(OT: „Brigsby Bear“, Regie: Dave McCary, USA, 2017)

Brigsby Bear

„Brigsby Bear“ läuft im Rahmen des 13. Zurich Film Festivals (28. September bis 8. Oktober 2017)

Es ist ein schönes Leben, welches James Pope (Kyle Mooney) da führt. Okay, es ist ein bisschen schade, dass er das Haus nicht verlassen kann, weil draußen alles verseucht ist. Dafür lieben ihn seine Eltern Ted (Mark Hamill) und April (Jane Adams) aufrichtig, die Fernsehsendung Brigsby Bear verrät ihm alles, was er wissen muss. Eines weiß er jedoch nicht: Nichts davon ist wahr. Ted und April haben ihn entführt, als er noch ein Kind war, auch die Sendung hat es nie wirklich gegeben – sie war eine Erfindung von Ted. Klar ist er dann auch ziemlich verwirrt, als ihn eines Tages die Polizei befreit und ihn zu seinen leiblichen Eltern (Matt Walsh, Michaela Watkins) und seiner Schwester Aubrey (Ryan Simpkins) mitnimmt. Jeder Versuch, ihn im wahren Leben zu integrieren scheitert. Erst als er mit dem Schüler Spencer (Jorge Lendeborg Jr.) und Detective Vogel (Greg Kinnear) anfängt, einen Film über Brigsby zu drehen, erwacht er aus seiner Lethargie.

Wie findet man wieder in die normale Welt zurück, wenn man Jahre lang in einer Fantasiewelt eingesperrt war? Die Frage hatte letztes Jahr bereits Raum aufgeworfen und fand eine Antwort, die von Magie wie von Schmerz geprägt war. Regisseur Dave McCary und Kyle Mooney, auf dessen Idee der Film zurückgeht, nehmen hier zwar eine im Grundsatz vergleichbare Situation. Aber das Ergebnis hat kaum etwas mit dem traumatisierenden Drama der Kollegen zu tun. Traumata gibt es hier keine. Auch wenig Drama. Stattdessen will Brigsby Bear den Herzen der Zuschauer so viel Gutes tun, dass es angesichts des bitteren Entführungsthemas ziemlich befremdlich wirkt.

Mit etwas Fantasie kannst du alles schaffen
Eigentlich ist den Filmemachern die Entführung selbst auch ziemlich egal. Brigsby Bear ist vielmehr eine Liebeserklärung an die Fantasie, die auch das schäbigste Leben zu etwas Wundervollem machen kann. Und es ist eine Liebeserklärung an die 80er. Genauer war es die Mischung aus optimistischer Unbekümmertheit und den zuweilen unheimlich-seltsamen Figuren dieser Zeit, die ihn geprägt haben. Ted, der sich die Geschichten zum Bären ausgedacht hat, sollte an Jim Henson (Der dunkle Kristall, Die Muppet Show) angelehnt werden, mit Ratschlägen, die gleichermaßen komisch wie liebevoll sind.

Komisch und liebevoll ist auch der Film an sich. Schenkelklopfer haben die dank Saturday Night Live comedyerfahrenenen Filmemacher zwar keine eingebaut, aber doch viele Szenen, die absurd und skurril genug sind, um einen zum Lachen zu bringen. Und eben auch zum Träumen. Die fiktive Serie versprüht unwiderstehlichen Do-it-yourself-Charme, die vorsintflutlichen Spezialeffekte treiben jedem Nostalgiker die Tränen in die Augen. Wenn James und sein improvisiertes Filmteam dieses in ihrer Brigsby-Version nun nachzustellen versuchen, dann ist das Fanfiction in seiner pursten Form. Ein Nachmachen nicht aus kommerziellem Interesse oder um Teil eines Trends zu sein. Es ist ein Nachmachen, das aus tiefster Bewunderung kommt.

Eine Welt für alle Außenseiter
Klar ist James naiv. Er ist aufgrund seiner abgeriegelten Kindheit nicht zu dem Erwachsenen geworden, der sein Körper eigentlich sein sollte. Aber eben das erschwert es ungemein, Brigsy Bear nicht zu mögen: Mit ihm zusammen lernen wir die Welt noch einmal neu kennen, sehen sie durch die staunenden Augen eines Kindes. Nichts ist unmöglich, wenn dein Herz an etwas hängt. Lasst uns zusammen etwas schaffen, das uns gehört, das uns niemand mehr wegnehmen kann. Lasst uns mehr sein als das, was andere in uns sehen wollen.

Angesichts so großer Naivität und betonter Unschuld darf man natürlich mit den Augen rollen. Man könnte auch kritisieren, dass es hier nicht viel Platz für echte Charaktere gibt, dass alles etwas zu harmlos, zu leicht ist. Dass an und für sich auch keine tatsächliche Geschichte erzählt wird. All das stimmt und spielt doch keine Rolle. Wenn wir hier alte VHS-Kassetten schauen, billige Weltraumabenteuer erleben, um abends im Schlafanzug mit unseren Lieblingshelden ins Bett zu gehen, dann ist das ein so liebenswert-schrulliger Gegenentwurf zu einer zynischen, auf Normen fixierten Welt, dass man nur zu gerne dabei ist. Außenseiter zu sein, ist gar nicht so schlimm. Es kann sogar etwas wirklich Wundervolles sein, wenn man die richtigen Freunde dazu hat, die mit einem gehen. Selbst wenn diese nur ein Bär aus einer nichtexistierenden Fernsehserie sind.

Brigsby Bear
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Brigsby Bear
„Brigsby Bear“ erzählt die Geschichte eines Jungen, dessen Leben aus einer nichtexistierenden TV-Serie bestand. Das ist relativ harmlos, geradezu unverschämt naiv und nostalgisch. Aber die Tragikomödie ist eine so charmant-schrullige Liebeserklärung an die Fantasie und alle Außenseiter, dass einem das Herz überläuft.
8von 10

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