(OT: „Une bombe par hasard…“, Regie: Jean-François Laguionie, Frankreich, 1969)

Une bombe par hasard

„Une bombe par hasard…“ läuft im Rahmen des 15. Animationsfilmfestivals Fantoche (5. bis 10. September 2017)

Eine Vorliebe für verlassene Orte hat Jean-François Laguionie offensichtlich schon immer gehabt. Man denke nur an sein Spielfilmdebüt Gwen et le livre de sable, wo eine kleine Abenteuergruppe durch die menschenleere Wüste einer vergangenen Zivilisation wandert. Oder auch an sein aktuelles Werk: In Louise en Hiver verpasst eine alte Dame den letzten Zug und verbringt nun den Winter allein in einem Touristenort am Meer. Das erste Beispiel ist jedoch deutlich älter: Une bombe par hasard… war der dritte Kurzfilm des französischen Altmeisters, veröffentlicht im Jahr 1969.

Erzählt wird darin die Geschichte eines Mannes, der in einer kleinen Stadt Halt macht, diese aber verlassen vorfindet. In der Kneipe, wo er ein Bier bestellen möchte, findet er keine Menschenseele. Auch der große Platz in der Mitte ist ausgestorben. Nicht einmal in den Häusern ist noch jemand, obwohl alles aus so aussieht, als wäre hier bis vor Kurzem noch jemand gewesen. Dem ist auch so. Nur haben alle überstürzt Reißaus genommen, als eine riesige Bombe fiel. Explodiert ist die zwar nicht. Aber was nicht ist, könnte ja noch kommen. Und so brachten sich alle auf einem nahegelegenen Hügel in Sicherheit und müssen nun beobachten, wie der Fremde überall ein und ausgeht, die Häuser ausraubt oder auch vandaliert.

Surrealer Ausflug mit zynischem Kalleffekt
Das Ganze hat wie zu erwarten einen Knalleffekt. Doch fällt der etwas anders aus, als man vielleicht vermuten würde. Tatsächlich zeigt sich Laguionie hier von einer zynisch-gemeinen Seite, wie man sie nur selten in seinen Filmen sah. Aber auch ohne diese Wendung ist Une bombe par hasard… sehr sehenswert. Sein Gespür für das Surreale, welches schon in seinem Kurzfilmdebüt La Demoiselle et le Violoncelliste deutlich wurde, trägt reichlich Früchte. Seltsame Früchte. Geradezu gespenstisch ist es, wie der zunächst ganz in Schwarz gekleidete Mann durch die einsamen Straßen streift, mal hier, mal dort sein Glück sucht und doch nur Beweise ehemaligen Lebens findet. Dass die Bilder nach wie vor eher leer sind, ist hier dann auch kein Nachteil, wird so doch die desolate Stimmung kunstvoll unterstrichen.

Dazu gibt es wie bei den beiden vorangegangen Kurzfilmen des Filmemachers praktisch keine Sprache. Der Mann, dessen Namen wir auch nie erfahren, ruft zwischenzeitlich nach einer Bedienung. Das war es aber auch schon. Dafür gibt es wieder die dramatische Musik, die schon in L’arche de Noé eingesetzt wurde und nicht so ganz zu dem isolierten Szenario passt. Dennoch war das dritte Werk von Laguionie das bislang interessanteste Werk des Künstlers, da es das erste ist, welches den Hang zum Seltsamen mit einer spannenden Geschichte verband. Besucher des Animationsfilmfest Fantoche im Schweizer Baden dürfen sich deshalb freuen, dass auch das ungemein atmosphärische Une bombe par hasard… im Rahmen der Retrospektive zum Animationsveteran gezeigt wird.

Une bombe par hasard…
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Une bombe par hasard…
Aller guten Dinge sind drei: Der dritte Kurzfilm von Jean-François Laguionie war der bis dato interessanteste, da er es verstand, den Hang zum Seltsamen in eine tatsächliche Geschichte einzubetten. Vor allem atmosphärisch ist das surreal-zynische „Une bombe par hasard…“ über eine verlassene Stadt gelungen.
7von 10

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