„Photon“, Polen, 2017
RegieNorman Leto; Drehbuch: Norman Leto; Musik: Przemyslaw Ksiazek, Igor Szulc, Przemyslaw Wierzbicki

„Why is there anything and not nothing?“

Photon

„Photon“ läuft im Rahmen des 13. filmPOLSKA Filmfests (25. April bis 2. Mai 2018)

Die einleitende Frage des Films zeigt sofort, wohin die Reise geht: Verhandelt werden die existenziellen Fragen des Lebens, verhandelt wird das Phänomen des Lebens selbst. Warum überhaupt etwas existiert in diesem Universum, kann der Film nicht beantworten. Warum es allerdings für uns Menschen eine wahrnehmbare Welt gibt, führt uns zum Titel des Films: Photon. Ohne Photonen-Strahlen, die auf unsere Netzhaut treffen, bliebe uns die Außenwelt verschlossen. Durch die Photonen können unsere Gehirne Bilder entwickeln, die für uns ein Tor zur Welt darstellen. Es entstehen die Bilder, die wir alltäglich sehen.

Am Anfang war das …
Doch das reicht dem Erzähler des Films nicht. Dieser ist ein renommierter Molekular-Biologe aus Polen, der uns im ersten Teil des Films das Entstehen des Universums und der Planeten als Stimme aus dem Off erklärt. Der Erzähler möchte Dinge sichtbar machen, die für unser menschliches Auge sonst unsichtbar sind, wie etwa die Bewegung von Atomen, Protonen und Gravitationswellen. Kurz gesagt: Es geht ihm um (wissenschaftliche) Erkenntnis.

Dabei verwendet er zahlreiche Animationen und andere Darstellungen von Molekülen, Atomen, Quarks und anderen Teilchen. Die Bilder sind in einem gräulichen Ton gehalten, der den Zuschauer zwar leicht anstrengt, der aber einen Zweck verfolgt: Der Erzähler lässt die Farbe absichtlich weg, da diese eine Erfindung des Gehirns sei. Farbe müsse erst durch den Betrachter als Farbe erkannt werden. Da es ihm um eine Form der objektiveren Erkenntnis geht, verzichtet er auf sie. Kurz nachdem er dieses Prinzip erklärt hat, wird auf einmal alles farbig dargestellt. Da die Zuschauer ja sowieso Menschen mit Gehirnen seien, könne er auch gleich Farbe verwenden. Es ist eine der zahlreichen Brechungen, die den Erzähler als nüchternen Wissenschaftler in Frage stellen.

Das Leben in all seinen Formen
Im zweiten Teil des Films wird uns die Entstehung des Lebens erklärt. Die unglaubliche Vielfalt erster Lebensformen wird gezeigt. Die visuellen Darstellungen auf molekularer Ebene überwiegen, wechseln sich nun aber häufiger mit Bildern aus dem üblichen menschlichen Wahrnehmungsspektrum ab. Auf diese Bilder lässt der Erzähler jedoch häufig ein überlegenes „Let’s have a closer look“ folgen, und es geht wieder zurück zu der Molekular-Darstellung, die für ihn „closer“, näher an der Erkenntnis ist.

Je mehr Lebensformen gezeigt werden, desto anschaulicher wird die visuelle Darstellung: manchmal schleimig, krabbelnd, eklig, aber stets visuell fesselnd sind die Bilder, die uns präsentiert werden. Die Slow Motion, die das dynamische Zusammenspiel der kleinsten chemischen Teile vorführt, ist faszinierend. Fast schwierig anzuschauen ist die glitschige Geburt eines Babys, das blutig und unter allerlei Fäkalgeräuschen aus einem animierten Schoß flutscht. Lapidar konstatiert der Erzähler zum entstandenen Lebewesen: „The environment will shape the rest“.

Gebrochen wird die Rolle des sachlichen Wissenschaftlers auch, wenn dieser seine Erkenntnisse mit witzigen Fakten garniert, oder auf ungenaue Wissenschafts-Metaphern schimpft, die er als barbarisch bezeichnet. Trotzdem findet er selbst einige Metaphern und entwickelt eine poetische Sprache für seine Erkenntnisse. Dem Zuschauer zeigt er durch die visuelle Lebendigkeit der Moleküle, die kraftvollen Bilder von der Entstehung des Lebens sowie durch seine unterhaltenden Wissenschaftsmonologe vor allem eins: Wissenschaft ist selbst ästhetisch. Sie kann selbst unser ästhetisches Zentrum ansprechen, kann uns unterhalten, man braucht dazu keinen klassischen Spielfilm. Ein Film wie Photon kann das auch. Man fiebert geradezu mit, wenn die drastischen Bilder eines kranken Embryos gezeigt werden. Oder wenn sich die ersten Lebensformen scheinbar ächzend, aber unaufhaltsam ihren Weg vom Wasser ans Land bahnen. Die dramatische Filmmusik, die auch zu einem epischen Drama gehören könnte, tut ihr Übriges.

