(OT: „Der Konzertdealer“, Regie: Sobo Swobodnik, Deutschland, 2017)

Der Konzertdealer

„Der Konzertdealer“ läuft seit 5. Oktober 2017 im Kino

Ausverkauftes Haus, jubelnde Fans, Spotlight an und die Lautstärke der Verstärker auf Anschlag: Pop- und Rockkonzerte vereinen Millionen Menschen in friedlicher Feierfreude. Moderne Kollektiverfahrungen, deren Gelingen nicht nur vom Künstler abhängt: Hinter den Kulissen wirkt der „Konzertdealer“. Sobo Swobodnik (Sexarbeiterin, 6 Jahre, 7 Monate und 16 Tage – Die Morde der NSU) hängt sich an die Fersen von Scumeck Sabottka. Wem? Konzertveranstalter sind naturgemäß nicht im Fokus der Öffentlichkeit, „wir arbeiten im Schatten“ erklärt der kahlköpfige Mitfünfziger, der bei Bettina Rust in der Radiotalkshow „Hörbar Rust“ über sein Leben spricht.

Was passiert hinter Kulissen des großen Popzirkus? Mit welchen Widrigkeiten hat derVeranstalter zu kämpfen? Ominöse Veranstaltungsorte, defekte Infrastruktur, kreative DIY-Problemlösungen und extravagante Launen der großen Diven und Rockstars erwartet man sich von Der Konzertdealer, doch Swobodnik wäre nicht der Dokumentarfilmer, der er ist, wenn er diesen sensationsheischenden Erwartungen nachgeben würde.

Über Umwege zum Erfolg
In nüchternem Schwarz-Weiß, wie man es schon aus seiner Dokumenation über die Prostituierte Lena Morgenroth kennt, folgt er Scumeck auf Schritt und Tritt. Der erzählerische Rahmen wird durch den bereits erwähnten Radiotalk vorgegeben, in dem Scumeck von seinen Anfängen erzählt. Über seine Punkzeit im Berlin der 80er, als er durch seine Hepatitis-Erkrankung zu Nüchternheit verdammt als Fahrer der Einstürzenden Neubauten, der Violent Femmes und der Toten Hosen ein Kontaktnetzwerk aufbaute, das sich als unbezahlbar herausstellen wird. Ein Fan, der mit Herzblut ins Geschäft einsteigt, auf die Schnauze fliegt und immer wieder aufsteht und allmählich vom Chaot zum knallharten Geschäftsmann wird.

Aufstieg, Fall und erneuter Aufstieg zu einem der erfolgreichsten Veranstalter Deutschlands klingt nach einer interessanten, bebildernswerten Geschichte: Schade, dass Swobodnik wieder den Weg von Sexarbeiterin einschlägt und Alltag filmt: Er zeigt seinen Protagonisten im Flugzeug, am Gepäckband, in der Badewanne, in der Motorradwerkstatt, beim Physiotherapeuten, beim Boxtraining und immer wieder beim Reden, Reden, Reden – manchmal hörbar, meist stumm, unterlegt durch den experimentellen Minimal-Sound von Dino Chapman, der monoton und hypnotisch-gleichförmig vor sich hin dröhnt.

Der graue Alltag hinter dem Glamour
Die entfärbte Optik passt ziemlich gut zu einem Business, das so anmutet wie jeder andere Job auch: Kein Glamour dafür grauer Alltag, vor allem durchzogen von Längen, von regelrechter Langeweile. Swobodnik dehnt die Zeit zudem durch Zeitlupensequenzen, lange Szenen, die in Echtzeitablaufen und Scumeck im Gespräch mit seiner Freundin, im Büro oder beim Entspannen auf der heimischen Couch zeigen, tragen auch nicht gerade dazu bei, den Zuschauer zu fesseln. Für die einen ist dieser Film Kunst, für die anderen eine verschwendete Chance. Auch wenn üeinliche Nähkästchenplaudereien über Marilyn Mansons Garderoben-Spleen und Lou Reeds wunden Punkt auf ein Minimum beschränkt sind, wird in den wenigen dieser Moment, das Gefühl unfreiwilliger Voyeur zu sein, unangenehm verstärkt.

Beeindruckend ist Scumeck Branchenwissen allemal, doch die Leidenschaft, die ihn zu dem gemacht hat, was er ist, scheint er verloren zu haben: Dieser Mann macht nur seinen Job, zwar sehr gut, aber dennoch abgebrüht, überheblich und selbstverliebt. Wie er mit jungen Künstlern und Künstlerinnen spricht, ist so unglaublich selbstgefällig, dass man den Musikern zurufen möchte: „Lauft so schnell ihr könnt! Sonst verkauft ihr eure Seele dem Teufel.“ Statt des Films sei den Interessierten die Aufzeichnung des Radiotalks mit Bettina Rust empfohlen, Der Konzertdealer liefert leider keinen weiteren Mehrwert durch die bewegten Bilder.

Der Konzertdealer
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Der Konzertdealer
Die Doku "Der Konzertdealer" zeigt das dreckige bis langweilige Geschäft hinter Konzerten. Das ist trotz eines erfahrenen Protagonisten nur manchmal spannend, insgesamt eher eine vertane Chance.
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