„On Happiness Road“, Taiwan, 2017
Regie: Hsin-Yin Sung; Drehbuch: Hsin-Yin Sung; Musik: Tzu-Chieh Wen

On Happiness Road

„On Happiness Road“ läuft im Rahmen des 25. Internationalen Trickfilm-Festivals Stuttgart (24. bis 29. April 2018)

Lange schon ist Chi nicht mehr in Taipei gewesen. Dort ist sie geboren und aufgewachsen, zur Schule gegangen, hat gearbeitet. Doch irgendwann war ihr das nicht mehr genug gewesen. Und so suchte sie in den USA ihr Glück, heiratete irgendwann auch. Da erreicht sie eines Tages die Nachricht, dass ihre Großmutter gestorben ist. Chi, die schon länger nicht mehr im Exil und in ihrer Ehe glücklich ist, beschließt in die Heimat zurückzukehren, um der Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Wieder in der Happiness Road angekommen, in der noch immer ihre Eltern leben, muss sie sich nicht nur mit den dortigen Veränderungen auseinandersetzen. Für sie stellt sich außerdem die Frage: Was ist eigentlich aus ihrem Leben geworden? Ihren Plänen? Ihr selbst?

Als die Welt Mitte der 90er begann, sich von der Kunst des Zeichentricks abzuwenden und stattdessen der von CGI-Animation zuzuwenden, war Taiwan eines der größten und gleichzeitig wenig beachtesten Opfer. Bis dahin war das südostasiatische Land eine begehrte Unterstützung bei der Produktion von 2D-Animationsfilmen gewesen. Doch dafür war später kein Bedarf mehr, Taiwan selbst hatte diesen Wandel nicht rechtzeitig genug bemerkt und damit den Anschluss verloren. Anders als Japan, im geringeren Maße auch Südkorea, verpasste es der Inselstaat zudem, sich einen eigenen Namen in diesem Bereich zu machen. Made in Taiwan mag oft im Kleingedruckten gestanden haben, ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit ist das jedoch nie vorgedrungen.

Etwas Besonderes und dabei doch universell
Es ist dann auch gleich doppelt schön, dass nach jahrelanger Arbeit und mühevoller Finanzierung On Happiness Road doch noch das Licht der Welt erblickt hat. Ein Animationsfilm, der durch und durch taiwanesisch ist, dies auch stolz hervorhebt, noch dazu weitgehend altmodisch per Hand gezeichnet. Doch es ist nicht nur die Vorgeschichte und der kleine Exotenstatus, die den Film zu etwas Besonderem machen. Die Geschichte um eine in den USA lebende Exil-Taiwanesin, die noch einmal ihr Leben Revue passieren lässt, gehört zu den schönsten, die der Animationsbereich in der letzten Zeit zu erzählen hatte – gleich welche Technik, gleich welche Herkunft.

Im Grundsatz ist es natürlich sehr klassisch, was Regisseurin und Drehbuchautorin Hsin-Yin Sung da tut. Ein Mensch kehrt nach dem Tod eines Angehörigen in die Heimat zurück und muss sich mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzen. Das ist im Realfilmbereich eine immer wieder gern beliebte Ausgangssituation, beispielsweise beim Oscargewinner Manchester by the Sea oder auch dem deutschen Nirgendwo. An vielen Stellen macht es einem On Happiness Road dann auch einfach, sich in ihm wiederzufinden. Die Schwierigkeiten von Chi in der Schule, der Streit mit den Eltern um den eigenen Lebensweg, die Sehnsucht nach Statussymbolen und Orientierungspunkten, dafür muss man nicht aus Taiwan sein.

Der persönliche Rückblick auf die Landesgeschichte
Sung verknüpft diese universellen Punkte jedoch mühelos mit solchen, die sehr spezifisch für Taiwan sind. Allen voran das gespannte Verhältnis zum Festlandchina wird immer wieder aufgegriffen. Das beginnt in der Schule, wo Chi nur noch Mandarin reden darf – vergleichbar zu den Erlebnissen der tibetanischen Leidensgenossen in Pawo –, geht über diverse Unruhen und Auseinandersetzungen bis hin zur allmählichen Demokratisierung des Landes. Chis Familie will mit den Grundsatzdiskussionen nichts zu tun haben, nichts mit Politik, bekommt diese aber doch dauernd zu spüren. Und auch die Situation der oft wenig angesehenen Amis, die größte indigene Minderheit Taiwans, bekommt ein Gesicht: das der resoluten Großmutter, die sich nicht nur in den zahlreichen Flashbacks regelmäßig zu Wort meldet. Immer wieder gelingt es On Happiness Road auf diese Weise, das Persönliche mit dem Politischen zu verbinden.

Diese nur beiläufige, sehr spielerische Aufarbeitung der eigenen Landesgeschichte ist sicherlich das herausstechendste Merkmal von On Happiness Road. Doch auch ohne dieses bliebe ein sehr sehenswerter Film über eine Familie und die Suche nach dem persönlichen Glück. An mehr als einer Stelle erinnert dieser an das Werk des kürzlich verstorbenen Isao Takahata. Die nostalgische Überlagerung von Erinnerung und Gegenwart ähnelt der von Tränen der Erinnerung – Only Yesterday, die kuriosen Familienmitglieder könnten Verwandte von Meine Nachbarn die Yamadas sein. An die technische Brillanz der japanischen Kollegen kommt das hier natürlich nicht heran, das geringere Budget macht sich dann doch bemerkbar. Schön anzusehen ist das Ergebnis dennoch, eine Mischung aus Realismus und überbordenden Comicübertreibungen. Wer das Internationale Trickfilm-Festival Stuttgart 2018 besucht, sollte sich dieses Kleinod daher nicht entgehen lassen, das leider selbst in der Heimat gefloppt ist und so bald wohl nicht regulär nach Deutschland kommt. Es ist mal komisch, dann melancholisch, eigenwillig und doch auch universell, manchmal sogar auf seine Weise weise.

On Happiness Road
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On Happiness Road
„On Happiness Road“ erzählt die Geschichte einer Exil-Taiwanesin, die in ihre Heimat zurückkehrt und dort ihr Leben noch einmal überdenkt. Das ist grundsätzlich universell, verknüpft das Persönliche aber auf reizvolle und doch mühelose Weise immer mit politischen und historischen Komponenten. Da auch die Bilder sehr ansehnlich geworden sind, ist der Animationsfilm einer der schönsten der letzten Zeit und unbedingt sehenswert.
8von 10

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