Es fing als ganz normaler Geburtstag an und endete in einem absoluten Chaos: In Familie Lotzmann auf den Barrikaden erzählt Axel Ranisch mit viel Liebe zum Absurden davon, wie eine alltägliche Familiensituation eskaliert und komplett aus dem Ruder läuft. Nachdem die Komödie auf mehreren Festivals zu sehen war, steht am 28. August 2018 die TV-Premiere an. Wir haben den vielfach preisgekrönten Regisseur vorab in München getroffen, wo er im Sommer die Oper Orlando paladino inszeniert, und ihn zu seinem Film, seinem kürzlich erschienenen Romandebüt Nackt über Berlin und künftigen Projekten gelöchert.

Sie sind ja derzeit sehr vielseitig unterwegs: Kino, Fernsehen, Oper, Sie haben ein Buch geschrieben. War das so geplant?
Das nicht. Ich werde immer wieder gefragt. Es gibt da Leute, die mir lauter Sachen zutrauen, die ich mir selbst nicht zugetraut hätte. Dann sind die Anfragen so toll und beeindruckend und herausfordernd, dass ich nicht nein sagen kann. So bin ich zur Oper gekommen, so bin ich vor die Kamera gekommen, so bin ich zum Roman gekommen. Immer hat irgendwer was gesehen. Eine Redakteurin vom SWR sagte zum Beispiel, ich solle dringend einen Tatort drehen.

Haben Sie dabei ein Lieblingsfeld?
Immer das, in dem man gerade steckt. Jetzt gerade fühle ich mich als Opernregisseur. Aber es geht auch alles Hand in Hand. Vor der Opernpremiere haben wir ausführlich Filmmaterial gedreht, in meinem Buch geht es viel um Opernmusik. Und wenn wir das dann verfilmen, wird sicher auch Opernmusik zu hören sein.

Kommen wir zu Ihrem Buch Nackt über Berlin, in dem zwei Jugendliche ihren Direktor entführen. Wie war da die Vorgeschichte?
Zwei Lektorinnen vom Ullstein Verlag haben meinen Film Ich fühl mich Disco im Kino gesehen und mich gefragt, ob ich nicht einen Roman schreiben möchte.

Und wie kamen Sie auf die Idee für den Inhalt?
Es hat eigentlich als Filmidee angefangen. Ich wollte Thorsten Merten einsperren. Und dafür brauchte ich einen Raum, in dem er sich 90 Minuten produzieren kann. Ich hatte Die Wand mit Martina Gedeck gesehen und gedacht, das müsste Thorsten auch passieren. Dann haben wir uns getroffen und sind auf die Idee gekommen, dass das in seiner eigenen Wohnung passieren könnte. Mit der Zeit kamen immer mehr Fragen auf: Wer entführt ihn eigentlich? Und warum? Dadurch wuchs der Kosmos langsam an und irgendwann war es zu viel für einen 90-Minüter. Dann habe ich mich an die Anfrage vom Verlag erinnert und gedacht, das könnte die Geschichte sein, die ich als Roman ausprobiere. Diese Idee habe ich dann vorgestellt. Im Anschluss habe ich zwei Jahre noch Material gesammelt und im Sommer dann recht zügig abgearbeitet.

Gab es Schwierigkeiten beim Schreiben? Ein Roman ist dann doch noch mal etwas anderes als ein Drehbuch.
Nackt über Berlin liest sich teilweise schon wie ein Drehbuch. Ich habe sehr viele Dialoge eingebaut, zur Freude meiner Lektorinnen. Je weniger Dialoge, umso größer die Kunst, heißt es ja. Zum Glück bin ich aber kein Intellektueller. Probleme beim Schreiben hatte ich daher weniger. Es war eine spannende Erfahrung, wie die Figuren immer stärker mit mir gesprochen haben, auch vorm Schlafengehen. Ich wollte das Buch ursprünglich anders anfangen lassen. Das hat dann aber nicht so funktioniert.

Wie lange hat es dann gedauert, das Buch zu schreiben?
Von Juni bis Oktober. Also vier bis fünf Monate. Jedoch mit Unterbrechungen: Ich musste noch den zweiten Tatort und drei Folgen von Löwenzahn drehen. Was einem eben so dazwischenkommt.

