(OT: „Uncle Gloria: One Helluva Ride!“, Regie: Robyn Symon, 2016)

Uncle Gloria

„Uncle Gloria: One Helluva Ride!“ läuft im Rahmen des 23. Jüdischen Filmfests Berlin & Brandenburg (2. bis 12. Juli 2017)

Dass man im Laufe seines Lebens mehrfach an den Punkt kommt, sich zu fragen, wer man eigentlich ist, das gehört zum Menschsein einfach dazu. Ob man als Kleinkind ein erstes Bewusstsein für das Selbst entwickelt, als Teenager die Hormone die komplette Weltordnung über den Haufen werfen oder später die Mid-Life-Crisis einiges wieder in Frage stellt: Gelegenheiten gibt es mehr als genug. Und doch, so sollte man meinen, ist irgendwann alles geklärt, man ist mit sich, der Welt und allem was dazu gehört, irgendwo im Reinen.

Allein deshalb schon ist das Schicksal von Gloria so außergewöhnlich. Denn die war lange Zeit Butch, ein Mann. Homosexuelle Neigungen hatte er nie, auch keinen Fetisch für Frauenklamotten. Er war verheiratet, hatte diverse Frauengeschichten, zwei Söhne sind dabei auch herausgekommen. Vor allem aber war er ein unglaublicher Macho, der keine Gelegenheit ungenutzt ließ, sich mit anderen anzulegen oder Sprüche reinzudrücken. Wenn ein solcher Mann jenseits der 70 plötzlich eine Geschlechtsumwandlung in Angriff nimmt, da wird nicht nur sein Umfeld ziemlich geschluckt haben.

Eine Doku, die in erster Linie von der Hauptfigur lebt
Regisseur Robyn Symon verlässt sich bei seinem Dokumentarfilm dann auch völlig auf den Kuriositätsfaktor und die starke Persönlichkeit seiner „Titelheldin“. Wenn sie stark zurechtgemacht und mit einer riesigen Klappe durch die Gegend stapft, alles niederreißt, was sich ihr in den Weg stellt, dann ist das schon ein unvergesslicher Anblick. Weitergehende Ambitionen hegt der Filmemacher jedoch nicht. An einer Stelle wird zwar versucht, Gloria als Ikone der Selbstbestimmung und LGBT-Bewegung darzustellen. Ganz glaubhaft wirkt das jedoch nicht, vielmehr legen viele Szenen nahe, dass der ehemalige Butch sich in erster Linie immer für sich selbst interessiert hat.

Wie viel Spaß man an Uncle Gloria: One Helluva Ride! hat, liegt dann auch in erster Linie darin begründet, wie sehr man sich für Gloria erwärmen kann. Laut, energiegeladen, selbstverliebt, ordinär – die 60 Minuten mit ihr können sehr faszinierend sein. Aber auch ziemlich anstrengend. Zum Schluss versucht sich der Beitrag vom 23. Jüdischen Filmfest Berlin & Brandenburg auch ein wenig an den leiseren Tönen, wenn plötzlich nicht mehr alles eitel Sonnenschein ist, sondern auch traurige Familiengeschichten ausgepackt werden. Das ist zuweilen nahe am Voyeurismus, vom herkömmlichem Holzhammer-Nachmittagsfernsehen nicht zu unterscheiden.

Größter Unterschied ist noch, dass Symon zwar sehr stark auf Interviews setzt – mit Gloria, Verwandten, Freunden –, aber auch historische Aufnahmen herauskramt. Auf diese Weise wird die unglaubliche Verwandlung besser vorgeführt, als es jede Beschreibung könnte. Und zumindest für eine Weile ist es ebenso unterhaltsam wie spannend, wie wenig Bestand Grenzen am Ende haben, seien sie durch andere oder einen selbst gesetzt.



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Uncle Gloria: One Helluva Ride!
Ein alter Macho entscheidet sich spät im Leben, dass er doch lieber eine Frau ist. Das ist zumindest bemerkenswert, teilweise auch ziemlich unterhaltsam. Auf Dauer ist die selbstverliebt-ordinäre Titelfigur dann aber doch etwas anstrengend, zumal die Versuche scheitern, der Geschichte mehr Tiefe zu geben.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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