„Fettes Grün“, Deutschland 2016
Regie: Selon Fischer; Drehbuch: Selon Fischer; Musik: Jonathan Howe
Darsteller: Josepha Walter, Doğan Padar, Babette Winter, Linda Simm

Nach ihrem Abitur hat Alja (Josepha Walter) schon konkrete Pläne für die Zukunft: Sie möchte Astronautin werden. Ihre beiden Mütter (Babette Winter, Linda Simm) finden das allerdings überhaupt nicht gut; auch Alja muss sich eingestehen, dass das alles nicht so einfach wird – schließlich leidet sie an Höhenangst. Unterstützung erhält sie von ihrem guten Freund Konrad (Doğan Padar), der alles tut, um ihr zu helfen – trotz ganz eigener Probleme: Er hat Multiple Sklerose.

Als ich 2016 den Trailer zu Fettes Grün von Regisseur Selon Fischer sah, hatte ich eine Hoffnung und eine Befürchtung. Gehofft hatte ich, dass Alja im Laufe des Films erkennt, dass Höhenangst kein Hindernis darstellt, wenn man Astronaut werden möchte. Das „Person hat einen Traum, muss dazu aber erst eine Angst überwinden“-Narrativ ist ja nun nicht gerade unverbraucht, es wäre ein frischer und interessanter Ansatz gewesen, die Protagonistin ihre Angst akzeptieren und einen Umweg finden zu lassen. Befürchtet hatte ich allerdings, dass das Ganze nicht zur Sprache kommt und so wollte ich bei der Sichtung vor allem herausfinden, ob Aljas Traum vielleicht doch nicht so stark ist, dass sie sich hinsetzt und sich über die Sache informiert, oder ob für das Drehbuch schlicht nicht recherchiert wurde.

Ein Problem, das keines ist
Es ist bekannt, dass viele Leute mit Höhenangst zwar nicht gut auf Dächer steigen können, aber kein Problem mit dem Fliegen haben. Und selbst wenn man das nicht weiß, liegt es doch relativ nahe, dass es im Weltall – einem luftleeren Raum ohne oben und unten – so etwas wie Höhenangst nicht geben kann. Auch gibt es Astronauten wie etwa Chris Hadfield, der offen mit seiner Höhenangst umgeht. Da kann die NASA zehnmal schreiben, dass Höhenangst ein Ausschlusskriterium bei der Bewerbung sei. Bei der ESA ist es das nicht (wie der aktuelle Fall von Nicola Baumann zeigt), und die käme für Alja ja viel eher in Frage. Das lässt sich doch alles rausfinden, in einer Zeit zumal, in welcher die Antworten auf die meisten Fragen mit einer dreißigsekündigen Googlesuche gefunden sind.

Nach seiner Festivalauswertung ist der Film nun öffentlich zugänglich (inklusive entfernter Szenen sowie Making-Of-Videos). Die Sichtung allerdings hat mich in meinem ursprünglichen Punkt nicht weitergebracht. Alja scheint sich durchaus intensiver mit der Materie auseinander zu setzen, zumindest sieht man sie sich eine Dokumentation anschauen. Als mögliche Erklärung könnte herhalten, dass Fischer eine Filmwelt entworfen hat, in welcher ein Chris Hadfield gar nicht existieren kann, weil die Naturgesetze ganz anders funktionieren als bei uns. Dann allerdings versäumt es der Film, seine Realität zu etablieren. Benötige ich in einem Fantasyfilm wie Der Herr der Ringe keine weitere Erklärung dafür, wieso man durch das Anlegen eines Ringes unsichtbar wird, muss ein Film, der anscheinend die wirkliche Welt abbilden möchte, es sehr deutlich machen, wenn er bewusst davon abweicht.