Zwischen Fakt und Kunst
Ästhetik hört nicht bei unserer alltäglichen Wahrnehmung auf. Gerade das Medium des Films ist von vielen Avantgardisten dazu auserkoren, diese alltägliche Wahrnehmung zu verlassen. Photon geht diesen Weg, wählt allerdings keine abstrakte Kunst-Bildsprache, sondern die naturwissenschaftliche Darstellung als visuell-ästhetische Form. Schon deshalb wäre es fragwürdig, den Beitrag vom filmPOLSKA Filmfest 2018 als klassischen Dokumentarfilm zu bezeichnen. Dies wird auch dadurch in Frage gestellt, dass die jeweiligen Erklär-Abschnitte von einer fiktiven Interview-Situation des Wissenschaftlers mit einer jungen Frau vom Fernsehen gerahmt sind.

Eine besonders schöne Stelle dieses Interviews zeigt, wo die Grenze zwischen wissenschaftlicher Populärkultur und elaborierter Wissenschaft verläuft: Die Interviewerin fragt den Erzähler, nachdem vorher eher oberflächlich über die großen Themen der Entstehung des Lebens gesprochen wurde, nach seiner Arbeit, die er tagtäglich an der Uni verrichtet. Der Wissenschaftler winkt ab. Er wolle das Interview nicht kaputt machen. Schließlich erzählt er widerwillig von seiner Arbeit mit Pixeln und Photonen, steigert sich dann aber in seiner eigene Erzählung hinein und wird geradezu enthusiastisch, wenn er einen Höhepunkt seiner Erkenntnisse mitteilt. Ein Blick in die Augen der Interviewerin zeigt, dass er zu weit gegangen ist. Resigniert zieht er die Mundwinkel nach unten.

Am Ende wartet immer das Naturgesetz
Der Film leitet uns zu der Erkenntnis, dass unser gesamtes Leben sowie unsere individuelle Geschichte auf materiellen Vorgängen beruht. Die menschliche Kultur, das Sozialverhalten, Krankheiten, der freie Wille, alles erklärt der Film mit physikalischen und biochemischen Abläufen. Man fühlt sich geradezu materialisiert, so dass es tröstlich ist, wenn im letzten Drittel des Films Großaufnahmen von Wolkenkratzern, fahrenden Autos und Menschenmengen gezeigt werden, die uns eine vertrautere Form von Leben vor Augen halten. In diesem letzten Kapitel zeigt uns Photon, wie das digitalisierte Leben in der Zukunft aussehen könnte und kann erneut mit atemberaubenden Bildern aufwarten. Diese sind diesmal frei von molekularen Diagrammen, da sie allein der Imagination des Erzählers entspringen.

Regisseur Norman Leto hat mit Photon einen Film geschaffen, der zwar ein wissenschaftlich interessiertes Publikum, aber zugleich Ästhetik-Fans anspricht. Das scheint kein Zufall zu sein, denn Norman Leto ist neben dem Filme-Schaffen vor allem als bildender Künstler tätig. Es sind seine eigenen Eltern, die in einigen Ausschnitten gezeigt werden, und deren Gehirne analysiert werden. Der Vater hat Parkinson. In einer Szene schaut er auf eine Wassermelone und kann sie durch die bunte Farbe als ein von seiner Umwelt getrenntes Objekt erkennen. Als Melone kann er sie jedoch nicht mehr identifizieren. Auf diese Unfähigkeit wiederum reagiert sein Gehirn. Es ruft ein Gefühl in ihm wach, das sich trotz der Krankheit deutlich in seinem Gesicht widerspiegelt: Bedauern. Die Szene ist ein filmisch eindrückliches Moment, hervorgerufen durch die emotionale Verbundenheit zu einem kranken Menschen und die parallel laufende visuell-wissenschaftliche Erklärung, die Ästhetik der Wissenschaft.

Photon
4.11 (82.22%) 9 Artikel bewerten

Photon
Norman Leto führt uns in seinem Film wissenschaftliche Vorgänge vor Augen, durchbricht dabei aber immer wieder die Grenzen von Dokumentarfilm und Kunstwerk. Das Ergebnis ist ein mal sachlicher, dann persönlicher Querschnitt durch verschiedene Disziplinen, von den Anfängen des Lebens bis zu der digitalisierten Zukunft, der allein schon aufgrund der atemberaubenden Bilder fesselt.
0ohne Wertung

Über den Autor

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.