„Über Leben in Demmin“, Deutschland, 2017
Regie: Martin Farkas

Ueber Leben in Demmin

„Über Leben in Demmin“ läuft ab 22. März 2018 im Kino

Es ist der gespenstischste Moment in einem Film, der nicht unbedingt arm an solchen ist: Eine Gruppe von Menschen schreitet durch die Stadt, hält ernste Reden, legt einen Trauerkranz ins Wasser. Dort hatten sich 70 Jahre zuvor zahlreiche Frauen das Leben genommen. Schnürten Steine um sich. Ertränkten sich, oftmals auch die eigenen Kinder. Viele sind damals gestorben, Anfang Mai 1945, mehrere Hundert. Die meisten aus eigener Hand, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Kurz bevor die Russen einmarschierten, von denen so viele Horrorgeschichten im Umlauf waren.

Warum ausgerechnet die kleine Hansestadt Demmin in Mecklenburg-Vorpommern derart heftig reagierte und in einem Massenselbstmord das kleinere Übel sah, das ist die große Frage. Eine Frage, die sich die Überlebenden von damals bis heute nicht beantworten können. Eine Frage, die auch Über Leben in Demmin nicht wirklich beantworten kann. Wobei es auch nicht ganz klar ist, ob Regisseur Martin Farkas diese Frage überhaupt beantworten möchte. Ob es die Vergangenheit ist, die ihn antreibt. Oder doch die Gegenwart.

Geschichte ist, was du draus machst
Der Trauermarsch, der jedes Jahr am 8. Mai durch den Ort zieht, er interessiert sich gar nicht so sehr für die einzelnen Toten. Stattdessen sind es rechte Bewegungen, die den Tag und die Tragödie für sich gekapert haben, um mit viel Gravitas Verschwörungstheorien zu verbreiten und sich selbst als wahrhafte Opfer zu inszenieren. Dass die wenigen Alten, die tatsächlich das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt haben, dabei waren, als sich ihre Mitbürger das Leben nahmen, eine andere Geschichte erzählen, das ist gleichzeitig komisch und traurig.

Zumindest zum Teil ist Über Leben in Demmin dann auch das Plädoyer dafür, miteinander zu sprechen. Die Zahl der Leute, die etwas über die damalige Zeit sagen können, die wird immer kleiner. Die Zahl der Leute, die ihnen zuhören aber auch. Dabei haben sie eine Menge zu erzählen. Kleine Anekdoten aus dem Alltag. Schreckliche Anekdoten, als der Alltag ausgesetzt wurde. Manche möchten nicht über die Vergangenheit reden, würden am liebsten alles vergessen, was damals vorgefallen ist. Andere haben dafür umso deutlichere Worte, die gerade auch im Umfeld der kruden Parolen umso mehr Wirkung zeigen. Auf der einen Seite die Hellsichtigkeit der Überlebenden. Auf der anderen ein rechtes Pärchen, das doch bitte mehr Toleranz gegenüber eigenen Ansichten einfordert, während es davon träumt, die linken Gegenbewegungen mit Unterstützung eines Maschinengewehrs vorzeitig zu beenden.

Viele Stimmen, viele interessante Themen
Der Beitrag von der DOK Leipzig 2017 hat eine Reihe solcher starken Momente auf Lager – mal nachdenklich, dann schockierend, absurd bis tieftraurig. Nachteil: Es mangelt Über Leben in Demmin an einer klar zu erkennenden Richtung. Es ist spannend, wenn hier jeder zu Wort kommen darf. Die Totgeweihten und die Perspektivlosen, die Überzeugungstäter und die Opportunisten – ein Gesprächspartner mag sich nicht in die Debatte einmischen, da er ja mit Linken wie Rechten Geschäfte machen mag. Aus dieser Vielzahl an Stimmen kann jedoch keine eindeutige Aussage folgen, soll vermutlich auch gar nicht.

Und doch ist es eben auch schade, dass Farkas sich nicht entscheiden mag. Historische Aufarbeitung? Rechte Strömungen in der Gegenwart? Das Porträt einer Kleinstadt? Über Leben in Demmin ist alles ein wenig, streift unterwegs eine Reihe spannender Themen, die dann aber nicht wirklich vertieft werden. Übrig bleibt das Gefühl der Beklemmung. Und das Gefühl, dass wir mit dem drohenden Verlust der Zeitzeugen noch sehr viel mehr verlieren werden. Dass da etwas verschwindet, das wir in keinem der Aufmärsche mehr wiederfinden können, egal von welcher Seite sie nun kommen mögen.

Über Leben in Demmin
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Über Leben in Demmin
Mehrere Hundert Menschen nahmen sich in der Kleinstadt Demmin 1945 das Leben, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs. „Über Leben in Demmin“ spürt dieser Tragödie nach, interessiert sich aber ebenso sehr für die heutigen Bewohner. Das streift viele interessante Themen, auch weil in dem Dokumentarfilm die unterschiedlichsten Leute zu Wort kommen. Es fehlt jedoch der Fokus, eine eindeutige inhaltliche Richtung.
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