Leichtigkeit trifft auf Pathos
War es in Fischers vorherigem Film Vogelfrauen noch relativ unangenehm, mitansehen zu müssen wie sich Doğan Padar von einem Laiendarsteller an die Wand spielen lässt, kann er hier sehr gut mit Josepha Walter mithalten, die in ihrer ersten Rolle überzeugt und aufgeht. Es macht viel Spaß, den beiden zuzuschauen, weshalb auch die teilweise aufgesetzteren Performances verzeihbar sind, welche sich hauptsächlich mit den pathetischen Textzeilen begründen lassen. Es wirkt, als wollte Fischer diesen zum Glück nur vereinzelt vorhandenen Momenten ein besonderes Gewicht verleihen, das nur leider so gar nicht in die Leichtigkeit des Films passen will. Die Nebenfiguren erscheinen mit Ausnahme von zwei oder drei Stellen irrelevant, beinahe wie Füllmaterial.

Alja wird von ihrer leiblichen Mutter unnachvollziehbarerweise wie ein kleines Kind behandelt; so setzt sie ihr beispielsweise am Esstisch einen Teller Nudeln vor und weist Alja darauf hin, dass diese sich den Ketchup heute einmal selbst drauftun müsste – als wäre es etwas völlig Ungewöhnliches in diesem Haus, dass Alja sich wie ein erwachsener Mensch verhält. Das sorgt zwar immerhin für eine recht amüsante Pointe, ist aber kein angebrachter Umgang mit einer Frau, die ihr Abitur in der Tasche hat und sich darüber hinaus nie von sich aus infantil benimmt. Diese Szene ist auch nicht die einzige Instanz, welche den Eindruck erweckt, Aljas Eltern hätten lieber ein Grundschulkind da sitzen. Nur weil man Höhenangst und vermeintlich absurde Träume hat, ist man doch nicht direkt lebensunfähig und auf Betreuung angewiesen. Die Möglichkeit, dies als weiteren Konflikt einzubauen, wurde nicht genutzt; Alja scheint überhaupt kein Problem damit zu haben (mit der Einstellung ihrer Eltern zu ihrem Traum allerdings schon).

Die Schauspieler machen Lust auf mehr
Humor gibt es in Fettes Grün auch abseits von konstruierten Pointen. Als Konrad Alja austrickst und sie noch damit aufzieht, auf so etwas Billiges reingefallen zu sein, musste ich lauter loslachen, als angebracht gewesen wäre, aber für mich hat der Gag perfekt funktioniert. Die emotionaleren Momente hingegen verpuffen weitgehend wirkungslos, was ziemlich schade ist. Trotz der für einen Kurzfilm relativ langen Spieldauer werden sie meist nur unzureichend vorbereitet. Allein das Ende – wenn auch schön subtil und klug inszeniert – hätte sehr von einer besseren Hinleitung profitiert. Die Erzählweise ist ein wenig inkonsistent. Fischer nutzt Voiceover in zwar immerhin niedrigen, aber dennoch überflüssigen Dosen. Alle Informationen hätten entweder weggelassen oder visuell vermittelt werden können, wofür sich in einem Schlüsselmoment auch entschieden wurde, der dadurch direkt viel stärker wirkt, als hätte man ihn erneut von Alja erklärt bekommen. Padar und Walter aber tragen den Film, vor allem sie sorgen dafür, dass man die ganze Zeit gerne dranbleibt; insbesondere Walter legt eine Spielfreudigkeit an den Tag, die bei Debütanten in dieser Form sehr selten zu sehen ist. Das schürt Erwartungen für Fischers aktuellen Film Warten auf morgen, der sich gerade auf Festivaltour befindet und in dem beide wieder die Hauptrollen übernehmen.

Fettes Grün
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Fettes Grün
Selon Fischers Film "Fettes Grün" ist der beschwingteste und längste seiner Filmographie. Er wartet mit gutem Schauspiel sowie einer netten Grundprämisse auf, deren Ausführung zu unbegründet künstlerisch frei ist und dadurch leider schlecht recherchiert wirkt. Wer genügend suspension of disbelief und eine halbe Stunde Zeit aufzubringen vermag, kann gerne einmal reinschauen, und sei es nur fürs Schauspiel allein.
5von 10

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