(OT: „Dengler – Die schützende Hand“, Regie: Lars Kraume, Deutschland, 2017)

„Dengler – Die schützende Hand“ läuft im Rahmen des 25. Filmfests Hamburg (5. bis 14. Oktober 2017) und am 6. November 2017 im ZDF

Der Fall ist klar, zumindest wenn es nach den Behörden geht: Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt haben eine Bank ausgeraubt, und als die Polizei sie stellen wollte, nahmen sie sich das Leben. Aber nicht jeder ist von dieser Version der Dinge überzeugt. Auch Privatermittler Georg Dengler (Ronald Zehrfeld), der den Auftrag erhält, der Sache auf den Grund zu gehen, kommt die Sache seltsam vor. Erst spannt er die in Amsterdam untergetauchte Hacker-Aktivistin Olga Illiescu (Birgit Minichmayr) ein, um die NSU-Akte vom Bundeskriminalamt zu entwenden. Später erhält er inoffiziell Hilfe von LKA-Mann Marius Brauer (Tom Wlaschiha). Doch je mehr die drei nachforschen und versuchen, die Ereignisse zu rekonstruieren, umso weniger Sinn ergibt das Ganze.

Eines muss man Wolfgang Schorlau ja lassen: In seinen Roman um Georg Dengler packt er allerhand heiße Eisen an. Einfach „nur“ einen Krimi zu schreiben, ist ihm zu wenig, er verknüpft die Tätersuche lieber mit gesellschaftlich relevanten Themen. Kriminelle Machenschaften in der Wirtschaft, beispielsweise in der Pharmaindustrie, Intensivtierhaltung, neuartige Waffen während des Afghanistankrieges – das ist schon eine Menge Stoff. Vor allem der Umgang mit der rechten Szene ist ihm ein Dorn im Auge. Schon in seinem fünften Buch „Das München-Komplott“ über das nie befriedigend aufgeklärte Attentat beim Oktoberfest 1980 schrieb er von Verknüpfung der NPD und des Verfassungsschutzes. In seinem aktuellen Werk „Die schützende Hand“, der achte Fall von Dengler, ist es nun die NSU, die engere Verbindung zu Behörden hat, als Letztere zugeben wollen.

Böse Polizisten oder dummer Polizisten?
Erfolgreich war der Roman zweifelsfrei, aber auch ziemlich umstritten. Schorlau, der Fakten und Fiktion nur ungern voneinander trennt, bediene hier die üblichen Verschwörungstheorien. Bei der TV-Variante, die auf dem 25. Filmfest Hamburg in Anwesenheit von Regisseur Lars Kraume (Terror – Ihr Urteil, Meine Schwestern) und diverser Schauspieler Premiere feiert, bevor sie am 6. November 2017 im ZDF läuft, ist das nicht anders. Im Grunde läuft es auf das übliche Spiel hinaus: Die Polizei weiß sehr viel mehr, als sie zugibt, hängt in der ganzen Geschichte mit drin und will einfach nur ihre Spuren beseitigen. Was sie nicht einmal allzu überzeugend tut, da es zu viele Widersprüche gibt.

Nun kann man zu diesem Thema stehen, wie man will. Werden wir von den Behörden nach Stich und Faden verarscht? Oder sind sie einfach nur inkompetent? Auch die Frage, ob Schorlau da nicht zynisch mit Paranoia und obrigkeitsfeindlichen Tendenzen Kasse machen will – im Deckmantel der Wahrheitssuche –, sei mal außen vor gelassen. Stammtischparolen auf Papier gebracht. Wichtiger, zumindest aus Sicht des Zuschauers: Taugt der Film etwas? Erfahre ich hier etwas Neues? Ist die Geschichte spannend? Die Antwort darauf ist deutlich eindeutiger. Und leider auch deutlich negativ.

Krimifaktor unbefriedigend
Ein Krimi spiel üblicherweise mit dem Mysteryfaktor. Was ist passiert? Wer steckt dahinter? Dass hier die Polizei der Schuldige ist, wird jedoch gleich zu Beginn verraten: Dr. Müller (Rainer Bock) tut alles dafür, damit Dengler nicht ans Ziel kommt. Nun geht Die schützende Hand aber 90 Minuten lang. 90 Minuten, die der Film in erster Linie damit verbringt, immer weitere Indizien anzuhäufen, weshalb die offizielle Version nicht stimmen kann. Das wurde uns als Zuschauer aber bereits verraten. Also warten wir auf mehr, auf eine Konsequenz für die Vertuschung. Die wiederum kann aber nicht eintreffen, so stark möchte dann doch auch Schorlau nicht die Geschichte umschreiben. Das Ende: Der Film ist irgendwann vorbei. Nichts ist passiert. Nichts hat sich geändert. Lediglich der Auftraggeber von Dengler, um den ein großes Geheimnis gemacht wurde, wird enthüllt, um sich zum Schluss ziemlich plump vor einer Aufklärung zu drücken.

Das ist natürlich auch irgendwo dem Konzept geschuldet: Ein Krimi, der auf einem wahren Fall beruht und nicht richtig aufgeklärt werden darf, ist für Rätselfreunde quasi per Definition unbefriedigend. Aber auch als Thriller ist Die schützende Hand kaum zu gebrauchen, da nie wirkliche Spannung auftritt. Es fehlt das Gefühl einer echten Bedrohung, auch wenn zum Ende hin Schorlau erneut Verschwörungstheoretikern Futter gibt. Es ist jedoch nicht nur das „was“, das bei dem Film nicht stimmt, beim „wie“ sieht es nicht besser aus. Die Dialoge sind oft fürchterlich, nichts fühlt sich hier natürlich an, es ergeben sich keine normalen Gespräche. Und das ist vielleicht das größte Verbrechen in einer Produktion, die eine ganze Reihe talentierter Schauspieler erhält. Lediglich Minichmayr darf als zynische Superhackerin hin und wieder mal einen frotzelnden Spruch loslassen, der die befremdliche Eintönigkeit durchbricht. Seltene Lichtblicke in einem Film, der provozieren will, in erster Linie aber schrecklich langweilt.

Dengler – Die schützende Hand
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Dengler – Die schützende Hand
Wie das zugrundeliegende Buch auch, will die TV-Adaption durch skandalöse Verknüpfung von Polizei und rechter Szene provozieren. Das gelingt jedoch nicht. Die Verschwörungstheorien sind zu bekannt, es fehlen hier sowohl Geheimnisse wie auch Spannung. Lediglich die gute Besetzung rettet „Dengler – Die schützende Hand“ vor Schlimmerem, auch wenn sie mit fürchterlichen Dialogen zu kämpfen hat.
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