Bei Film, Fernsehen und auch bei der Oper wird ja immer im Team gearbeitet. Beim Buch haben Sie nur sich selbst. Wie war das für Sie?
Es ist am Anfang vor allem eine Motivationsfrage. Ich räume dann immer erst einmal die Wohnung auf oder suche andere Ausreden, um nicht anfangen zu müssen. Die ersten Tage habe ich mich auch eher gequält und nur ein bis zwei Seiten pro Tag geschafft. In den besten Zeiten waren es dann zehn Seiten pro Tag, wenn ich so Rauschzustände hatte.

Was waren Ihre Inspirationen beim Schreiben?
Alles mögliche. Die Vorarbeiten mit Thorsten Merten zum Beispiel, als wir noch dachten, es würde ein Film. Es finden sich aber auch autobiografische Elemente drin wie die klassische Musik und das unglückliche Verliebtsein.

Wenn Sie aus dem realen Leben jemanden nehmen könnten, um ihn einzusperren, wer wäre das? Thorsten Merten einmal ausgenommen.
Na, jemand, dem ich gerne zukucke. Persönlich bin ich ja viel zu friedvoll. Ich trainiere mir das nur an als Autor, Figuren zu quälen. Sonst wäre das nicht interessant. Ich selbst würde ungern jemanden einsperren. Der psychische Druck ist viel zu groß. Das war schon beim Schreiben schwierig, wenn man da reingehen muss. Das schlechte Gewissen von Jannik, das habe ich auch gespürt. Wenn überhaupt würde ich einen Komponisten einsperren in der Hoffnung, dass etwas Großartiges dabei herauskommt.

Familie Lotzmann auf den Barrikaden

Kuck mal, wer da Blödsinn macht! In „Familie Lotzmann auf den Barrikaden“ erzählt Axel Ranisch von einem ganz normalen Familiengeburtstag, der immer weiter eskaliert.

Kommen wir zu Ihrem Film Familie Lotzmann auf den Barrikaden. Der wurde schon 2016 auf den Hofer Filmtagen gezeigt, kommt aber jetzt erst ins Fernsehen. Wieso hat das so lange gedauert?
Die haben glaube ich Filmstau bei der Degeto. Ich habe das auch schon bei anderen Regisseuren gehört, die sich wundern, wenn ein Film erst zwei, drei Jahre später ausgestrahlt wird, während andere, die sie erst später gedreht haben, schon vorher kommen. Da steckt man einfach nicht drin. Ich freue mich nur, dass er jetzt endlich kommt.

Wie kam es zu dem Film?
Ich habe mit dem Drehbuchautor Sönke Andresen davor mehrfach zusammengearbeitet. Er war schon bei Ich fühl mich Disco dabei und hat mich dramaturgisch beraten. Dann haben wir unsere beiden Krimis zusammen gemacht. Ich kannte sein Drehbuch schon lange und habe es unfassbar geliebt. Normalerweise drehe ich Filme ja gern ohne Dialoge und lasse die Schauspieler improvisieren. Aber bei dem Buch hatte ich wirklich große Lust, es eins zu eins umzusetzen.

Und hat das dann geklappt?
Es hat mit der Besetzung natürlich Veränderungen gegeben. Mrs McAndrew war mal ein Mann. Aber für mich konnte niemand anderes als Gayle Tufts diese Rolle spielen. Den Marktleiter Schleicher gab es hingegen im Buch nicht wirklich. Aber ich wollte unbedingt Peter Trabner mitbringen. Und der hat dann diese Rolle mit Leben gefüllt. Dadurch wurde sie größer und wichtiger, als sie im Drehbuch war. Dass wir Gisela Schneeberger besetzen konnten und dann aber mit Jörg Gudzuhn einen DDR-Schauspieler hatten, das musste dann einen kleinen Ost-West-Hintergrund geben, den wir noch miteingebaut haben, damit man dieses Paar glauben und verstehen kann. Der größte Balanceakt war tatsächlich die Besetzung.

