassikern des Genres. Ganz anders heute. Wenn heutzutage noch auf das Bild des Kannibalen zurückgegriffen wird, dann oft in einem nicht sonderlich ernst gemeinten Kontext. Schon Jean-Pierre Jeunet und Marc Caro deuteten 1991 in Delicatessen den Schrecken in eine Satire um, aktuelle Beispiele wie Fresh Meat oder Sickle sind dann endgültig zur Komödie degeneriert – mal mehr, mal weniger gewollt.

We Are What We Are geht nun in eine völlig andere Richtung. Ähnlich wie Hannibal kürzlich ist die Inszenierung ruhiger, deutlich eleganter. Statt wie dort ins Surreale abzudriften, bleiben wir hier jedoch viel näher an den Figuren. Das bedeutet auch eine Verschiebung des Fokus, weg von Gore und Schockeffekten, hin zu einem Familiendrama. Helden, die gegen die bösen Kannibalen ankämpfen, gibt es, interessiert hier aber niemanden. Stattdessen geht es hier um persönliche Tragödien, um die Monster selbst, die an ihren Rollen verzweifeln. Dafür nimmt sich Regisseur Jim Mickle auch sehr viel Zeit. Lange belässt er es bei Andeutungen, verrät erst gar nicht, was denn nun eigentlich mit den Parkers nicht stimmt.We Are What We Are Szene 2

Wer seine Horrorfilme lieber etwas deftiger mag, wird vermutlich deshalb vorzeitig aus Ungeduld oder Langeweile das Handtuch werfen. Passieren tut hier schließlich lange nichts. Der vorzeitige Abbruch wäre aber aus zwei Gründen schade: 1. Das Ende von We Are What We Are ist selbst für Genreerfahrene ein verstörender Anblick. 2. Die Darsteller machen ihre Sache richtig gut. Gerade die beiden Nachwuchsschauspielerinnen Ambyr Childers und Julia Garner empfehlen sich hier schon einmal für größere Rollen. Aber auch Bill Sage als Frank, der in seinem religiösen Wahn Halt in Ritualen sucht, ist es zu verdanken, dass der Film konstant seine unangenehme Atmosphäre beibehält. Er steht an der Spitze einer Familie, die auseinanderbricht und versucht sie mit aller Gewalt zusammenzuhalten. Schließlich kennt Frank nichts Anderes.

Regisseur Jim Mickle ist mit seinem Remake des mexikanischen Horrorfilms Somos Lo Que Hay – in Deutschland Wir sind was wir sind – ein ungewöhnlicher Beitrag gelungen, der sicher nicht jedem gefallen wird, aber einige interessante Fragen zu Familien und Identität stellt. Bestimmen wir unsere Familie? Bestimmt die Familie uns? Wer sich übrigens für das Original interessiert, sollte gleich zur 2-Disc-Version greifen, denn die enthält beide Filme.



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We Are What We Are
3.95 (79%) 20 Artikel bewerten

We Are What We Are
Zu schleppend, zu ereignislos, zu langweilig: Fans von deftigen Horrorfilmen werden mit We Are What We Are eher nicht glücklich werden. Wessen Herz aber für ruhige Horrordramen schlägt, darf sich über persönliche Tragödien, eine ungemütliche Atmosphäre und gute Schauspielleistungen freuen.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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