Was hatte Sie an der Geschichte so sehr begeistert, dass Sie sie unbedingt verfilmen wollten?
Der aberwitzige andauernde Crescendo zum großen Chaos, entstanden aus einer an und für sich total nachvollziehbaren Familiengrundkonstellation. Ein Ehepaar, das schon sehr lange zusammen ist und den Blick füreinander verloren hat. Der Vater-Tochter-Konflikt. Ganz private Gedanken, schöne Momente, die wir alle von zu Hause kennen, das sind Geschichten, die mich interessieren. Dass das die Ausgangslage sein kann, um so schön und so laut in alle Richtungen zu hauen, das hat mich begeistert.

Wurde dann am Set noch improvisiert?
Klar! Wenn ich Schauspieler wie Heiko Pinkowski oder Peter Trabner dabei habe, dann lässt sich das nicht vermeiden. Ich würde sagen, dass wir etwa 85 Prozent anständige Drehbucharbeit gemacht haben, der Rest war improvisiert.

Hat der deutsche Improfilm überhaupt noch eine Zukunft? Ich habe letztes Jahr mit Nico Sommer gesprochen, der ja ebenfalls zu den Vertretern des deutschen Mumblecores zählt, und der zeigte sich ziemlich skeptisch. Zumindest im Kino sieht man nur noch selten solche Filme.
Ich denke schon. In meinem Fall liegt es einfach daran, dass ich so viele andere spannende Projekte habe. Wenn dir ein Tatort angeboten wird, dann überlegst du zweimal, ob du so etwas ausschlägst. Und improvisiert habe ich auch dort, genauso bei Löwenzahn. Hinzu kommt: Bei Löwenzahn konnte ich machen, was ich wollte, und hatte ein Stammpublikum von 250.000. Im Kino haben meinen Film vielleicht 10.000 Leute gesehen, wenn er gut gelaufen ist. Die Konkurrenz ist auch einfach riesengroß im Kino. Arthouse ist dort so oder so schwierig, unabhängig ob Mumblecore oder nicht. Denn da startest du oft mit zwanzig anderen Filmen gleichzeitig. Es gibt ein treues Kinopublikum, das sind bei mir ältere Damen, die schauen sich das alles an. Ein junges Publikum erreiche ich über das Kino aber gar nicht.

Was müsste passieren, um auch das junge Publikum anzusprechen?
Da bräuchte es beispielsweise einfach mehr Verschränkungen mit anderen Plattformen. Jakob Lass hat das ja damals bei Love Steaks versucht, gleichzeitig Kino, DVD-Start und Video on Demand zu machen. Das ist damals gescheitert. Dennoch denke ich, dass das ein Weg sein kann. Wenn ein Film beispielsweise im Kino startet und von der Presse besprochen wird, er aber nur in zwölf Städten läuft, dann bringt das nichts. Hättest du die Möglichkeit, ihn zeitgleich runterzuladen, gerne auf einer eigenen Plattform der Kinobetreiber, könntest du viel mehr Leute erreichen. Da müssen die Förderer und Kinos offener und moderner werden.

Warum dann überhaupt noch Kinofilme drehen?
Ich liebe das Kino ja. Ich liebe es auch, mit einem Film auf Tournee zu gehen und direkten Kontakt mit dem Publikum zu haben. Das ist durch nichts zu ersetzen. Bei einem Fernsehfilm kann ich höchstens die Kommentare auf Facebook nachlesen, wenn ich gerade in einer masochistischen Stimmung bin.

Kommen wir noch ein bisschen auf den Inhalt von Familie Lotzmann auf den Barrikaden zu sprechen. Ich fand es auffällig, wie sehr sich die Protagonisten dort an alten Sachen festkrallen. Die Mutter, die unbedingt ihren alten Staubsauger behalten will. Der Vater, der immer nur am selben Ort Urlaub macht. Die Tochter, die sich gegen den neuen Markt wehrt. Warum tun die das?
Weil es ihnen Sicherheit gibt und ihnen diese immer mehr abhanden kommt. Ein schöner Blickwinkel. Ich hab den Film von der Seite noch nie gesehen. Aber es ist schon so, dass wir uns ja alle nach Zeiten zurücksehnen, an denen wir glücklich waren. An denen es schön war. Die Figuren haben alle gemeinsam, dass sie irgendwo festgefahren sind und steckengeblieben sind. Sie sind unglücklich mit dieser Welt und sehnen sich nach etwas, an dem sie sich festhalten können. Bille sehnt sich zum Beispiel zu der Liebe ihres Vaters zurück. Die waren sicher einmal eine funktionierende Familie. Sie möchte von ihrem Vater wertgeschätzt werden, und er von ihr. Das passiert aber nicht. Dann hält man sich fest an Vergangenem.

Ich musste bei dem Film ständig an die USA denken, wo sich auch die Leute an Vergangenem festhalten und dafür sogar Donald Trump wählen.
Das ist lustig. Als wir Familie Lotzmann gedreht haben, war Trump noch nicht gewählt und spielte auch keine Rolle. Es ist toll, wie der Film in den zwei Jahren, in denen er herumlag, unfassbar modern geworden ist. Wenn McAndrew sagt „You’re fired“, hast du eine ganz andere Assoziation als noch vor zwei Jahren.

Bringt es überhaupt etwas, so sehr an Altem festhalten zu wollen?
Nicht krampfhaft, nein. Man sollte schon offen für etwas Neues sein. Wenn die Zeiten sich ändern, muss man sich anpassen.

Gibt es etwas, an dem Sie sich festhalten?
Lauter Materielles. Schallplatten, CDs, Bücher.

Also kein großer Freund der Digitalisierung?
Nee. Musik, die ich nicht im Regal hab, die ist irgendwie nicht da. Wir haben zwar ein Spotify-Abo. Das ist schön, um etwas zu entdecken, um es anderen Leuten kurz zu zeigen oder wenn man im Auto fährt. Aber es ist nicht da, es gehört nicht mir.

In Familie Lotzmann kommt auch das Thema Rassismus kurz auf. Ist Rassismus oder zumindest Unbehagen und Misstrauen vor dem Fremden in den letzten Jahren schlimmer geworden oder wird es jetzt einfach nur stärker thematisiert?
Der Tonfall hat sich verändert. Die Gesprächskultur. Dass Political Correctness jetzt etwas Negatives sein soll, das entsetzt mich zutief. Ich habe immer gedacht, dass korrekte Umgangsformen eine wichtige Errungenschaft sind. Ich glaube nicht, dass die Leute heute anders denken als vor zehn, zwanzig Jahren. Diesen Alltagsrassismus hat es immer schon gegeben. Man hatte nur ein Gefühl dafür, was sich gehört und was sich nicht gehört. Was mich vor allem schockiert ist der neue Trend zum Postfaktischen. Wenn du selbst Fakten negierst, dann fehlt jede Grundlage, um sich überhaupt noch miteinander zu unterhalten. Und dann wird Alltagsrassismus auch wirklich gefährlich, da dir die Möglichkeit fehlt, mit Argumenten zu arbeiten.

Im Juli war Premiere Ihrer Operinszenierung von Orlando paladino, im August dann Familie Lotzmann im Fernsehen, im September folgt Nackt über Berlin als Theaterstück. Wie geht es danach weiter?
Mein Mann und ich nehmen ein Hörspiel für den NDR auf, das im Dezember ausgestrahlt werden soll. Das handelt von zwei Männern, die uns nicht ganz unähnlich sind und mit ihren Müttern und der Oma in eine WG ziehen. Eine sehr schöne Sache, die sich auch als Serie anbieten würde. Ansonsten spiele ich auch wieder mit dem Gedanken, ein Buch zu schreiben. Aber das ist noch zu früh, um darüber zu sprechen.

Zur Person
Axel Ranisch wurde am 30. Juni 1983 in Berlin geboren. Nach einer Ausbildung zum Medien- und Theaterpädagogen studierte er Regie an der Filmuniversität Babelsberg. Bekannt wurde er durch die Tragikomödien Dicke Mädchen (2011) und Ich fühl mich Disco (2013), durch die er zu einem der Aushängeschilde des deutschen Mumblecore wurde: Filme, die mit wenig Budget, Laiendarstellern und viel Improvisation gedreht werden. Seine Vorliebe für die Improvisation behielt er bei seinen beiden Tatort-Filmen und den Folgen für Löwenzahn bei, die er fürs Fernsehen drehte. Neben seiner Kino- und TV-Arbeit inszenierte er zuletzt die Ritter-Oper Orlando paladino und veröffentlichte Anfang 2018 seinen ersten Roman Nackt über Berlin.

Axel Ranisch [Interview]
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